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Leslie Mandoki "Man muss den Menschen vermitteln, dass sie wertvoll sind"

Leslie Mandoki wohnt seit vielen Jahren in Deutschland.
Leslie Mandoki wohnt seit vielen Jahren in Deutschland.
© Red Rock Production
Leslie Mandoki ist in den 1970er Jahren nach Deutschland geflohen. Im Interview verrät er, wie Integration gelingen kann.

Leslie Mandoki feiert im nächsten Jahr seinen 70. Geburtstag, zuvor steht das 30. Jubiläum seiner Mandoki Soulmates an: Zeit, um die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen. Der Künstler blickt im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news auf seine bemerkenswerte Karriere zurück. Der 69-Jährige hat für seine Träume gekämpft und kann sie nun schon seit vielen Jahren leben. Angefangen hat alles in seiner Heimatstadt Budapest.

Als junger Musiker war er dort Verfolgungen und Zensur ausgesetzt. Eine besonders "prägende Persönlichkeit" war in dieser Zeit sein Vater, wie Mandoki erzählt. "Ich war 16 Jahre alt, als er den Kampf gegen den Krebs verlor. Am Sterbebett sagte er mir: 'Das Schlimmste ist, dass ich meine Enkelkinder nie kennenlernen werde.' Ich musste ihm versprechen, dass seine Enkelkinder nie zensierte Zeitungen lesen werden. Damit war der Gedanke geboren, dass man für eine bessere Welt streiten darf."

Sein Vater habe ihm gesagt: "Der Eiserne Vorhang ist nichts für dich. Du musst deinen Weg finden. Lebe deine Träume und träume nicht dein Leben." Mandoki träumte von Freiheit - und floh mit Musikerfreunden zuerst nach Österreich und schließlich nach Deutschland. Beim Asylantrag wurde er gefragt, was seine Pläne seien. Seine Antwort: Er wolle mit Stars wie Ian Anderson (75) von Jethro Tull, Jack Bruce (1943-2014) von Cream und Gitarrist Al Di Meola (68) musizieren. "Der Beamte hat vor sich nur einen verrückten Ungarn mit langen Haaren gesehen. Er hat mich als Wahnsinnigen, Idealisten und Träumer eingeschätzt", erinnert sich Mandoki.

Leslie Mandoki: "Keiner hat mich je gefragt, wie ich die Integration geschafft habe"

Doch seine Träume haben sich nach und nach erfüllt - unter anderem dank gelungener Integration. "Ich bin wahrscheinlich einer der bekanntesten Asylanten in Deutschland. Keiner hat mich je gefragt, wie ich die Integration geschafft habe, was der Schlüssel ist", erzählt Mandoki. "Ich habe mich in Deutschland verliebt, in die Mentalität und die Kultur. Das ist mir gelungen, weil ich schon zwei Wochen nach meiner Ankunft Arbeit hatte: Ich habe im Schwäbischen Landestheater getrommelt." Der Künstlerdienst habe ihn gefragt, ob er Noten lesen könne. "Am nächsten Morgen hatte ich einen Job", sagt Mandoki. "Ich war in komplett deutscher Umgebung, sprach aber kein Wort Deutsch. Die Integration hat sich ganz selbstverständlich entwickelt."

Daher weiß er: "Nicht Alimente sind wichtig, sondern die Inklusion. Die Integration neuer Mitbürger wird nur gelingen, wenn sie sofort aufgenommen werden können - und zwar im Arbeitsumfeld. Man muss den Menschen vermitteln, dass sie wertvoll sind."

Dschinghis Khan war "kurzer Ausrutscher"

In München, eine seiner ersten Stationen in Deutschland, habe er für sein erstes Schlagzeug gespart. "Da habe ich dann auch Udo Lindenberg kennengelernt. Klaus Doldinger hat mir viel geholfen", erinnert sich Mandoki zurück. "Das war der Wahnsinn damals in München. Hier waren Deep Purple, Elton John, Queen, die Rolling Stones, Giorgio Moroder und so weiter. Ich war der Neue in der Stadt." Der Rest ist Musikgeschichte: Erste große Bekanntheit erlangte Mandoki mit der Gruppe Dschinghis Khan, was er heute als "kurzen Ausrutscher" bezeichnet. "Aber ich konnte mich beweisen", räumt er ein.

Mit der Gründung der Mandoki Soulmates erfüllte er sich dann schließlich seinen größten Wunsch: "Schon mit 16 Jahren hatte ich den Traum, Progressive Rock mit Fusion Jazz zu verschmelzen", erzählt Mandoki. 1993 gelang es ihm schließlich, dieses Vorhaben mit großen Stars in die Tat umzusetzen. Über die Jahre begeisterte er nicht nur Ian Anderson, Jack Bruce und Al Di Meola für die Soulmates, sondern auch weitere Stars wie Bobby Kimball (75) von Toto, John Helliwell (77) von Supertramp sowie Michael (1949-2007) und Randy Brecker (76). Lang überzeugen musste er die Musiker von den Soulmates nicht: "Es hat immer geklappt. Die Musik hat einfach so eine Anziehungskraft", sagt Mandoki stolz.

Mandoki Soulmates: Kanutouren auf dem Starnberger See

Die Mandoki Soulmates blicken mittlerweile auf 30 gemeinsame Jahre zurück. Eine Zeit, in der sie nicht nur Musik zusammen gemacht haben, sondern auch enge Freunde geworden sind. "Unsere Kinder kennen sich gut", erzählt Mandoki. "Auf meinem Grundstück am Starnberger See habe ich eine Hütte mit mehreren Kanus. Wir fahren damit gerne gemeinsam über den See."

Den Startschuss für das Jubiläumsjahr bildet ein großes Open-Air-Konzert am 19. August im Herzen von Budapest, Mandokis Geburtsstadt. Für den Musiker schließt sich hier ein Kreis: "Wir proben in dem Club, in dem ich früher Spielverbot bekam. Wir kehren in die dunklen Proberäume zurück, in denen die Sehnsucht nach Freiheit damals entstand." Und: Budapest sei ein "Schmelztiegel", ähnlich wie die Mandoki Soulmates.

Denn die Freunde sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Was sie eint, sind "die gemeinsamen Werte und die Liebe zur Musik", sagt Mandoki. "Wenn die Menschen so miteinander umgehen würden wie wir Soulmates, dann wäre sie ein friedlicher, generationsgerechter, nachhaltiger und ganzheitlicher Ort", ist er sich sicher. "Wir vereinen alle Religionen und Nationen. Wir hatten zum Beispiel Jack Bruce, der ein überzeugter Marxist war, und dann wieder jemandem, der dem Kommunismus entflohen ist. Das war ein herrlicher Diskurs. Wir haben Veganer, wir haben überzeugte Fleischesser, und wir kommen zusammen. Das ist Respekt, Toleranz und das Lernen vom Gegenteil. Denn die Wahrheit hat immer zwei Seiten."

"Wir wollen zurück zum menschlichen und achtsamen Miteinander"

Im Jubiläumsjahr wollen die Soulmates besonders für ihr Publikum da sein. "Die jahrzehntelange Liebe wollen wir zurückgeben und eine Stütze sein. Wir wollen darüber Lieder singen, was uns verbindet und nicht darüber, was uns trennt. Wir wollen zurück zum menschlichen und achtsamen Miteinander", betont Mandoki. "Wir stehen vor Herausforderungen, die es in den letzten Jahrzehnten so nicht gab. Kurz vor der Gründung der Soulmates ist die Mauer gefallen, der Eiserne Vorhang ist verschwunden. Heute ist es aktueller denn je, dass wir wieder für unsere Freiheit und Werte kämpfen müssen. Wir als Soulmates wollten schon immer ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein."

Das Konzert in Budapest ist erst der Startschuss für das Jubiläumsjahr. Aktuell arbeiten die Soulmates an einem neuen Album. Viele Konzerte und Aktivitäten sind geplant - nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Das kommende Album trägt den Titel "A Memory of My Future", wie Mandoki verrät. Der ursprüngliche Plan war, einen komplett autobiographischen Longplayer zu schreiben, der ein oder andere politische Aspekt wird aber nicht fehlen. Dabei ist der Blick nicht nur nach hinten gerichtet. Denn für Mandoki ist wichtig: "Jeder Song hat einen Ausblick nach vorne - so wie mein Leben auch."

SpotOnNews

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