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Peter Tauber: Wie seine schwere Krankheit sein Leben verändert hat

Peter Tauber bei einer Sitzung des Deutschen Bundestages.
Peter Tauber bei einer Sitzung des Deutschen Bundestages.
© imago images/photothek
Peter Tauber hat eine steile politische Karriere hingelegt, bis er krank wurde und beinahe starb. Hier erzählt er, was er geändert hat.

"Ich ahne nicht, dass der Gedanke an Posten und Ämter schon kurze Zeit später völlige Nebensache ist und es für mich nur noch um eines gehen wird - mein Leben", schreibt der ehemalige Generalsekretär der CDU, Peter Tauber (45), in seinem Buch "Du musst kein Held sein: Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar" (bene!, ab 2.3.). Im Interview mit spot on news erklärt der 45-Jährige, wie ihn seine schwere Erkrankung, an der er fast gestorben wäre, verändert hat und wie er Angela Merkel (65) in dieser schweren Zeit erlebt hat.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Geschichte aufzuschreiben und was wollen Sie Ihren Lesern mitgeben?

Peter Tauber: Mehrere Dinge haben mich dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben. Es geht darin zwar auch um mich und einen Blick hinter die Kulissen der Spitzenpolitik, aber eigentlich ist mir etwas anderes besonders wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass wir zwei Dinge in unserer Gesellschaft ändern müssen: Erstens brauchen wir eine vernünftige Fehlerkultur und eine Kultur des Scheiterns. Wir sollten Fehler machen, um daraus zu lernen und besser zu werden. Stattdessen wird man an den Pranger gestellt, wenn man Fehler begeht. Und zweitens: Wir müssen lernen, Probleme gemeinsam zu lösen. Wir erreichen viel mehr, wenn wir nicht als Einzelkämpfer unterwegs sind, sondern zusammenhalten und zusammenarbeiten. Wenn wir diese Dinge ändern, wird unsere Gesellschaft besser, solidarischer und mitmenschlicher.

"Immer da sein, keine Schwäche zeigen und funktionieren", war für Sie wichtig, bevor Sie eine schwere Darmerkrankung bekamen. Wie schwer war es für Sie damals, sich von Ihrem alten Selbst zu lösen?

Tauber: Ganz ehrlich: Wäre ich nicht krank geworden, dann wäre mir das vielleicht gar nicht gelungen. Ich hatte zwar vor, etwas zu ändern. Aber ich wusste nicht genau was und wie. Die Erkrankung und die daraus folgende "Ohnmacht" haben mir Entscheidungen einfach abgenommen.

Nach einer Operation infolge der Darmerkrankung wären Sie beinahe gestorben. Wie lange hat es gedauert, bis Sie anschließend wieder ganz gesund waren und was haben Sie in Ihrem Leben seither geändert?

Tauber: Ich wollte mein Leben ja nicht komplett ändern. Mindestens genauso wichtig war es mir, künftig viele Dinge bewusster zu machen. Mehr Rücksicht zu nehmen, offener zu sein. Und ehrlich zuzugeben, wenn ich mich einer Sache nicht gewachsen fühle. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger. Das Bewusstsein, dass ich nicht wie eine Maschine funktionieren muss, macht mich aber freier und gelassener.

Sie erzählen auch, dass Angela Merkel Sie im Krankenhaus besucht hat. Wie haben Sie die Kanzlerin zu dieser Zeit erlebt?

Tauber: Der Besuch hat mir gut getan. Ich empfand das als aufrichtiges und fürsorgliches Interesse meiner Chefin. Ich glaube, jeder wünscht sich ja in einer vergleichbaren Situation, dass Kollegen oder der Chef sich kümmern und so auch ihr Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Der Besuch war aber natürlich schon außergewöhnlich. Wie genau er ablief, erzähle ich im Buch etwas ausführlicher.

"Natürlich haben Sie das wegen Ihres Jobs bekommen!", hat Ihnen Ihr Arzt im Krankenhaus erklärt. Haben Sie auch darüber mit Angela Merkel gesprochen und wie war es für Sie selbst, das so deutlich gesagt zu bekommen?

Tauber: Für mich war der Moment der Hilflosigkeit am Schlimmsten. Ich lebte vorher mit dem Selbstbild, dass ich gesund bin, den Druck, die negativen Schlagzeilen und all das ohne Probleme wegstecke. Ich habe viel gearbeitet, viel Sport gemacht und mich quasi unbesiegbar gefühlt. Die eigenen Grenzen, die eigene Verletzbarkeit und die eigene Endlichkeit zu spüren, war für mich krass, aber durchaus ein heilsamer Schock.

Wie schafft es die Kanzlerin, ihre Aufgabe seit so vielen Jahren auszufüllen und dabei selten Schwäche zu zeigen?

Tauber: Man kann Angela Merkel nur bewundern, wie sie das alles schafft und wegsteckt. Und natürlich steht ihr auch ein Moment der Schwäche zu. Ich denke, was man lernen und verstehen sollte: Jeder von uns hat eine andere Belastungsgrenze. Und man muss seine eigene finden und kennen und darf nicht glauben, dass man so belastbar und hart im Nehmen ist, wie der Kollege oder der Chef. Und das ist auch völlig in Ordnung. Ich habe das erst mühsam und schmerzlich lernen müssen. Hoffentlich sind da andere Menschen klüger als ich.

Sie berichten von einem Auftritt, den Sie mit Angela Merkel absolvierten, vor dem die Kanzlerin als "Fotze" beschimpft wurde. Wie hat die Kanzlerin reagiert? Sind die Anfeindungen, denen Politiker ausgesetzt sind, in den vergangenen Jahren schlimmer geworden und was war das Schlimmste, das Sie sich anhören mussten?

Tauber: Da bin ich ziemlich konservativ. Wer jemanden in einer öffentlichen Funktion so beleidigt wie in dem geschilderten Beispiel, der beleidigt uns alle und am Ende sich selbst. Die Respektlosigkeit gegenüber den Vertretern unseres Staates - von der Kanzlerin bis zum Polizisten - sagt mehr über die Menschen aus, die so handeln, als über diejenigen, die beleidigt werden. Neulich habe ich mal ein "best-of" der Beleidigungen auf YouTube hochgeladen, die ich so geschickt bekommen habe. Einen Favoriten habe ich nicht. Mir tun diese Menschen, die vermeintlich Stärke aus der Beleidigung anderer ziehen, eher leid.

Sie wurden lange von einem Tweet verfolgt, den Sie zu unüberlegt abgesetzt hatten. Was würden Sie als Ihren größten Fehler in Ihrer politischen Laufbahn bezeichnen?

Tauber: Bei den inhaltlichen Positionen, für die ich gestritten habe, bin ich mit mir im Reinen. Aber mit der Art und Weise, wie ich hier und da auf Kritik reagiert oder nicht reagiert habe, hadere ich. Und Twitter verführt leider dazu, manchmal erst zu schreiben und dann erst gründlich darüber nachzudenken. Und auch hier: Sie können sich entschuldigen wie Sie wollen. Der Tweet ist in der Welt. Beispielsweise hat mein Tweet zum Thema Mini-Jobber viele Menschen verletzt. Das war nicht meine Absicht. Und natürlich habe ich mich entschuldigt.

Sie verraten, dass Ihr Job als Generalsekretär Sie bis an Ihre Grenzen gebracht und auch Ihr Privatleben beeinträchtigt hat. Wie hat sich Ihre Arbeit auf Ihren Freundeskreis und Ihre Beziehungen ausgewirkt?

Tauber: Bei mir leider negativ. Ich habe schlicht die falschen Prioritäten gesetzt und zu wenig Zeit für Freunde und Familie "reserviert". Ich bin nicht ganz sicher, inwieweit ich selbst Schuld daran bin oder ob nicht eben das System Politik einen solchen Tribut einfordert.

Was ziehen Sie für ein Fazit von Ihrer Zeit als Generalsekretär?

Tauber: Die vier krassesten Jahre meines Lebens und unzählige Erfahrungen und Begegnungen, die ich nicht missen möchte.

Wie beurteilen Sie die Geschehnisse in Thüringen?

Tauber: Dass die beiden bürgerlichen Parteien FDP und CDU der AfD in Thüringen auf den Leim gegangen sind, macht mich bis heute fassungslos. Die Konservativen dürfen nicht erneut zum Steigbügelhalter der Nationalisten herabsinken. Das widerspräche dem Gründungsgeist der CDU.

Wen sehen Sie im Kampf um den CDU-Vorsitz vorne?

Tauber: Ich habe mir vorgenommen, denjenigen (oder diejenige), die das Rennen macht, vorbehaltlos zu unterstützen, egal, ob er oder sie vorher meine Stimme bekommen hat. Die CDU wird nur an ihre Erfolge anknüpfen können, wenn sie zu alter Geschlossenheit zurückfindet. Ich halte auch nichts davon, auf die unterlegene Seite zuzugehen. Das hat ja letztes Mal zu nichts geführt. Die hat sich dann einzureihen. Ohne Disziplin und Einordnung geht es nicht.

Wo sehen Sie sich beruflich und privat in fünf Jahren?

Tauber: Gesund und munter und mit einer spannenden Aufgabe betraut hoffentlich. Wo, das wird der liebe Gott schon fügen.

SpotOnNews

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