Mütter in Ost und West: Das große Jammern

Die Debatte um Familie und Beruf wird durch westdeutsche Kommentatoren geprägt. So mancher im Osten ärgert sich über das "Jammern von drüben" - und verklärt dabei das Bild der DDR-Mütter, meint unsere Autorin Katja Schönherr.

Das Eltern-Dasein ist ein 18 Jahre währender Albtraum. Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, wenn man die Debatte um die Vereinbar- oder eher: die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf verfolgt. "Geht alles gar nicht", resümieren die Väter Marc Brost und Heinrich Wefing in der "Zeit", von der "großen Erschöpfung" der Eltern schreibt "Der Spiegel", um den "Krieg", den Mütter gegeneinander führen, geht es auch hier bei BRIGITTE.

Wertende Blicke. Stress, Erschöpfung. Geht alles gar nicht. Wird hier zu viel geklagt über die Belastungen, denen berufstätige Eltern ausgesetzt sind? BRIGITTE.de-Nutzerin Erna vermutet: "Das Thema wird wahrscheinlich eher in den alten Bundesländern hochgekocht als in den neuen, wo es Usus war, dass Mütter Vollzeit berufstätig waren." Sie sei erstaunt, dass darüber überhaupt berichtet werde. In weiteren Leserkommentaren und auch in meinem ostdeutschen Freundeskreis taucht dann auch immer wieder das Wort "Jammern" auf, nicht selten in Verbindung mit einer Herkunftsangabe: westdeutsch.

Knapp 25 Jahre nach der Wende werfen also auf einmal die Ossis den Wessis vor, herumzujammern. Nun, es ist tatsächlich so: In dem Teil Deutschlands, der mal die DDR war, gingen Frauen genauso viel arbeiten wie die Männer. Gleichzeitig hatten sie Kinder. "Die Diskussionen hierzulande blenden das vollständig aus", schimpft Mirna Funk in der Wochenzeitung "Freitag". "So als hätte es nie etwas anderes gegeben, als die Erfahrung, in einem Reihenhaus in der Vorstadt aufzuwachsen, wo der Vater als Alleinverdiener seine Frau und die drei Kinder unterstützt, die in einem gesunden Abstand von zwei Jahren aus der Gebärmutter gepresst wurden." Und sie hat recht: Die Berichterstattung wird von einer West-Sicht aufs Thema bestimmt, die ignoriert, dass viele Ostdeutsche kein Verständnis für dieses Lamento haben.

"Die wird zum Vorzeigestaat in Sachen Gleichberechtigung verklärt."

Was mir bitter aufstößt, ist, wenn die DDR im gleichen Atemzug zum Vorzeigestaat in Sachen Gleichberechtigung verklärt wird. Der Ostteil mag in mancher Hinsicht frauen- und familienpolitisch fortschrittlich gewesen sein. So wurde beispielsweise die Antibabypille schon ab 1965 kostenlos verteilt. Auch besaßen Frauen lange Zeit mehr Rechte gegenüber Männern als ihre Geschlechtsgenossinnen in der , die noch bis 1977 nur unter der Bedingung arbeiten gehen durften, dass sie ihre häuslichen Pflichten nicht vernachlässigten. Doch trotz ihrer Gleichstellungspolitik bestand die Wirtschaftselite in der DDR vor allem aus Männern. Und im Politbüro des ZK der SED, also im Parteivorstand, war in 40 Jahren nicht eine einzige Frau vertreten.

Mirna Funk schreibt im "Freitag", die "Gleichstellung von Mann und Frau" sei im Osten "ernsthaft gelebt" worden. Diese Behauptung halte ich für falsch. Das mag einst der Glaube von Feministinnen innerhalb der Arbeiterbewegung gewesen sein: dass sich eine Gleichstellung im Privaten automatisch ergibt, sobald beide einer Arbeit nachgehen und jeder sein eigenes Einkommen hat. Meine Erfahrung aber sah so aus: Die Mütter arbeiteten, haben aber auch zu Hause so gut wie alles gemacht. Mancher mag das anders erlebt haben. Trotzdem: Kinder und Haushalt waren auch im Osten Frauensache. Oder warum gab es den so genannten Haushaltstag nur für sie? Kein Mann hat einmal im Monat bezahlten Urlaub dafür bekommen, Böden zu wienern und Gardinen zu waschen.

"Die 'werktätige Frau und Mutter' war sozialistisches Leitbild; mit Selbstverwirklichung hatte das nichts zu tun."

Man sollte außerdem nicht vergessen: Es ging der DDR-Politik mitnichten darum, Frauen bei der Entfaltung ihres Ichs zu unterstützen. Bis zum Bau der Mauer waren rund drei Millionen Bürger in den Westen geflohen und vorher im Krieg so viele gefallen, dass aus wirtschaftlichen Gründen alle mit anpacken mussten. Die "werktätige Frau und Mutter" war sozialistisches Leitbild; mit Selbstverwirklichung hatte das nichts zu tun. Auch der stramme Kita-Ausbau war Mittel zum Zweck: Die Frauen sollten arbeiten, und der Staat bekam die Möglichkeit zur "frühen sozialistischen Formung des Menschen". Sicher hätten manche Eltern gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht. Das politische Klima erlaubte das aber nicht.

Auch heute wird wieder von "wirtschaftlicher Notwendigkeit" gesprochen. Angesichts der schrumpfenden Bevölkerung geht es der deutschen Familienpolitik aktuell darum, die vielen klugen Frauen, deren Ausbildungskosten der Staat getragen hat, im Job zu halten. Und das Elterngeld wurde eingeführt, um den vergleichsweise gebärfaulen Akademikerinnen Anreize zur Familiengründung zu bieten. Zwar ist die Entscheidung für oder gegen Kinder privat, dennoch gibt der Staat natürlich durch seine Politik Leitlinien vor. Das ist auch okay, solange der Spielraum für die Bürger groß genug bleibt. In der DDR gab es kaum Spielraum. Und in der krippenarmen BRD war es für die meisten Frauen ähnlich.

Inzwischen ist keiner mehr gezwungen, das Modell seiner Eltern nachzuleben. Warum also wird trotzdem gejammert? Vielleicht weil Freiheit eben auch bedeutet, sich entscheiden zu müssen. Weil es aufreibend ist, Gleichberechtigung in einer Partnerschaft zu leben, in der die Aufgabenverteilung ständig neu ausgetüftelt werden muss. Oder weil Eltern zu viel grübeln, sich irritieren lassen von Familien, die es anders machen. Weil die Angst groß ist, den Job zu verlieren, wenn man nicht 120-prozentigen Einsatz zeigt; schließlich gibt es heute keine staatliche Arbeitsplatzgarantie mehr wie einst in der DDR. Weil die Großeltern oft weit weg wohnen und nicht helfen können. Weil es nach wie vor an Kindertagesstätten mangelt, vor allem in Westdeutschland. Weil Kinder mehr im Mittelpunkt stehen als früher. Und weil gleichzeitig der Drang so groß ist, sich selbst zu verwirklichen. Vielleicht auch, weil Paare heute erst spät Eltern werden, vorher viel herumreisen, sich ausprobieren konnten und ihnen das dann plötzlich fehlt, so sehr sie ihre auch Kinder lieben. Und weil es nun mal richtig anstrengend ist, Kindererziehung, Haushalt und einen Job zu meistern, wenn man mehr als fünf Stunden Schlaf braucht.

Übrigens: Dass man darüber auch mal jammern darf, und zwar öffentlich, das ist etwas ganz Großartiges in diesem wiedervereinigten Land.

Autorin Katja Schönherr, Jahrgang 1982, stammt aus Dresden und ist Mutter.

Text: Katja Schönherr
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