Studieren ohne Abitur

Geht das überhaupt: Als Student im Hörsaal sitzen ohne Abitur? Und ob! Allerdings wissen das nur die wenigsten. Künftig sollen noch mehr Berufstätige ohne Abitur studieren dürfen. Wir erklären, welche Wege zu einem Uni-Abschluss führen und stellen das neue Aufstiegsstipendium der Bundesregierung vor

Um an einer Uni oder FH studieren zu können, braucht man - ganz klar - eine Hochschulzugangsberechtigung. In der Regel heißt das: Abitur oder Fachhochschulreife sind Pflicht.

Doch auch ohne diese Abschlüsse kann man studieren. Das Problem ist, dass das kaum jemand weiß. Gerade einmal fünf Prozent aller Studenten in Deutschland haben es ohne Abitur, über den so genannten "dritten Weg", an eine Hochschule geschafft. Das ist ein Ergebnis des "Europäischen Studienreports 2008". Zum Vergleich: In Spanien und Schottland ist jeder dritte bis vierte Student abiturlos.

Ein Haufen 50-Cent-Münzen

Mit Berufserfahrung punkten

Beruflich Qualifizierte können in allen Bundesländern studieren. Allerdings gibt es dafür keine einheitlichen Regelungen - denn Hochschulgesetze sind Ländersache.

In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel müssen Bewerber eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, mindestens drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet haben und bei Studienbeginn mindestens 22 Jahre alt sein. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann an der Hochschule eine fachspezifische Zugangsprüfung machen.

In Niedersachsen können Meister, staatliche geprüfte Techniker und staatlich geprüfte Betriebswirte alle Fachrichtungen studieren. Mit einer anderen beruflichen Vorbildung und Berufserfahrung, zum Beispiel als Erzieher oder Physiotherapeut, kann man sich für fachlich einschlägige Studiengänge einschreiben. Außerdem gibt es für Berufstätige die Möglichkeit, direkt an der Uni oder FH eine Zulassungsprüfung für ein bestimmtes Fach zu machen.

In den anderen Bundesländern gibt es ähnliche Zugangsregelungen. Teilweise ist auch ein Probestudium von zwei bis vier Semestern mit anschließender Leistungskontrollprüfung möglich.

Mindestvoraussetzung ist überall der Abschluss eines anerkannten Ausbildungsberufs. Die Dauer der geforderten Berufserfahrung variiert aber von Bundesland zu Bundesland. Ausführliche Informationen zu den jeweiligen Regelungen findet ihr >> hier.

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Kein leichter Weg

Der Weg ins Studium ohne Abitur ist noch immer schwierig. Oft ist das Verfahren kompliziert, teilweise gibt es sogar von Hochschule zu Hochschule unterschiedliche Anforderungen.

Bundesarbeitsminister Olaf Schulz will das ändern. Nach seinen Vorstellungen sollen sich Hochschulen und Universitäten weiter für Menschen ohne Abitur öffnen. Im Interview mit einer Tageszeitung erklärte er: "Ich möchte, dass in den Hochschulgesetzen aller 16 Länder steht: Wer einen Meister hat, der darf studieren." Das gleiche solle für Berufstätige gelten, die eine Lehre abgeschlossen und drei Jahre Erfahrung in ihrem Job haben.

Noch ist es aber nicht so weit. Wer ohne Abitur studieren möchte, sollte sich deswegen gut informieren und am besten direkt an den Hochschulen, die für ihn in Frage kommen, beraten lassen. Oft werden vor den Zulassungsprüfungen auch Vorbereitungskurse angeboten.

Weitere Infos findet ihr >> hier.

Alternative Fernuni

Eine Alternative zum Vollzeitstudium an einer Hochschule ist ein berufsbegleitendes Studium. Das geht zum Beispiel an der >> Fernuni Hagen.

Unterrichtet wird überwiegend online. Wer Berufserfahrung, aber keine formale Hochschulzugangsberechtigung hat, kann dort in einem so genannten Akademiestudium Leistungsnachweise sammeln, die später in dem gewünschten Studiengang anerkannt werden.

Finanzielles

Wenn ihr neben dem Beruf, also in Teilzeit, studiert, läuft euer bestehender Arbeitsvertrag weiter. Entweder wird eure Freistellung für das Studium einzelvertraglich geregelt, oder es gibt bestehende Betriebsvereinbarungen zwischen der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat.

Bei einem Vollzeitstudium besteht auch für Studenten ohne Abitur die Möglichkeit, BAföG zu beantragen. Auskünfte über die erforderlichen Voraussetzungen geben die jeweiligen Ämter für Ausbildungsförderung an den Hochschulen.

Auf der nächsten Seite: Alle Infos zum neuen Aufstiegsstipendium

Das Aufstiegsstipendium

Mit dem neuen >> Stipendium der Bundesregierung sollen beruflich besonders Begabte gefördert und zu einem Studium ermutigt werden. Ziel ist, 1.000 Stipendiaten bis Ende 2009 in das Programm aufzunehmen.

Wer kann sich bewerben?

Alle, die ihre Berufsausbildung besonders erfolgreich absolviert haben und über mindestens zwei Jahre Berufserfahrung verfügen. Besonders erfolgreich bedeutet: mindestens eine Durchschnittsnote von 1,9 bzw. 87 Punkte in der Berufsabschlussprüfung oder der Aufstiegsfortbildung. Chancen hat auch, wer einen überregionalen beruflichen Leistungswettbewerb gewonnen hat. Zusätzlich können Betriebe Bewerber vorschlagen, um die besondere Begabung zu belegen. Das Alter der Bewerber spielt keine Rolle.

Wie wird gefördert?

Studierende im Vollzeitstudium bekommen 650 Euro monatlich plus 80 Euro Büchergeld. Für Kinder unter zehn Jahren wird eine Betreuungspauschale gewährt (113 Euro für das 1. Kind, 85 Euro für jedes weitere). Wer berufsbegleitend studiert, erhält jährlich bis zu 1.700 Euro.

Wo kann ich mich bewerben?

Den Link zur Onlinebewerbung findet ihr >> hier. Bewerbungsfrist ist der 10. Juli 2009.

Wie wird ausgewählt?

Das Auswahlverfahren wird von der Stiftung "Begabtenförderungswerk berufliche Bildung" durchgeführt und verläuft in drei Schritten. Zuerst müsst ihr die notwendigen Voraussetzungen über einen Online-Fragebogen nachweisen. Im zweiten Schritt werden Leistungs- und Lernbereitschaft, Engagement und soziale Kompetenz geprüft - wieder per Online-Fragebogen. Im dritten Schritt finden persönliche Auswahlgespräche statt.

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