Max Giesinger: "Ich kann mich doch keiner Frau zumuten!"

Seit Max Giesinger Musiker ist, läuft er eigentlich nur davon: von zu Hause, vor der Liebe, dem Stillstand. Als einer der ganz Großen im deutschen Pop hat er viele Freunde – und Spötter.

Max Giesinger: Sein Weg nach "The Voice"

Es war Silvester 2013, als Max Giesinger die Brocken hinschmeißen wollte. Das Jahr lag hinter ihm, es war nicht so richtig gut gelaufen für ihn – eine kleine Tour hatte er gemacht mit seiner Band, aber die Plattenfirmen woll­ten nichts von ihm wissen, und er spürte tief drinnen: Das ist es nicht. Er hatte gerade eine kurze Fernseh­karriere hinter sich, Anfang 2012 war er bei "The Voice of Germany" Vierter geworden. Der Castingshow­-Stempel war eine Bürde und nichts, was ihn voran­ brachte. Auf deutschen Pop hatte er seit­dem gesetzt, obwohl er sich rockig sah.

Er stand also in dieser Nacht auf einem Balkon in der Pfalz, nippte lustlos an seinem Bier, während seine Band drinnen feierte, und beschloss: Das ganze Deutschpop­-Ding hat jetzt ein Ende.

Fünf Jahre später ist wieder Silvester. Max Giesinger hat immer noch dieselbe Band, und dieses Deutschpop-­Ding, das macht er auch noch. Sein Bier aber ist diesmal ein "Singha", er feiert den Jahres­wechsel mit seinen Freunden in Thailand. Er kann es sich leisten, und er braucht den Abstand von Deutschland sogar – 2018 war ein wildes Jahr gewesen. Ein langer Open-Air-Sommer liegt hinter ihm und Hunderte von Stunden im Studio, an deren Ende mit "Die Reise" eine Platte herauskam, die er in monatelanger Promo­-Tour in gefühlt jedem Radiosender der Republik vorgestellt hat. Aus dem Typen, der mal an einer Castingshow teilgenommen hat, ist ein richtiger Popstar geworden. Eine Viertel­million Exemplare seiner drei Alben hat er in den vergangenen Jahren verkauft, von seiner Single "80 Millionen" doppelt so viel. Ihm folgen knapp 250.000 Leute bei Instagram und über 180.000 bei Facebook. Seine Tournee, die seit Mitte Fe­bruar läuft, werden etwa 100.000 Zuschauer sehen. Zu dieser Tour gibt es ein eigenes Print-Magazin am Kiosk, das hatte vorher auch noch keiner. Wenn er über die Straßen geht, schauen ihm Frauen wie Männer hinterher.

Er wird von vielen geliebt wie auch gehasst

Max Giesinger aus Waldbronn­-Busen­bach, wohnhaft in Hamburg, 30 Jahre alt, Single und Fast­-Food-­Freund, wird von einer großen Gruppe von Menschen für seine Musik geliebt. Und von ähnlich vie­len Leuten gehasst, auch für seine Musik. Und das wurmt ihn mächtig. Dieser Hass, er basiert auf einer Sache, von der Giesinger eigentlich nichts mehr wissen will. Aber die Affäre Böhmermann ist für seine Karriere zu wichtig, um sie unter den Tisch fallen zu lassen. Jan Böhmermann nämlich hatte vor der Echo-Verleihung vor zwei Jahren in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" vielbeachtet auf die "neuen deutschen Songpoeten" eingedroschen, die, zusammengefasst, seelenlose, grundlos gefühlsduselige Schlager-Marionetten einer zynischen Pop-Industrie seien. Und für die stand stellvertretend: Max Giesinger. Der Böhmermann-Spott gipfelte in einem sinnbefreiten Song samt Video im Giesinger-Stil. Danach wurde es relativ schick, den Max scheiße zu finden.

Giesinger reagierte nach außen gelassen, denn er wusste, dass er auch deshalb als Abziehbild taugte, weil er damals erfolgreich war wie kein anderer. Aber in Wahrheit hat ihn die Sache verletzt. "Ich war das falsche Beispiel dafür", sagt er, "die Plattenindustrie hat mich doch immer abgelehnt. Und meine Songtexte sind nicht Goethe – aber es sind meine Geschichten." Und überhaupt: Wenn seine Musik so vielen etwas bedeutet – "wieso zählt das nichts? Was soll das Gehate?" Giesinger ist eine der Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Aber er ist verletzbar geblieben. Das hat er mitgenommen aus seiner eigenen Geschichte.

Max Giesinger wusste schon früh, was er mit seinem Leben anfangen will

Er kommt aus Busenbach, einem Ortsteil von Waldbronn bei Karlsruhe. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er vier war, die Streitereien, zersplitternde Gläser, das ist bei ihm hängen geblieben. "Doppeltes Taschengeld, zwei halbe Zuhause, ich hab’s nicht anders gelernt", heißt es in einem seiner Songs. Er wohnte mit seinen Großeltern und seiner Mutter unter einem Dach, allesamt sture, meinungsstarke Typen. Er hat sich weggeduckt. Seine Mutter schickte ihn in den Gitarrenunterricht, als er zehn war. Fand er anfangs nicht so spannend, aber dann spielte der Gitarrenlehrer "Red River Valley", einen alten Folk-Song. Und Max war von den Socken. Das wollte er auch können. Und er lechzte nach Anerkennung und Bestätigung. Die Musik war ein Versprechen darauf.

Mit zwölf war die Berufsfindung des Max Giesinger eigentlich abgeschlossen: Er würde Rockstar werden. Und dafür tat er so ziemlich alles. Spielte bis zum Abi in drei Bands. Wurde im Raum Karlsruhe eine echte Nummer, sogar einen kleinen Hit hatte er mit seiner Band Sovereign Point.

"Dein Weg" hieß das Stück. Er hatte es auf einer Bank an einem Feldweg geschrieben, nördlich von Busenbach. Sie steht neben einem Apfelbaum. Diese Bank war der erste Fluchtpunkt für Max Giesinger, als er 15, 16, 17 war; ein paar Hundert Meter von seinem Kinderzimmer und doch eine Welt entfernt. Hier ist er zum Songwriter geworden, hat die Grundlage geschaffen für das, was ihn im Grunde immer noch ausmacht. Er hat es verfeinert in einem knappen halben Jahr Work and Travel in Australien und Neuseeland, seine Arbeit bestand dort aus Straßenmusik – auf die keiner gewartet hatte.

... das Album mit "80 Millionen" drauf und "Wenn sie tanzt", die Platte, die ihn zum Star gemacht hat und gleichzeitig angreifbar

Das hat ihn abgehärtet für die Zeit danach in Deutschland, er war Hochzeitssänger und spielte in einer Coverband. Fand Musikerfreunde. Bewarb sich wie sie an der Popakademie in Mannheim. Die anderen wurden genommen. Max Giesinger nicht. "Das", sagt er, "fühlte sich an wie ein Schlag in die Fresse." Er war extrem niedergeschlagen, als er zwei Dinge machte, auf die er eigentlich keine Lust hatte: Er begann eine Banklehre, in die ihn seine Mutter gequatscht hat. Und er machte bei einer neuen Castingshow mit, für die ihn ein Mensch von einer Plattenfirma entdeckte. Der Rest ist Musikgeschichte.

Seine Band, das sind seine Freunde von damals, die es auf die Popakademie schafften. Auch sein Manager war dabei, dem er an Silvester 2013 als Erstes von seinem Plan erzählte, mit dem ganzen Quatsch aufzuhören. Der überredete ihn dazu, auf die Plattenfirmen zu pfeifen, seine Musik so zu machen, wie er es wollte und das Ganze per Crowdfunding zu finanzieren. Das klappte ganz gut, als 2014 "Laufen lernen" erschien. Und noch besser zwei Jahre später mit "Der Junge, der rennt": das Album mit "80 Millionen" drauf und "Wenn sie tanzt", die Platte, die ihn zum Star gemacht hat und gleichzeitig angreifbar.

Er weiß, dass seine Musik nicht jedem gefällt, nicht jedem gefallen kann. Aber er weiß auch: Er ist ein richtig guter Musiker mit einer amtlichen Stimme, und nur dafür will er Anerkennung. Die bekommt er nur zum Teil, dafür hat er nun einen Ruhm, auf den er nicht sonderlich scharf ist. Und es gibt Kollateralschäden. Max Giesinger ist Single, seine letzte Beziehung endete vor beinahe drei Jahren. Er sagt: "Ich kann mich doch keiner Frau zumuten, so, wie mein Leben jetzt ist." Und dann schwingt bei jedem Flirt immer auch die Frage mit: Meint die jetzt ihn oder den Popstar? Das verunsichert ihn. Aber eigentlich weiß er, dass das nicht einmal die halbe Wahrheit ist. Beziehungen zerbrechen, er hat nichts anderes erfahren zu Hause und bei vielen seiner Freunde. Und vielleicht ist es die Angst vor dieser Verletzung, die ihn vor zu viel Nähe zurückschrecken lässt, er wäre ja nicht der Erste.

Er wünscht sich nichts mehr, als anzukommen

Andererseits hat Michael Schulte – seit "The Voice", wo auch Schulte mitmachte, sein bester Freund – letzten Sommer geheiratet und ein Kind bekommen, mit demselben Risiko des Nichtfunktionierens. Max war sein Trauzeuge. Das war so einer der Momente, in denen er gemerkt hat, dass der Weg nicht immer das Ziel ist. So ganz eigentlich will er nicht mehr der Junge, der rennt sein. Sondern endlich auch mal der, der ankommt. Er ist vor einem halben Jahr 30 geworden, das hat ihn ins Grübeln gebracht. Er war auch immer mal wieder in Waldbronn in der letzten Zeit. Hat Leute von früher getroffen, mit denen er seit Monaten nicht gewhatsappt hat, weil er so tief in dieser undurchdringlichen Musikblase steckt. Und hat dabei gemerkt, was er alles nicht hat. Seine Leute haben Kinder bekommen, sich in Beziehungen zu anderen bekannt, Immobilien gekauft. Er dagegen ist vor allem: mobil. Unterwegs an 320 Tagen im Jahr, sein teures Sofa, sein Musikzimmer in der Wohnung im Hamburger Schanzenviertel bleiben weitgehend unbewohnt.

Er will das ändern. Kleine Schritte in eine Normalität machen, die er nicht mehr hatte, seit er Busenbach hinter sich gelassen hat. Einfach mal wohnen, zwei, drei Wochen am Stück. Was kochen und nicht nur die Imbisse in der Schanze abklappern. Mit den Jungs aus der Band öfter an die Tischtennisplatte auf dem Spielplatz im Park, wozu hat er sich neulich den Premium-Schläger gekauft? Vielleicht fällt in diese Normalität dann ja auch eine, die klug genug ist, ihm die Angst zu nehmen vor dem, was nicht funktionieren könnte.

Brigitte 06/2019

Wer hier schreibt:

Stephan Bartels
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