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Vergiss mein nicht! Leichter lernen mit Gedächtnistricks

"Ach herrje! Diese Matheformel ist mir schon zum x-ten Mal in meinen Hirnwindungen abhanden gekommen. Und wo hab ich verflixt noch mal meine Brille hingelegt?" Na, kommt euch das bekannt vor? Habt ihr auch schon mal was vergessen? Wahrscheinlich schon. Das ist nicht ungewöhnlich, trotzdem ziemlich nervig. Die gute Nachricht ist: Vergesslichkeit lässt sich abtrainieren

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Die ersten Wochen im Semester sind noch entspannt, aber wenn die Prüfungszeit immer näher rückt, kommt auch die Angst. Vor dem Versagen und den schlechten Noten. Mühselig wird der Lernstoff kurz vorher in den Kopf geprügelt. Und in der Prüfung? Fällt einem partout nicht ein, welche Kunstepoche auf den Impressionismus folgt. Super. Aber wie gesagt, das lässt sich trainieren.

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Eine, die in punkto Gedächtnis ziemlich fit ist, heißt Christiane Stenger. Sie ist Gedächtnisweltmeisterin. Außerdem hat sie einen IQ von 145, hat das Abitur mit 16 geschafft und ist mit 21 Jahren fast fertig mit ihrem Politikwissenschaftsstudium. Eure Biographie ist damit nicht zu vergleichen? Kein Problem. Christianes Karriere fing auch etwas holprig an. Wie viele Hochbegabte langweilte sie die Schule, es hagelte lange schlechte Noten. Erst als sich ihr die Möglichkeit bot, auf einem Internat die Schulzeit zu verkürzen, war sie motiviert, gute Leistungen zu bringen. Ihre Erfolge im Gedächtnissport gaben ihr während dieser Zeit Selbstvertrauen. Gedächtnistraining ist aber nicht nur was für Hochbegabte. Es kann jedem helfen und sogar Spaß machen - auch wenn der IQ unter 145 liegt...

Im Interview mit Bym.de verrät Christiane Stenger Tipps und Tricks, wie ihr dem Vergessen endgültig dem Kampf ansagen könnt...

BYM.de: Gedächtnistraining. Das ist mal ein ausgefallenes Hobby. Wie bist du dazu gekommen?

Christiane Stenger: Wir haben zufällig von einem Kurs gehört, der "Gedächtnistraining und Naturphänomene" hieß. Das hat sich für mich am Anfang nicht richtig spannend angehört. Außerdem wusste ich auch nicht genau, was das ist. Aber der Kurs hat zufällig in meiner Straße stattgefunden, nur ein paar Häuser weiter.

BYM.de: Was hat dich am Gedächtnistraining fasziniert?

Christiane Stenger: Mit ungefähr acht anderen Kindern fingen wir an, uns für jede Zahl von 0 bis 99 ein Bild zu überlegt. Das war gleich total lustig. Für die Zahlen von Null bis Zehn gibt es zum Beispiel ein ziemlich einfaches System. Für die Null stellt man sich ein Ei vor oder einen Zirkusreifen. Die Eins ist ein Baum, weil er einen Stamm hat. Die Zwei kann ein Fahrrad sein wegen der zwei Räder oder Oma und Opa oder ein Schwan, weil er der Zwei ähnelt. Die Drei ist zum Beispiel ein Schneemann wegen der drei Kugeln, die Vier ein Schaf wegen der vier Beine, die Fünf eine Hand, die Sechs ein Würfel, die Sieben die sieben Zwerge, die Acht die Achterbahn, die Neun neun Kegel und die Zehn, zehn Zehen.

BYM.de: Inwieweit vereinfachen die Symbole das Erinnern von Ziffern?

Christiane Stenger: Zum Beispiel, wenn man sich eine Telefonnummer merken möchte. Mit Hilfe der Symbole kann man sich eine Geschichte ausdenken. Zum Beispiel kann man sich die Nummer 408251379 so merken: Ein Schaf springt durch einen Zirkusreifen, weil es zur Achterbahn möchte und mit der Achterbahn fahren gerade Oma und Opa. Und dann stellt man sich vor, dass Oma und Opa mit der Hand ganz doll dem Baum zuwinken, der neben der Achterbahn steht. Der Baum verwandelt sich auf einmal in einen Schneemann und der geht dann mit den sieben Zwergen zum Kegeln. Es geht also darum, sich eine kleine Geschichte auszudenken. Das hört sich im ersten Moment viel komplizierter an, als es ist. Wenn die Geschichte lustig oder aufregend ist, dann kann man sich die Zahlen viel besser und länger merken.

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BYM.de: Ist es nicht kompliziert und verwirrend, wenn man sich zum Beispiel in einer Prüfung dieses Geschichten-System wieder zurück in Zahlen übersetzten muss?

Christiane Stenger: Eigentlich nicht. Natürlich musst du vorher trainieren und dich mit den Techniken beschäftigen. Aber wenn du es einmal raus hat, dann kommst du gar nicht durcheinander. Es hat wirklich alles System. Wenn man sich die richtigen Bilder ausdenkt, kann man eigentlich nichts verwechseln. Ich hatte immer ein besseres und sicheres Gefühl, wenn ich in die Prüfungen gegangen bin.

BYM.de: Wie lange dauert es denn, bis man Sicherheit in den Techniken gewinnt?

Christiane Stenger: Wenn man damit lernen möchte, sollte man sich schon zwei, drei Wochen vor der Prüfung drei bis vier Mal in der Woche Zeit nehmen und sich zehn Minuten vielleicht Wörter mit Hilfe einer Geschichte merken. Später kann man sich Routen ausdenken – für mich die wichtigste Technik. Dabei geht man im Geist durch die Wohnung und legt bestimmte Routenpunkte fest. Zum Beispiel geht es mit der Wohnungstür los, neben der Wohnungstür steht dann ein Stuhl. Der ist der zweite Punkt. Neben dem Stuhl steht eine Kommode, daneben ist die Garderobe. Mit Hilfe dieser Punkte kann man sich neue Begriffe merken.

BYM.de: Das heißt also, dass man neue Begriffe mit den Punkten in der Wohnung verknüpft.

Christiane Stenger: Ja, genau. Wir können uns Dinge viel leichter merken, wenn wir sie mit etwas verbinden, das wir schon kennen. Diese Route in der Wohnung ist das bekannte Wissen, an das man die neuen Sachen anknüpfen kann.

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BYM.de: Gibt es noch andere Methoden?

Christiane Stenger: Die Routen sind eine Möglichkeit. Aber man kann sich die neuen Dinge natürlich mit allem möglichen Wissen, das man hat, verknüpfen.

BYM.de: Wie finde ich denn die beste Methode für mich selbst heraus?

Christiane Stenger: Das musst du ausprobieren. Es ist ganz gut, das an Vokabeln zu testen. Ein schönes Beispiel ist das lateinische Wort incubare. Das heißt liegen. Für das Wort suchst du dir dann ein oder mehrere Schlüsselworte, die du mit der deutschen Bedeutung verbindest. Zum Beispiel Kuh und die Bahre. Man stellt sich also eine Kuh vor, die auf der Bahre liegt. Oder man sieht das Wort Kuba darin und stellt sich vor, man würde in Kuba am Strand liegen. So kann man sich Bilder und kleine Geschichten ausdenken und die Methoden spielerisch trainieren. .

BYM.de: Die Prüfungszeit liegt zwar noch in weiter Ferne. Trotzdem graut es einigen jetzt schon davor. Gibt es Tricks, um den Prüfungsstress zu verringern?

Christiane Stenger: Zum einen ist eine gute Vorbereitung wichtig, damit man keine Angst hat. Mit den Gedächtnismethoden zu lernen gibt einem auch eine sehr große Sicherheit. Ich hatte früher teilweise auch echt Prüfungsangst, aber seit ich angefangen habe, mit den Techniken zu lernen, ist die Angst vorbei. Andererseits kann man auch Konzentrationsübungen machen. Zum Beispiel eine Übung, bei der die linke und die rechte Gehirnhälfte verbunden werden. Dabei formt man die linke Hand zu einem Peace-Zeichen und die rechte zu einem Telefon und dann wechselt die linke Hand vom Peace-Zeichen zum Telefon und umgekehrt.

>>Auf der nächsten Seite: Auch Christiane vergisst mal was...

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BYM.de: Ich vergesse ständig Dinge im Alltag. Zum Beispiel gehe ich aus der Haustür und lass die Hälfte der Sachen in der Wohnung, die ich eigentlich mitnehmen wollte. Helfen die Gedächtnistricks auch dabei?

Christiane Stenger: Auf jeden Fall. Auch hier kann man sich kleine Geschichten ausdenken, die helfen. Zum Beispiel, dass das Handy sich immer mit dem Lipgloss schminkt. Oder wenn du ein wichtiges Buch mitnehmen möchte, kannst du dir vorstellen, dass das Buch auf der Türklinge herumhüpft und unbedingt mitgenommen werden möchte. Wenn du dann die Tür aufmachst, rufst du dir automatisch in Erinnerung, dass du das Buch noch mitnehmen wolltest.

BYM.de: Vergisst du eigentlich auch mal irgendwas?

Christiane Stenger: Ja, natürlich. Wäre ja schlimm, wenn nicht. Früher war ich ganz faul und schusselig. Obwohl ich schon Juniorengedächtnisweltmeisterin war. Im Internat, mit 14 oder 15 Jahren, habe ich als ich nach Hause gefahren bin meinen Geldbeutel, meine Bahncard und meine Fahrkarte vergessen. Sogar schon mal mein Flugticket. Jetzt weiß ich aber, wie ich an die Sachen denken kann, deshalb passiert mir das seltener.

BYM.de: Du hast zwei Bücher geschrieben, gibst Seminare und studierst nebenbei auch noch. Gibt es neue Projekte, die du ins Auge gefasst hast?

Christiane Stenger: Es gibt schon einige Projekte. Zum Beispiel kommt im Herbst ein Duft von mir raus, den ich mit einem Parfumeur zusammen gemacht habe. Das ist der Anfang einer Serie, die "the Beautiful Mind Series" heißt. Dann geht in diesem Herbst auch die "Dextro-Energy" Kampagne wieder los. Wir gehen in Schulen und bringen den Schülern vor allem die aufs Lernen bezogen Techniken bei. Ansonsten habe ich ganz viele Buchprojekte im Kopf und im Februar wird es mit meinem Diplom losgehen.

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