Teilzeitfalle: "Frauen sollten wissen, wie gravierend die Folgen sind!"

Dass ein Teilzeitjob nicht reich macht, weiß jeder. Doch wie viel verliert man wirklich, wenn man die Arbeit für Jahre reduziert? Die Wirtschaftsforscherin Christina Boll hat dazu neue, höchst alarmierende Zahlen.

Christina Boll, 49, ist Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern untersucht sie seit 13 Jahren.

Christina Boll, 49, ist Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern untersucht sie seit 13 Jahren.

BRIGITTE: Kürzlich hat das Kabinett den Gesetzesentwurf für mehr Lohngerechtigkeit beschlossen. Ist das Gehaltsgefälle zwischen Frauen und Männern jetzt bald Vergangenheit?

Christina Boll: Nein. Das Gesetz ist zwar wichtig, weil es Frauen das Recht gibt zu erfahren, nach welchen Kriterien sie bezahlt werden. Das schafft Transparenz, und die kommt allen Beteiligten zugute. Doch die Lohnlücke werden wir damit allein nicht schließen können.

Wieso?

Weil sie nur teilweise mit echter Diskriminierung zu tun hat – also damit, dass Frauen bei gleicher Eignung schlechter bezahlte Jobs haben als Manner. Frauen haben vielmehr in Gehaltsfragen oft eine schlechtere Verhandlungsposition, zum Beispiel weil sie aufgrund von Kindern weniger mobil sind oder auch weil sie schlichtweg eine andere Erwerbsbiografie haben als Männer.

Meinen Sie damit die Babypausen?

Vor allem bei den älteren Jahrgängen sind die tatsächlich ein wichtiger Faktor. Bei jungen Frauen schrumpft die Dauer der Jobunterbrechung zwar spürbar, da hat das Elterngeld viel bewirkt. Was sich aber kaum ändert, ist der Hang der Mütter zur Teilzeit. Mehr als jede zweite erwerbstätige deutsche Mutter arbeitet selbst dann noch reduziert, wenn das jüngste Kind bereits das Teenageralter erreicht hat. Das hat Folgen – nicht nur für das Monatsgehalt, sondern auch für das Gesamteinkommen, das sie im Lauf ihres Lebens ansammelt.

Zu diesem Lebenserwerbseinkommen haben Sie gerade eine Studie veröffentlicht – mit alarmierenden Zahlen.

Wir haben die Daten von fast 94000 Frauen und Männern der Jahrgänge 1950 bis 1964 analysiert und herausgefunden, dass die Frauen im Verlauf von 30 Jahren durchschnittlich fast 50 Prozent weniger Einkommen ansammeln als die Männer. In manchen Branchen, etwa in Verkaufsberufen, ist das Gefälle sogar noch größer. Ein Mann verdient dort in 30 Jahren durchschnittlich rund eine Million Euro, eine Frau nur knapp 400 000 Euro. Von dieser Differenz könnte man sich ein Haus kaufen. Und der Großteil des Gefälles hat eben mit den kinderbedingten Erwerbsunterbrechungen und der vielen Teilzeit zu tun.

Bis die Kinder kommen, sind die Einkommen also noch relativ gleich?

Mit Abstrichen ja. Erst in der sogenannten Familienphase, also zwischen 25 und 35 Jahren, entwickeln sie sich plötzlich stark auseinander. Diese Lücke bleibt dann bis zur Rente bestehen – auch weil die Mütter nach der Familienphase oft weiter in Teilzeit bleiben.

Das klingt fast, als läge die Schuld bei den Frauen: Sie müssten halt mehr arbeiten.

Da sie das in den vergangenen Jahren auch zunehmend tun, sind die Lohnunterschiede bei der jüngeren Generation auch geringer. Doch wir dürfen nicht vergessen: Viele Mütter sind schlichtweg gezwungen, reduziert zu arbeiten. Etwa weil der Arbeitgeber die Rückkehr zur Vollzeit nicht ermöglicht. Oder weil eine Kita fehlt, die qualifizierte Ganztags­betreuung anbietet. Außerdem: Warum müssen immer nur die Frauen pausieren oder reduzieren, wenn Kinder oder Angehörige zu betreuen sind? Können die Männer das nicht auch? Ich finde, hier sind auch die Unternehmen und die Poli­tik gefordert. Durch bessere Frauenförderung, mehr Betreuungsplätze und Anreize für Familien, sich die Pflegearbeit zu tei­len, müssen sie darauf hinarbeiten, dass Frauen so gut verdienen, dass sie finan­ziell unabhängig sind und im Alter nicht verarmen. Zumal wir ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie nicht vergessen dürfen: Selbst wenn Frauen durchgehend Vollzeit arbeiten, gibt es in fast allen Branchen Differenzen zu den Männern.

Sie werden also doch diskriminiert?

Zumindest erreichen sie seltener als Männer Positionen, in denen wirklich hohe Gehälter gezahlt werden, etwa Führungsjobs. Wir sprachen ja vorhin über die Lohnlücke in der Verkaufsbranche. Auch wenn Frauen in solchen Jobs durch­gängig Vollzeit arbeiten, verdienen sie rund 20 Prozent weniger als Männer.

Gibt es überhaupt Branchen, in denen Frauen und Männer gleich gut verdienen?

Für die untersuchten Jahrgänge gibt es sogar Branchen, in denen Frauen bei durchgängiger Vollzeitarbeit mehr verdienen als Männer. Etwa im Pflegebereich. Leider sind das oft Berufsfelder, in denen das Einkommensniveau insgesamt nicht sehr hoch ist. Eine Ausnahme bil­den Bürojobs in der öffentlichen Verwaltung. Die sind für Frauen mit mittlerem Bildungsabschluss ausgesprochen gehaltsattraktiv. Und Männer wie Frauen verdienen gleich viel.

Sie sind selbst Mutter von drei Kindern. Haben Sie mal ausgerechnet, wie viel Euro Sie durch Babypausen und Teilzeitphasen verloren haben?

(Lacht) Das habe ich wohlweislich vermieden. Ich würde auch sagen: Die genaue Summe ist nicht der Punkt. Frauen sollten einfach wissen, dass es gravierende Folgen hat, wenn sie lange pausieren oder Teilzeit arbeiten. Und die Entscheidung darüber dann ganz bewusst treffen. 

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BRIGITTE 07/17

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

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