Wie viel Mobilität braucht die Karriere?

Dem Job zuliebe werden wir immer mobiler und wechseln bereitwillig Stadt, Land oder Firma. Für viele eine enorme psychische Belastung. Aber wie viele Umzüge brauchen wir wirklich für ein erfolgreiches Berufsleben?

Kisten zukleben, die alte braune Reisetasche zuschnappen lassen und weiterziehen. Jeder Umzug: ein neues Abenteuer. Der Uni-Wechsel nach München, das Auslandsjahr in Barcelona, die Praktika in Los Angeles und Wien, der erste befristete Job in Dresden, jetzt Hamburg. Und seit Neuestem hat die 32-jährige Marketingspezialistin Katharina wieder eine befristete Stelle: Endlich könnte sie bei der Plattenfirma einsteigen, zu der sie immer wollte. In Köln. Aber plötzlich beflügelt sie die Aussicht auf Aufbruch nicht mehr. Im Gegenteil. Sie spürt einen Widerwillen, der sie selbst überrascht. Hamburg fühlt sich so gemütlich an. Viele Freunde leben in der Nachbarschaft. Das erste Mal in ihrem Leben fragt sich Katharina: Darf ich hier Wurzeln schlagen? Kann ich mir eine Wahlheimat überhaupt leisten?

Zweifel, die auch bei anderen Mobilitätsenthusiasten typischerweise um die 30 auftauchen. Die Psychologin Ulrike Schraps von der FU Berlin hat in ihrer Doktorarbeit junge Akademiker befragt und dabei herausgefunden: Die Bereitschaft zur Mobilität hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Immer mehr Studierende, Berufsanfänger und Kreative finden es selbstverständlich, von Laptop und iPod begleitet, durch die Welt zu fahren, von Projekt zu Projekt zu ziehen, sich nicht an einen Wohnort zu binden. Flexibilität und Mobilität werden geradezu verherrlicht. Besonders bis Mitte 20 finden die allermeisten das Sonntagabendknutschen am Bahnsteig und die beruflichen Abstecher nach Asien oder Südamerika spannend. Die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt. Dass man immer wieder neue Bekanntenkreise aufbauen muss und wenig Routine im Alltag hat, passt sowieso zur Lebensphase. Erst ab 30, wenn die Bindungen fester werden und manche über Kinder nachdenken, wird Mobilität lästig. Viele wollen dann nicht mehr zur flexiblen Avantgarde gehören, sondern lieber an einem Ort bleiben. Je älter und berufserfahrener man also wird, desto eher hat es Sinn, zu hinterfragen, ob es sich wirklich lohnt, auf der Walz zu bleiben.

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Gibt es ein Leben jenseits des ständigen Neuanfangs? Ja, denn Flexibilität beginnt im Kopf und nicht am Flughafen. Wer dauernd umzieht, riskiert sein Wohlbefinden. "Man sollte Mobilität jedenfalls nicht per se feiern", warnt Professor Norbert F. Schneider, Soziologe von der Universität Mainz, der seit Jahren erforscht, wie sich Mobilität auf die Gesundheit, soziale Beziehungen und beruflichen Erfolg auswirkt. "Natürlich nehmen die Anforderungen an unsere Mobilität durch die Globalisierung zu", erklärt Schneider. Dennoch zeigen seine neuesten Studien auch, dass mobile Arbeitnehmer finanziell nicht besser dastehen als andere. Und nicht nur das: Wer ständig umzieht oder in einer Dauerfernbeziehung lebt, riskiert sein Wohlbefinden.

67 Prozent aller beruflich mobilen Menschen fühlen sich psychisch und körperlich stark belastet. Bei denen, die fest an einem Standort leben, sind es nur 20 Prozent. Die Belastung aber schadet auch dem Erfolg: Wer abends im Hotelzimmer ins Kissen weint oder frühmorgens gestresst über die Autobahn rast, ist auf Dauer weniger leistungsfähig. In so einer Lage hat es kaum Sinn, um jeden Preis mobil zu bleiben. Lieber einen beherzten U-Turn machen, um in die Gegenrichtung weiterzufahren. Denn: Flexibilität beginnt im Kopf. Und vielleicht gibt es ein erfolgreiches Leben jenseits der Mobilität. Besonders stark überschätzt werden, laut einer anderen Studie der Universität Mainz, Auslandsaufenthalte: Der Umzug nach Singapur oder Vancouver erscheint vielen im Vorfeld als eine Art Raketenantrieb für die Karriere - der sich im Nachhinein oft als Knallfrosch entpuppt. Man kommt aus dem Ausland zurück, und auf dem ehemaligen Platz sitzt eine gut eingearbeitete Nachfolgerin, einen besseren Posten hat man für die Zurückkehrende auch nicht freigehalten. Wer Auslandsjahre ohnehin als Strafe empfindet, muss nicht fürchten, aus dem Rennen zu sein.

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"Wer an einem Ort bleibt, kann mit Beständigkeit etwas aufbauen", erklärt Schneider. Genau aus diesem Bauchgefühl heraus hat Silke, 29, Personalreferentin bei einem Lebensmittelkonzern, bisher immer zu Boden geschaut, wenn es um die Entsendung von Mitarbeitern in andere Länder ging. Auch wenn sie es ihrem Chef so nicht sagen würde: Sie kann sich einfach nicht vorstellen, dauerhaft von ihrem Freund getrennt zu leben. Nicht mal für ein Jahr. Und das, obwohl ihr Karriere durchaus wichtig ist. Silkes Strategie: ein fast altmodischer Aufstieg. Sie versucht, sich im Unternehmen mit ihren Ideen und ihrem Engagement unentbehrlich zu machen, pflegt beste Beziehungen in verschiedene Abteilungen, auch in die Führungsetage. So hat Silke sich im Laufe der letzten drei Jahre einen guten Stand erarbeitet. Nächstes Jahr bekommt sie den Posten ihres Vorgesetzten, der in den Ruhestand geht.

Beständigkeit und Treue sind also genauso erfolgversprechende Soft Skills wie Mobilität und Flexibilität. Wer bei einer Firma bleibt, ist nicht nur zuverlässig und gut eingearbeitet - sondern hat auch ein Netz aus persönlichen, gut gepflegten Kontakten, die für das Unternehmen unbezahlbar sind. Dieses Netzwerk wächst mit den Jahren, ebenso wie die Routine. Wer erst mal das Alltagsgeschäft aus dem Ärmel schüttelt, hat zwei Hände frei, um neue Aufgaben anzugehen. Und kostet das Unternehmen auf Dauer sogar weniger Geld als die Neuen, die zunächst zwei Monate damit verbringen, sich alle Namen zu merken oder die Tücken des Kopierers. Ein Aspekt, der sich auch für "Zuhausebleiber" nicht immer vermeiden lässt, ist das Pendeln. Wenn die Firma umzieht oder man im ländlichen Wohnort einfach keine Arbeit findet, muss man mobil werden. 8 Millionen Deutsche legen bis zu 21 Kilometer zur Arbeit zurück. 5 Millionen bis zu 40 Kilometer, weitere 2,9 Millionen sogar mehr. "Bestimmte Konditionen, zum Beispiel ein flexibler Arbeitsbeginn, nehmen Druck aus der Situation", sagt Prof. Schneider. Trotzdem rät er, genau zu prüfen, ob ein einmaliger Umzug nicht doch sinnvoll ist, wenn man damit das Pendeln langfristig beenden kann - und so zu mehr Ruhe und Stabilität kommt.

Letztlich ist es immer auch eine Frage des Charakters, ob man am Unterwegssein dauerhaft Freude hat. Neue Studien zeigen, dass sesshafte Menschen zwar genauso neugierig und unabhängig sind wie mobile, sie aber wesentlich mehr Sicherheit in ihrem Leben brauchen und gern die Kontrolle über den Alltag haben. Wer also nur ein bisschen mobil ist und nach einigen Wanderjahren lieber in einer Stadt bleiben und sich auskennen möchte, braucht ein bisschen Erfindergeist und Mut - und ein gutes Netzwerk. So wie Katharina. Die hat ihren Traumjob in Köln abgesagt. Und im ganzen Freundeskreis rumgefragt, wer für sie eine neue Stelle in Hamburg weiß. Nach acht Wochen kam der passende Tipp: ein Job im Marketing eines Buchverlags. Dort sitzt Katharina jetzt. Außerdem wohnt sie mit ihrem Freund zusammen. Sie ist angekommen. Zumindest fürs Erste.

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Checkliste: Wo ist mein Platz im globalen Dorf?

Jeden Tag ein anderes Hotelbett oder doch lieber mehr Routine? Hier ist die Checkliste für alle Bald-, Noch-nicht- oder Nie-Pendler.

Bleiben Sie, wo Sie sind, wenn Sie ... ... London für einen Moloch mit gefährlichen U-Bahnen halten. ... nichts schlimmer finden als einen Partner, der oft in Schanghai oder Stuttgart rumhängt. ... Angst vorm Fliegen haben. ... häufig und euphorisch zu Ikea fahren, um das Haus zu verschönern. ... für alle Kollegen mit Freude Geburtstagsüberraschungen organisieren. ... sich nie in jemanden verlieben könnten, der nicht ihre Muttersprache spricht.

Nutzen Sie die Zeit, solange Sie noch ungebunden sind, wenn Sie ... ... immer schon ein Praktikum in New York machen wollten, aber bald 30 werden. ... finden, dass man durchaus mit dem Freund zusammenziehen könnte - irgendwann. ... Ihren Hausrat locker in einen Fiat hineinbekommen. ... richtig gut Spanisch und Englisch lernen wollen, am besten ein Jahr lang vor Ort. ... gern irgendwann ein eigenes Haus haben wollen, aber erst, wenn Sie erwachsen sind.

Ziehen Sie weiter, wenn Sie ... ... nichts schlimmer finden, als mit dem Partner, den man schon beim Frühstück und Abendbrot gesehen hat, auch noch das Bett zu teilen. ... mit dem Wort "Megacity" Entspannung und das Treffen von Bekannten verbinden. ... nichts so lieben wie Ihren Laptop und Ihren iPod. ... es als große Inspiration erleben, alle paar Monate neue Kollegen zu haben.

Text: Anne Otto BALANCE 01/08 Foto: Bildagentur Online

Wer hier schreibt:

Anne Otto

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