Zeitarbeit - wär das was für mich?

Die einen warnen vor Ausbeutung, andere feiern sie als Jobmotor. Warum und für wen Zeitarbeit eine echte Chance bedeuten kann. Und wann Vorsicht angesagt ist.

Erfolg nach vergeblichen Bewerbungen

Daniela Burr begann machte mit Zeitarbeit bald Karriere

Als Daniela Burr 2002 nach ihrem Ethnologie-Studium ins Berufsleben einsteigen wollte, waren Jobs für Völkerkundlerinnen rar. Doch die 32-Jährige hatte im Nebenfach auch noch Sozialwissenschaft studiert und parallel zur Uni in Personal- und Karriereberatungen gejobbt. Burr konnte sich deshalb auch gut vorstellen, künftig in dieser Branche weiterzuarbeiten. Doch eine Festanstellung sollte es schon sein. Erste Bewerbungen blieben allerdings erfolglos - bis sich die Hamburgerin schließlich auf die Anzeige der Zeitarbeitsfirma Agenza meldete. Dass sie prompt eingeladen wurde und der erste Besuch auch gleich ein Vorstellungsgespräch war, damit hatte sie nicht gerechnet. Schon nach kurzer Zeit wurde Daniela Burr als Kundenberaterin zum Weiterbildungsinstitut Rackow ausgeliehen. Dass sie nach drei Monaten als Festangestellte übernommen werden kann, stand bereits in ihrem Vertrag.

Zeitarbeit boomt

Zwischen 2003 und 2006 hat sich die Zahl der Beschäftigten in dieser Branche auf über 600 000 verdoppelt. Mal erleichtert sie den Einstieg ins Arbeitsleben, mal ermöglicht sie Müttern nach der Kinderpause oder älteren Arbeitsuchenden die Rückkehr in den Beruf. Laut dem Bundesverband Zeitarbeit (BZA) waren etwa 65 Prozent aller Zeitarbeiter vorher ohne Job. Ein echtes Erfolgsmodell - und davon hat auch Marita Thißen profitiert. Als das Unternehmen, in dem die Mittfünfzigerin arbeitete, aufgekauft wurde, stand die Buchhalterin im März 2005 plötzlich auf der Straße. Bei der Agentur für Arbeit schüttelten die Sachbearbeiter nur den Kopf. Zu alt für eine Vermittlung, bekam die agile Krefelderin zu hören. "Aber zu Hause sitzen wollte ich nicht. Ich war immer berufstätig", sagt Thißen.

Ihre ersten Begegnungen mit Zeitarbeitsfirmen fand sie allerdings ernüchternd: Mal sollte sie für mickrige Stundenlöhne arbeiten, mal einen kurz befristeten Vertrag bekommen. Anders als früher können Zeitarbeitsfirmen Frauen wie Marita Thißen inzwischen nur für die Dauer eines Entleih- Einsatzes fest einstellen, ihnen dann kündigen und sie erst für den nächsten Einsatz wieder unter Vertrag nehmen.

Jede vierte Stelle entsteht durch Zeitarbeit

Marita Thißen bekam trotz ihrer 57 Jahre den neuen Job. Viele Chefs setzen auf gute Altersmischung in den Teams.

Kein Wunder also, dass Marita Thißen gegenüber der Branche immer skeptischer wurde. Bis sie im Juli 2007 die Zeitarbeitsfirma Adecco kennen lernte. "Dort fühlte ich mich zum ersten Mal wieder als vollwertige Arbeitskraft", erklärt die 57-Jährige und lobt die persönliche Atmosphäre und das Engagement der für sie zuständigen Personal-Disponentin."Die rief auch mal zwischendurch bei mir an, erkundigte sich nach meinem Arbeitstag und war bei Fragen und Konflikten immer eine Ansprechpartnerin."

Ausgerechnet ihr Alter erwies sich für Thißen dann als Bonus: "Viele Chefs wissen mittlerweile, dass ein Team eine gute Altersmischung braucht, auch weil Jüngere wegen Familie oder kleinen Kindern ausfallen können."

Mittlerweile entsteht etwa jede vierte Stelle durch Zeitarbeit. Für viele Experten ein toller Jobmotor. Weniger gut fürs Image ist die teils sehr niedrige Entlohnung. Da nützen auch spezielle Tarifverträge für diese Branche bislang nur wenig. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) meldet, dass etwa jeder achte Zeitarbeiter zusätzlich Hartz-IV-Leistungen erhält. Gemeinsam mit einigen Zeitarbeitsverbänden ist der DGB daher vehementer Verfechter eines Mindestlohns. Außerdem kritisieren die Gewerkschaften, dass rund ein Drittel aller Zeitarbeiter vier Jahre und länger für dasselbe Unternehmen arbeiten - ohne Chance auf einen Stammarbeitsplatz. Ein weiterer Knackpunkt: Einige Großunternehmen gründen sogar eigene Zeitarbeitsfirmen. Mit der Folge, dass immer mehr feste Stellen durch Zeitarbeit ersetzt werden. DGBExpertin Friederike Posselt bemängelt: "Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter, die in solche Zeitarbeitsfirmen ausgelagert werden, verdienen dann meist weniger als vorher, obwohl sie dieselbe Arbeit machen."

Neuer Job, neue Leute, neues Know-How

Kritik an der Zeitarbeitsbranche kennt Karin Pitschel zur Genüge. Gemeinsam mit Marlis Krause führt sie die Zeitarbeitsfirma "Arbeit und Mehr" und wehrt sich gegen Pauschal-Attacken. "Wir setzen auf Transparenz und rechnen Kritikern notfalls unsere Ausgaben und Kalkulationen vor. Eine seriöse Zeitarbeitsfirma bereichert sich nicht auf Kosten eines Arbeitnehmers", sagt Pitschel. Ihr Unternehmen hat einen Pool von 1200 Bewerbern. "Diese Kontakte müssen unsere Disponenten pflegen. Wir rufen an, fragen nach neuen Qualifikationen, bauen ein Vertrauensverhältnis auf", erklärt die Chefin.

Das kostet Zeit und Geld, außerdem muss "Arbeit und Mehr" den Draht zu den Unternehmen halten und stellt Zeitarbeiterinnen längerfristig an, also auch für Phasen, in denen sie vielleicht nicht an andere Unternehmen ausgeliehen werden und Geld einbringen könnten. Ihr Gehalt bekommen sie in dieser Zeit dann trotzdem. In der Praxis sind lange Pausen allerdings selten, weil die Personal-Disponenten schon auf einen lückenlosen Einsatz achten. Auf befristete Verträge verzichtet Karin Pitschel von vornherein, obwohl solch eine passgenaue Anstellung für einen bestimmten Ausleih-Zeitraum erlaubt wäre.

"So finden Sie aber keine guten Leute", meint sie. "Wir möchten schließlich selbstbewusste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die stolz auf das sind, was sie tun." Die meisten Angestellten einer Zeitarbeitsfirma, so schätzen Branchenkenner, bleiben bis zu zwei Jahre dort beschäftigt. Langweilig wird's dabei nie. Neuer Job, neue Leute, neues Know-how. Mal Industriekonzern, mal Kleinverlag.

Vorteile gegenüber Festanstellung

Ulrike Sypplie ist seit 14 Jahren ein erklärter Fan von Zeitarbeit: "Der ständige Wechsel passt zu mir"

In 14 Jahren 24 verschiedene Unternehmen kennen lernen - zum Beispiel genau das Richtige für Ulrike Sypplie. Einmal war sie eineinhalb Jahre lang beim Stromversorger RWE beschäftigt, ihr kürzestes Gastspiel gab sie für eine Woche in einer Buchhaltungsabteilung. "Dieser ständige Wechsel, das passt zu mir. Dauernd in ein- und derselben Firma, das würde mich langweilen", sagt die 38- jährige Rechtsanwalts- und Notargehilfin, "und dadurch, dass ich jede Überstunde bezahlt kriege, verdiene ich sogar 50 Euro mehr als früher als Festangestellte. Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Mein Job ist immer wieder neu."

Schlechte Erfahrungen? Damit kann Ulrike Sypplie nicht dienen. Schon dreimal haben Kundenunternehmen der Dortmunderin einen festen Anstellungsvertrag angeboten. Aber den hat sie immer abgelehnt. Zur Zeit europaweit in der Diskussion: die befristeten Verträge und die Bezahlung der Zeitarbeiter. Auch in Deutschland könnte sich da einiges ändern. Zumindest wird darüber debattiert, ob die Gehälter der Zeitarbeiter an diejenigen der Festangestellten angeglichen werden sollten. Und ob in einem Ausleih-Unternehmen ein Limit für den Anteil von Zeitarbeit denkbar wäre, gemessen an der Größe der Belegschaft.

Flexible Helfer mit Ausbildung

Keine Frage, der Zeitarbeitsmarkt wandelt sich. Eine Bastion ungelernter Helfer? Das war einmal. Nur 30 Prozent aller Beschäftigten haben keine Ausbildung. Fast zwei Drittel sind Facharbeiter, sieben Prozent sogar Uni-Absolventen. Auch das ist ein Grund, weshalb Zeitarbeitsphasen nicht verschämt im Lebenslauf verschwiegen werden müssen. Viele Personalchefs gucken gerade bei den Bewerbungen von Zeitarbeiterinnen genauer hin, weil sie bei ihnen viel Engagement vermuten.

"Man lernt durch die wechselnden Arbeitgeber schließlich, sich schnell in neue Abläufe einzuarbeiten, auf Menschen zuzugehen, bei Bedarf Fragen zu stellen und die eigene Arbeit effektiv zu organisieren", sagt die "Arbeit und Mehr"-Geschäftsführerin Karin Pitschel. Die Einsätze im Kundenunternehmen dauern durchschnittlich zwischen drei und neun Monaten. Sich immer wieder an neue Chefs, neue Kollegen und neue Arbeitsplätze zu gewöhnen, das gelingt nur mit einer gehörigen Portion Flexibilität. Wer dazu nicht bereit ist, sollte sich die Sache mit der Zeitarbeit noch einmal überlegen. Mit Lust auf Wechsel kann das Job-Karussell jedoch zur echten Herausforderung werden.

Gute Chancen auf eine feste Stelle

Immer wieder mal eine neue Bewährungsprobe - davon profitieren vor allem diejenigen auf dem Arbeitsmarkt, die zwar gute Ideen und Berufserfahrung, aber keine amtlichen Zeugnisse mitbringen. Oftmals schaffen sie es deshalb nicht mal bis zum Vorstellungsgespräch. "Dabei brauchen diese Menschen oft nur die Möglichkeit, vor Ort zu zeigen, wie motiviert und zuverlässig sie sind", erzählt Daniela Burr."Davon habe ich nämlich in gewisser Weise auch selbst profitiert. In einem normalen Bewerbungsverfahren hätte man mich als Ethnologin wahrscheinlich sofort aussortiert."

Burr hat dank Zeitarbeit sogar Karriere gemacht - in fünf Jahren ist sie bei der Rackow-Schule zur Leiterin des kaufmännischen Trainingszentrums aufgestiegen und versucht nun, ihre guten Erfahrungen weiterzugeben."Viele der Arbeitssuchenden haben immer noch Vorurteile gegen Zeitarbeit", meint Burr, "aber wenn sich die Firmen zum Beispiel in Jobbörsen vorstellen, sind sie oft angenehm überrascht, auch weil die Chancen, über Zeitarbeit eine Festanstellung zu finden, in einigen Branchen sehr gut sind."

Immerhin: Etwa ein Drittel aller Zeitarbeiter finden einen festen Job in einem anderen Unternehmen, unter anderem auch deshalb, weil die Zeitarbeitsfirmen dort nur wenige ausgewählte Kandidaten vorstellen und man nicht von vornherein mit zahllosen Bewerbern konkurrieren muss. Gute Erfahrungen auf beiden Seiten haben inzwischen dafür gesorgt, dass das Modell Zeitarbeit in Deutschland immer mehr akzeptiert wird. Und mit ein bisschen Glück kann das für viele eben auch eine echte Chance bedeuten.

Diese Berufe werden besonders gesucht

Sekretärinnen bzw. Assistentinnen, Bürokaufleute, Buchhalterinnen, Sachbearbeiterinnen (Einkauf, Vertrieb oder Auftragsbearbeitung), Ingenieurinnen, Call-Center- Agents, Industriekauffrauen, Pflegekräfte.

Hier sind Sie an der richtigen Adresse

Manche Zeitarbeitsunternehmen haben sich auf bestimmte Branchen spezialisiert. Seriöse Firmen besitzen eine Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung von der Bundesagentur für Arbeit und sind Mitglied in einem Bundesverband. Ausführliche Informationen online unter: www.bza.de www.ig-zeitarbeit. de www.amp-info.de www.dgb.de

Das sollte schriftlich geregelt werden

Dauer des Arbeitsverhältnisses (also befristet oder unbefristet), Kündigungsfrist, Gehalt (auch für die Zeit, in der Sie nicht in einem Kundenunternehmen arbeiten), Einsatzort, Einsatzzeit, Beschreibung der Tätigkeit und Urlaub. Unzulässig sind Klauseln, die Ihnen verbieten, eine Anstellung in der Firma anzunehmen, die Sie "ausgeliehen" hat. Generell gilt: Wer bei Zeitarbeitsfirmen fest angestellt ist, hat die gleichen Rechte wie andere Arbeitnehmer, z. B. Kündigungsschutz oder Entgeltfortzahlung bei Krankheit.

Bevor Sie den Arbeitsvertrag unterschreiben

Klären Sie am besten schon im Einstellungsgespräch, wer einsatzbedingte Kosten übernimmt (Fahrgeld, Übernachtungen) und ob und welche (!) Weiterbildungsangebote es gibt. Bei Vertragsabschluss müssen Zeitarbeitsfirmen ein Merkblatt der Bundesagentur für Arbeit überreichen. Erst in Ruhe lesen, dann unterschreiben!

Das können Sie verdienen

Ihr Vertrag muss auf einen von mehreren Zeitarbeits- Tarifverträgen verweisen. Sonst gilt die Equal-Pay-Regel, das heißt, Sie verdienen das Gleiche wie Ihre fest angestellten Kollegen im Kundenunternehmen. Achtung: Es gibt verschiedene Tarifverträge für Zeitarbeit, deren Stundenlöhne sich teilweise um mehrere Euro unterscheiden. Achten Sie deshalb darauf, in welche Entgeltgruppe Sie eingestuft werden. Eine Sekretärin mit fünf Jahren Berufserfahrung bekommt in etwa ein Brutto-Tarifgehalt von rund 1500 Euro (mit Fremdsprachenkenntnissen eventuell auch mehr). Eine Maschinenbauingenieurin mit drei Jahren Erfahrung erhält ca. 2700 Euro, kann aber eventuell auch auf etwa 3500 Euro kommen, weil diese Fachfrauen zur Zeit sehr gefragt sind. Wie überall hängt die Höhe des Gehalts von Ausbildung und Qualifikation ab. Als Zeitarbeitnehmerin verdienen Sie meist etwas schlechter als die festangestellten Kollegen im Kundenunternehmen. Der Grund: Wenn Sie einen Stundenlohn von 15 Euro bekommen, muss der Einsatzbetrieb 27 bis 30 Euro an die Zeitarbeitsfirma überweisen. Weil die Ihre Sozialleistungen wie Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung zahlt und Ihr Gehalt, wenn Sie im Urlaub, krank oder in Mutterschutz sind.

BRIGITTE Heft 05/08 Text: Christa Thelen Mitarbeit: Claudia Steine Fachliche Beratung: Ingrid Hofmann (BZA) Fotos: Hergen Schimpf, Petra Stockhausen (2)
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