Wie viel Ehrgeiz darf's denn sein?

Ganz ohne geht gar nichts im Job. Bei einer Überdosis droht Zickenalarm. Ehrgeiz ist ein echter Balanceakt, meint BRIGITTE-Autorin Nataly Bleuel.

Es gibt ein paar Sätze, mit denen kann mir mein Freund von einem Moment auf den nächsten Tränen in die Augen treiben. Sie lauten nicht "Ich verlasse dich" oder "Du fette Wachtel, du!". Die Reizworte klingen viel positiver. Ehrlich, Anteil nehmend, hilfreich. Manchmal, wenn ich mit mir und meinem Beruf nicht im Reinen bin, schaut er mir tief in die Augen: "Sag mir, was du willst, und ich mach dir einen Plan. Oder hast du gar kein Ziel?"

Es gab diesen Moment öfter in meinem Berufsleben. Ich wollte eine Veränderung, vielleicht auch mal einen Schritt weiter die so genannte Karriereleiter erklimmen - ich brauchte was Neues. Dieses Gefühl war immer eher diffus. Eine Idee, was mich denn zufriedener machen könnte, hatte ich in so einer Situation noch nie. Ehrgeiz ist mir ziemlich fremd. Dorthin, wo ich bin, so scheint’s, kam ich durch Zufall. Durch akute Bauchentscheidungen oder einen Autopiloten. Mein Freund ist ehrgeiziger als ich, aber das sind Männer ja fast immer. Ob es das Testosteron ist, das sie angriffs- und konkurrenzfreudiger macht? Oder die mangelnde Brutfähigkeit, die sie nicht vom beruflichen Ziel weg zur kindlichen Aufzucht treibt? Egal. Der Ehrgeiz ist halt da. Und wird von allen ganz selbstverständlich akzeptiert. Und die Frauen? Bekommen schon als kleine Mädels eingeimpft: immer schön brav, alles andere ist unsexy.

Kein Wunder also, dass Karrierefrauen oft als unweiblich gelten. Und wenn ich mal wieder so antriebslos und heulsusig auf dem Sofa rumliege, male ich mir, um mich selbst zu stärken, rasch mein Feindbild aus: die vor lauter Ehrgeiz schmallippig gewordene, verbissene, unsinnliche Frau im dunkelblauen Kostüm. Eine, die sich unter permanentem Ellenbogen-Einsatz nach oben rangelt. Die sich unbeliebt macht bei Kolleginnen und Kollegen und sich bei denen da oben anschleimt wie eine Weinbergschnecke mit Turbolader.

Schluss jetzt! Das ist die Stimme meines Freundes. Er sagt, ich solle mir doch auch mal ein positives Beispiel vor Augen führen. Die Michaela zum Beispiel. Die ist erfolgreich im Beruf, trotzdem Mensch geblieben und nicht zur Killerschnecke mutiert. Sie kann hart sein, wenn die Konkurrenz es erfordert, aber auch kooperativ, weil sie ein sozialer Mensch ist. Sie kann Aufgaben delegieren und Leute so motivieren, dass um sie herum ein gutes Klima entsteht. Ist sie ehrgeizig? Klar. Aber sie geht so entspannt damit um, als wäre Ehrgeiz so selbstverständlich wie Tischmanieren.

Für die richtige Portion Ehrgeiz gibt es aber nun mal leider kein Patentrezept. "Wer eine neue Herausforderung sucht", sagt Arbeitspsychologin Eva Bamberg, "muss sich zum Beispiel klarmachen, wie der eigene Berufsalltag jetzt aussieht. Und wie er mal aussehen könnte." Ob uns gefällt, was uns dann im Job erwartet, hat viel mit dem eigenen Selbstbild zu tun. Mit den persönlichen Stärken und Schwächen. "Die sind den meisten Menschen nämlich gar nicht bewusst", sagt Bamberg. Eine gute Team-Arbeiterin fühlt sich auf dem Chefsessel vielleicht gar nicht wohl, und wer liebend gern Neues am PC austüftelt, ist noch lange kein Verkaufsgenie für Hard- und Software. Ein Coach könnte dabei helfen, sich selbst besser kennen zu lernen. Und dann zu definieren, was man eigentlich will. Das mag banal klingen, aber, mal ehrlich, wer kann das schon von sich selbst behaupten? Michaela. Die weiß: Es macht ihr Spaß, neue Bürokonzepte zu entwickeln und andere davon zu überzeugen. Sich mit ungewöhnlichen Ideen durchzusetzen, das wollte sie schon immer. Die Frau hat ein Ziel - und das macht vieles leichter. Mit dem nötigen Antrieb schafft man es weiter. Man verdient mehr Geld und kann Entscheidungen fällen. Man hat Macht. Und ich?

In meinem Sofa-Zustand habe ich das Gefühl, ich könnte gar nichts - oder nur nutzloses Zeug wie Leckeren-Krustenbraten- Braten oder Andere-Leute-zum-Lachen-Bringen. Wenn ich wirklich wüsste, was ich kann, dann wüsste ich auch, wohin ich gehen soll. Denn mit einem Ziel vor Augen kommt der Ehrgeiz von selbst. Und zwar genau passgenau. Ohne einen so arg unter Druck zu setzen, dass man verbissen und schmallippig wird.

Neulich sagte mein Freund: "Stell dir mal vor: du in fünf Jahren - was machst du da eigentlich?" Also, mal überlegen, vielleicht ... "Ha, ich hab's: Ich werde auf der Bestsellerliste stehen mit meinem Buch: 'Wie die Wachtel zu ihrem Turbolader kam'. In fünf Jahren, mein Lieber, wirst du dich noch wundern."

BRIGITTE 07/05
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