Mutig oder bekloppt? Anna Depenbusch hat keinen Bock auf Schubladen

Anna Depenbusch ist eine tolle Musikerin. Zum Superstar aber fehlt ihr der Wille zum Kompromiss.

Objektiv betrachtet ist Anna Depenbusch nicht ganz dicht. Mal ehrlich: Wie muss eine Musikerin drauf sein, wenn sie sich in einer Pop-Welt, in der Songs im Studio aus Einzelteilen zusammengesetzt, poliert und digital aufgepeppt werden, in einem beinahe musealen Aufnahmeraum an einen Flügel setzt und ihr neues Album ohne Pause und vor Zeugen in zweimal 18 Minuten aufnimmt, direkt auf Vinyl gekratzt, ohne die Möglichkeit, irgendetwas zu verändern oder aufzuhübschen? Na ja: entweder, wie gesagt, bekloppt. Oder sehr mutig. Und weil den Nachweis für das Erstere im Fall von Anna Depenbusch noch niemand erbracht hat, muss es wohl das zweite sein.

Von der eigenen Musik leben können

"Echtzeit" nennt die 42-Jährige die neue Platte, die mehr ist als nur ein künstlerischer Stunt. Sie ist ein Statement. Gegen digitale Verfremdung, gegen den Zwang, sich abzusichern. Das wollte sie noch nie. Anna Depenbusch ist eine begnadete Songwriterin, sie erzählt kleine Geschichten, in denen sich alle wiederfinden, besonders in den traurigen. Sie hat eine bezaubernd perlende Stimme, und kaum jemand ist je aus einem ihrer Konzerte gekommen, ohne sich in die Hamburgerin verknallt zu haben, ganz unsexuell und geschlechterübergreifend. Ihre Fangemeinde wächst mit jedem neuen Song, mit jedem Konzert. Aber trotzdem ist sie keine für die Massen. Massen brauchen Schubladen. Und auf die hat sie keinen Bock.

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Früher hat sie in Nachtclubs gesungen, hat Werbejingles vertont, Beruhigungssoundtracks für MRTs produziert, diverse Rollen in "Baywatch" synchronisiert. Seit 2011 kann sie von ihrer eigenen Musik leben, nach einem Auftritt bei "Inas Nacht". Als 2015 das Plattenlabel 105 samt ihrem Vertrag an Sony verkauft wurde, stellten ihr die Plattenfirmenleute andere Autoren und Komponisten an die Seite. Sie sollte sich entscheiden, Pop oder Chanson, sollte "zeitgemäß" werden. Sie weigerte sich. "Ich mag es, wenn in Alben keine Zeit steckt", sagt sie. Sie ließ sich rauswerfen. Jetzt hat sie ihr eigenes Label. Und da macht sie, was sie will.

Vor allem will sie live spielen, "die Bühne ist mein sicherer Ort", sagt sie. In diesem Jahr geht Anna Depenbusch auf Tour. Wenn du dich mal wieder verlieben willst: Geh hin. 

Anna Depenbusch liebt Hamburg und ihr Fahrrad, ist begeisterte Hobby-Ornithologin und steht neuerdings auf Quantenphysik.

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BRIGITTE 06/2020

Wer hier schreibt:

Stephan Bartels
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