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Tharaka Sriram "Ich widme mein Leben dem Meer"

Tharaka Sriram
© Tharaka Sriram / Ocean Education / PR
Tharaka Sriram hat sich entschieden, ihr Leben der Umwelt zu versprechen. Mit BRIGITTE.de spricht die Meeresschützerin über ihren täglichen Kampf für die Umwelt – und gegen Sexismus und Rassismus. 

Eigentlich wollte sich Tharaka Sriram für Frauenrechte einsetzen. Dann hat sie gemerkt, dass sie dafür erst einmal die Weltmeere retten muss.

Nichts leichter als das: Heute hat die 36-Jährige bereits 59 Länder bereist, die Meeresbildungsinitiative "Ocean Education“ gegründet, arbeitet als Campaignerin für die Wal- und Delfinschutzorganisation "Whale and Dolphin Conservation" und ist zwischen Müll durch die Meere getaucht  – und das, obwohl sie davor nicht einmal schwimmen konnte. Jetzt hält sie mit ihrer Initiative weltweit Vorträge, um über das Meer und dessen Schutzgebiete aufzuklären.

Als wäre es nicht Herausforderung genug, sich und sein Leben dem Meeresschutz zu versprechen, kämpft Tharaka dabei täglich gegen Geschlechterklischees und Rassismus.

Für uns war klar: Mit dieser Frau müssen wir sprechen. Und das haben wir getan. Herausgekommen ist ein Interview, das inspirierender kaum sein könnte. Denn eins ist klar: Tharaka Sriram ist eine starke Frau, die sich in keine Schublade stecken lässt. Aber lest selbst …

Liebe Tharaka, bevor wir uns den Meeren widmen, bin ich neugierig auf dich: Wo fängt deine Geschichte an?

"Meine Eltern sind 1983 als tamilische Flüchtlinge aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. Ich komme aus dem Schwarzwald. Studiert habe ich Politikwissenschaften, Spanisch, Gender Studies und Umweltgeschichte. Dann habe ich angefangen, mich in der Frauenbewegung zu engagieren – dort habe ich mehr gelernt als in der Uni.“

Wie bist du zur Frauenbewegung gekommen?

"Ich habe aktiv danach gesucht. Ich hatte schon zu Hause viel zu kämpfen, weil die Kultur meiner Eltern sehr konservativ ist. Es ist egal, ob du einen Doktortitel hast oder beruflich erfolgreich bist, wenn du nicht verheiratet bist, mit dem Mann, den deine Eltern für dich ausgesucht haben, und keinen Nachwuchs gezeugt hast, hast du als Frau versagt.

Ich habe gemerkt, ich möchte diese Kraft, mit der ich aktiv gegen die Frauenverachtung in der Kultur meiner Eltern kämpfe, auch weitertragen, anderen Frauen helfen.“

Von der Frauenbewegung zum Meeresschutz ist es ja aber doch ein ganz schöner Sprung …

"Ja, das stimmt (lacht). 2008 war ich in Peru, in einem kleinen Fischerdorf. Ich war als Freiwillige in der Hauptstadt, Lima, für eine Frauenorganisation tätig. Wir haben Schulungen angeboten, für Frauen, die in Gewerkschaften aktiv sind oder die Missbrauch am Arbeitsplatz erfahren haben. In einem kleinen Ort an der Küste, der nur von Kleinfischerei lebt, kam ich in Kontakt mit den Frauen der Fischer. So erfuhr ich von der Problematik, dass die Fischer immer weniger gefangen und dadurch die Frauen immer mehr häusliche Gewalt erfahren haben.“

Wo liegt da der Zusammenhang?

"Das war so ein ganz karger Ort, da gab es keinen Strom, wenn die Sonne untergegangen ist, war es komplett dunkel, außer dem Licht des Leuchtturms. Keine Vergnügungsmöglichkeiten, dann kam meist Alkoholismus dazu. Die Männer waren unter Druck, ihre Familie zu ernähren. Wenn die Frauen dann am Strand standen, wenn die Fischerboote zurückkamen, der Fang nicht ausreichte um die Familie zu ernähren und die Männer keine andere Möglichkeit fanden, ihren Frust zu verarbeiten, kam es zu häuslicher Gewalt.

Natürlich ist häusliche Gewalt komplexer als das und es gibt keine Entschuldigung für Gewalt, egal gegen wen sie gerichtet ist. Aber mich hat das geschockt. Ich habe mich vorher viel mit Frauen und häuslicher Gewalt beschäftigt. Ich hatte das Gefühl, man kann alle Probleme lösen, solange man Menschen bildet, mit ihnen spricht. Aber dann kam die Komponente mit dem Meer dazu. Diese Abhängigkeit des Menschen von natürlichen Ressourcen.“

Und die hat etwas in dir verändert …

"Es war das erste Mal, dass ich auf diesen Zusammenhang gekommen bin. Wenn man sich nicht um die Umwelt kümmert, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Menschen überleben können, dann kann man den Kampf um die Frauenrechte vergessen. Dann habe ich angefangen zu recherchieren: Was passiert mit dem Meer?“

Umweltschutz hat viele Seiten, doch dich zog es immer zu den Ozeanen. Warum ausgerechnet das Meer?

"Ich setze mich für die Lebewesen im Meer ein. Es gibt viele Meeresschützer, die sagen, das Meer ist wichtig, damit wir etwas zu essen haben. Oder damit es uns vor dem Klimawandel schützt. Oder damit man immer surfen kann, ohne im Plastik zu schwimmen. Das ist nicht meine Motivation.

Ich sehe das so, dass das Meer und jedes Lebewesen, auch an Land, einen Wert an sich hat. Das allein reicht, damit es erhalten werden sollte und ein Recht auf Freiheit und Sicherheit hat. Man sollte sich nicht nur aus menschlichen, egoistischen Gründen für Meeresschutz interessieren.“

Tharaka Sriram: Beim Tauchen auf Nusa Lembongan, Indonesien
© Ocean Education / Tharaka Sriram / PR

Und wann wurdest du selbst zum ersten Mal aktiv?

"Ich hatte angefangen, Vorträge über Meeresschutz für den Frauenverband zu machen und wollte mich auf Stellen bewerben. Das hat nicht geklappt, denn ich hatte keinerlei Erfahrung. Dann habe ich mich z.B. bei Greenpeace als Freiwillige engagiert. Auf den Konferenzen, die ich besuchte, erfuhr ich von der Situation in Meeresschutzgebieten weltweit. Da ist in mir der Wunsch gereift: Ich möchte mir die jetzt mal selbst anschauen, nicht nur auf dem Papier. Ich habe nach Sponsoren geschaut, das hat leider auch überhaupt nicht funktioniert. Und wieder habe ich überlegt: Möchte ich das überhaupt? Aber ich habe immer wieder gemerkt, wie mein Herz mich zum Meer zieht. Dabei habe ich erst mit 32 Jahren schwimmen gelernt.“

Huch, wie kommt das?

"Ich wäre bei einem Tauchunfall mal fast gestorben. Das Thema habe ich immer beiseitegeschoben. Aber wenn ich mich dem widmen wollte, musste ich schwimmen lernen. Ich hatte wirklich Angst. Mich hat das Meer fasziniert, aber selbst reinzugehen, sich dem auszusetzen, das Element zu verstehen …“

Aber du hast es gemacht.

"Ja, nach langer Überlegung. Natürlich war es ein Risiko. Aber ich dachte mir: Wenn ich es jetzt nicht mache, dann werde ich es niemals machen. Und dann habe ich zwei Bankkredite aufgenommen. Andere kaufen sich eben ein Auto, ich will kein Auto und auch keinen Fernseher. Also bin ich aufgebrochen, habe mir Praktika organisiert und war in elf Monaten in 17 Ländern und habe mir Meeresschutzgebiete angeschaut.“

Ganz alleine? Hattest du da als Frau Angst?

"Ich glaube, die Gesellschaft baut sehr darauf, dass man Frauen Angst macht. Ich bin eigentlich immer alleine unterwegs. Da kann man auch für sich sein – man kommt aber eher mit Leuten in Kontakt. Ich habe keine Hemmschwelle, Leute anzusprechen, wenn sie mich interessieren. Und ich bin ein neugieriger Mensch, das ist allgemein eine gute Voraussetzung. Man sollte keine Angst vor Ablehnung haben.“

Du sagst das so einfach.

"Man kann viel mehr gewinnen, als verlieren, wenn man Menschen anspricht. Ich habe die Erfahrung gemacht: Es öffnet sich wirklich die Welt für einen, wenn man anfängt, selbst offener zu sein. Man kann nicht alles wissen. Und ich denke, man kann von anderen Menschen nur lernen.“

Tharaka, mal eine Frage zwischendurch: Woher nimmst du den Mut dazu? Einen Kredit aufzunehmen, einfach loszuziehen, schlimme Dinge zu sehen und zu sagen – die will ich ändern?

"Ich bin nicht der Typ, der ein Problem sieht und sagt, das lassen wir jetzt mal so. Mich bewegt das. Ich habe mich dazu entschieden, keine Kinder zu bekommen. Ich möchte mich wirklich zu hundert Prozent für die Umwelt einsetzen. Solange ich am Leben bin und gesund genug dafür bin, mich für die Meere zu engagieren, werde ich das auch machen.“

Also widmest du dein Leben vollends dem Umweltschutz?

"Ja. Wenn man sich überlegt, wie die Lage der Welt ist, dann macht es für mich keinen Sinn, Kinder zu bekommen. Der rasante Anstieg der Weltbevölkerung hat ökologische Folgen. Jede Sekunde kommen Menschen auf die Welt, die Essen und Trinkwasser benötigen, Energie verbrauchen, Autofahren und ein Smartphone besitzen wollen. Die Rohstoffe dafür kommen aus der Natur. Der Ressourcendruck führt z.B. zu einer fortschreitenden Abholzung der Wälder, dem Rückgang der Artenvielfalt, vor allem durch den weiter zunehmenden Fleisch- und Fischkonsum, der weiteren Erwärmung der Atmosphäre und Intensivierung des Treibhauseffektes, ganz zu schweigen von noch mehr Plastikmüll.Das ist alles nichts Neues, viele Wissenschaftler machen sich dazu schon seit langem Gedanken, doch die meisten Menschen wollen sich damit lieber nicht auseinandersetzen."

Stößt du damit auf Unverständnis?

"Es gibt Frauen, die sind gerne Mütter, das sollen sie auch machen, wenn sie das erfüllt. Ich möchte mein Leben lieber der Umwelt widmen. Man kann nicht alles machen. Es muss jeder für sich selbst entscheiden, und ich habe meine Entscheidung getroffen. Die Menschheit wird nicht aussterben, ich muss meine Gene nicht weitertragen. Ich würde lieber Kinder adoptieren, die schon auf der Welt sind und jemanden brauchen, der sich um sie kümmert. Mir ist es viel wichtiger, die Botschaft zu verbreiten, dass wir auch auf andere Lebewesen achten müssen – auf deren Recht auf Leben, Freiheit, Wohlbefinden und Freude.“

Trotzdem gilt man oft noch als Exot, wenn man sich gegen ein Leben in der klassischen Frauen-/Mutterrolle entscheidet…

"Ich finde es interessant, dass zu Corona viele Frauen gemerkt haben, dass der Partner, von dem sie dachten, sie seien ihm gleichberechtigt, jetzt in 'alte' oder traditionelle Rollen hineinrutscht. Und sie plötzlich die sind, die sich um den Haushalt, die Kinder kümmern. Die dafür den Beruf zurückstellen – und er geht arbeiten. Ich muss ehrlich sagen: Mich wundert das nicht. Rechte müssen immer wieder erkämpft und erhalten werden. Ob privat oder öffentlich.

Bist du noch in einer Männerdomäne unterwegs?

"Es gibt schon viele Frauen, die für die Umwelt aktiv sind. Aber meistens sind die Personen, die im Rampenlicht stehen und z.B. Konferenzen abhalten, immer noch Männer.“

Hast du dich durch dein Geschlecht diskriminiert gefühlt?

"Was ich ganz lustig finde, ist, dass ich oft als Mann angeschrieben werde. Weil die Leute nicht genau wissen, ob der Name männlich oder weiblich ist – im Zweifel immer männlich. Auf Reisen haben die Leute oft angenommen, ich sei die Reisebegleitung. Und als ich im Ministerium in der Dominikanischen Republik ein Treffen mit dem Umweltminister hatte, wurde ich von der Sekretärin gefragt, wann denn der Leiter der Organisation kommt. Sie staunte nicht schlecht, als ich sagte: 'Ich bin die Leiterin.‘“

Was rätst du Frauen, die so etwas erleben?

"Wichtig ist, aufmerksam zu bleiben. Das machen Frauen ja gerne, zu sagen, ich halte das jetzt aus, es wird schon vorbeigehen. Aber das hat immer emotionale, körperliche Folgen, auch wenn man sie anfangs nicht sieht. Man muss anfangen, für sich selbst einzustehen.

Ich habe mir gesagt: Ich bin hier, um für das Meer zu arbeiten. Und alles, was mich dabei behindert, möchte ich gelöst haben. Das geht mir übrigens auch oft aufgrund meines Aussehens so, dadurch dass ich eine dunklere Hautfarbe habe."

Inwiefern erlebst du in deinem Alltag Rassismus?

"Wenn ich Vorträge halte, ist es mir schon passiert, dass Leute mich danach umarmt und meine Haare angefasst haben. Oder ich halte anderthalb Stunden einen Vortrag und alles, was eine Frau danach sagt, ist: 'Das ist ja ganz toll, dass Sie deutsch sprechen, ganz super.‘“

Was würdest du dir wünschen, was sich ändert?

"Ich bin ein sehr idealistischer Mensch. Ich würde mir wünschen, dass das alles kein Thema mehr ist – weder Rassismus, Sexismus noch Klassismus. Dass es kein Thema mehr ist, dass man als Frau anders behandelt wird. Dass man, egal wie man aussieht, welche sexuelle Identität man hat, ob man arm oder reich ist, gleich behandelt wird, die gleichen Chancen und Lebensbedingungen hat. Das wünsche ich mir, damit wir Menschen mehr Kraft in den Umweltschutz investieren und für eine lebenswerte Zukunft aller Wesen auf unserem Planeten sorgen können.“

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

2021 wird Tharaka mit 13 anderen Frauen von Fidschi nach Vanuatu segeln, als Teil von EXXpedition - einer Forschungsmission bei der insgesamt 300 Frauen die Welt in Etappen umsegeln. Dabei werden sie Wasserproben entnehmen und untersuchen, welche Auswirkungen Mikroplastik und Umweltgifte auf den Menschen und die Umwelt haben. Im Fokus stehen endokrine Disruptoren, Umweltsubstanzen mit Hormonwirkung, die unter anderem die Entstehung von Brustkrebs begünstigen. Um Tharaka auf ihrer Reise zu unterstützen, wurde eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

#dubiststark: Diese Frauen inspirieren uns


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