Anne-Sophie Mutter: "Ich bin wahnsinnig gern Mutter"

Sie hat zwei Kinder, ist eine der wichtigsten Violinistinnen unserer Zeit und setzt ihre Kunst ein, um anderen Menschen zu helfen. Jetzt überrascht Anne-Sophie Mutter mit Filmmusik von "E.T." bis "Star Wars". Im Gespräch mit BRIGITTE erzählt sie aus ihrem Leben als Musikerin und Mutter.

Die Meisterin lacht schallend: "Das ist ja eine Unverschämtheit", ruft sie fröhlich und sagt dann: "Ich kann mich zum Glück nicht erinnern, so einen Unsinn je gelesen zu haben."

Gerade hat Anne-Sophie Mutter in einem Zimmer im Hotel "Bayerischer Hof" in München zum ersten Mal den Anfang eines Artikels aus einem großen deutschen Nachrichtenmagazin zu hören bekommen, verfasst 1989, etwas mehr als ein Jahrzehnt nachdem die Violinistin als Teenager die Konzertsäle eroberte. Ein Wunderkind, dessen war man sich in der Presse einig. Was aber die männerdominierte Journalistenriege zu altherrenhaften Entgleisungen hinriss, war die physische Erscheinung des jungen Ausnahmetalents: Da schreibt der Autor von "knackigen Pausbacken", einem "süßen Kirschenmund" und einer "pummelig" gerundeten Figur.

Bei Frauen ist das Aussehen bis heute ein Thema

"Was hat das Aussehen mit dem Künstler zu tun?", fragt die mittlerweile 56-Jährige und beantwortet diese Frage gleich selbst: "Null." Wahrscheinlich habe ihr Vater, der Zeitungsverleger war, derartige Ergüsse von ihr ferngehalten. Bei Frauen ist das Aussehen bis heute in den Medien ein Thema, und wenn es nicht ums Kirschenmündchen geht, dann eben um die Klamotten. "Ich kann mich nicht erinnern, je im Interview gelesen zu haben, wie Karajan erklären musste, warum er Rollkragenpullis trägt. Er hat Zugluft gehasst und wahrscheinlich Angst vor Nackenschmerzen gehabt", sagt Anne-Sophie Mutter mit Nachdruck und spielt darauf an, dass Musikerinnen ständig Auskunft zu ihren Roben geben sollen.

Womit wir direkt bei der Rolle von Frauen im klassischen Musikbusiness sind, ein Bereich, in dem die #MeToo-Debatte gerade so richtig losgeht. Aber dazu antwortet die Musikerin nicht direkt, da ist sie selbst Medienprofi – Geschichten aus der Zeit, als sie ihre Pubertät quasi in der Gesellschaft von alten weißen Männern verbrachte, kommen nicht auf den Tisch.

Befreiung vom regulären Schulunterricht

Vielleicht gäbe es einfach nicht viel zu erzählen, denn Anne-Sophie Mutter war als Schwester von zwei großen Brüdern schon von klein auf ziemlich tough: "Sonst wirst du untergebuttert. Da lernt man sehr früh, Dinge auch ganz kurz und knapp in den Raum zu stellen." Die Kindheit in einem kleinen Ort im Schwarzwald war – bis auf das Geigenspiel – eine typische für die frühen 70er-Jahre abseits der Großstadt: im Wald spielen, Fußball, Basteln – Fernsehen gab es nicht im Hause Mutter. Musik machten auch die Brüder, aber Anne-Sophie beschloss bereits mit sechs, dass die Geige nicht nur Hobby bleiben würde. Solistin wollte sie werden, gewann dann bald auch die höchsten Auszeichnungen bei "Jugend musiziert" und wurde vom regulären Schulunterricht befreit.

Verschmelzung mit der Stradivari

Der Rest ist bekannt: Mit 13 spielte sie Herbert von Karajan vor, der sie als "Wunder" bezeichnete, die folgende Zusammenarbeit mit dem Dirigenten und den Berliner Philharmonikern war Auftakt einer beispiellosen Weltkarriere. Anne-Sophie Mutter ragte heraus, nicht wegen ihrer Jugend, sondern weil sie mit ihrer Stradivari verschmilzt, bei ihr gehen Virtuosität und tiefes musikalisches Empfinden eine einzigartige Partnerschaft ein. Sie sei immer gerade ihren Weg im Musikbusiness gegangen, aber ohne darüber Worte zu verlieren: "Es gab einfach Dinge, die hat man gemacht, und Sachen, die man nicht zugelassen hat – aber man hat nicht darüber geredet", sagt sie.

Trotzdem freut die Mutter eines Sohnes und einer Tochter (beide mittlerweile erwachsen): "Die junge Generation ist offen emanzipiert. Das finde ich großartig." Heute würde viel mehr gesprochen, "was viel besser ist, man nimmt auch in Anspruch, dass es eine Gleichberechtigung geben muss. Übrigens nicht nur unter den Geschlechtern."

Genderunspezifische Erziehung 

Anne-Sophie Mutters Vorbild ist auf jeden Fall eher Pippi Langstrumpf als Barbie ("für mich immer das absolute Grauenmodell"), und ihre beiden Kinder hat sie, wie sie sagt, "genderunspezifisch" erzogen. Das aber eher entspannt, als eine gute Freundin der Tochter dann doch mal eine Barbie mitbrachte, sei "die Welt auch nicht untergegangen".

Die Kinder hat die Star-Geigerin allein großziehen müssen – ihr Ehemann, der Rechtsanwalt Detlef Wunderlich, starb 1995 an Krebs, da waren Arabella und Richard gerade mal drei und ein Jahr alt. Konzertieren, unterrichten und zwei Kleinkindern Mutter und Vater zugleich sein: eine Mammutaufgabe. "Ich hatte einen wunderbaren Freundeskreis", sagt Anne-Sophie Mutter, "und ein tolles soziales Netz, ohne die Hilfe wäre das gar nicht gegangen." Außerdem gibt es seit 25 Jahren eine Person, die bei Mutter im Haushalt arbeitet, "ein absoluter Heiliger!"

Zeit, die bleibt: Dieser Spot zum Muttertag berührt das Herz: Tochter umarmt Mutter

Spagat zwischen Zuhause und Konzertsaal

Trotzdem: Ein ewiger Spagat zwischen dem Münchener Zuhause und den Konzertsälen, am Anfang reisten die Kleinen mit, später legte Anne-Sophie Mutter die Termine so, dass am Wochenende gespielt wurde oder sie von anderen Städten immer noch "die drei, vier, fünf, sechs, sieben Stunden in der Nacht zurückfahren konnte, um morgens wieder da zu sein".

Ihre Kinder kannten es aber auch nicht anders. "Ich glaube nicht, dass es so cool ist, wenn Mama immer zu Hause rumhockt." Sie hält kurz inne und überlegt: "Wobei – vielleicht ist es auch herrlich, und ich red mir das andere immer schön." Sie lacht wieder herzlich, man kann förmlich die Energie spüren, die von ihr ausgeht. Herumhocken ist keine Option für eine Anne-Sophie Mutter. Wenn sie nicht gerade spielt, unterrichtet, ihre Stiftung leitet, engagiert sie sich für Waisenhäuser in Rumänien oder sammelt für Kinder im Jemen.

Spenden an Save the Children 

In der Hamburger Elbphilharmonie rief sie kürzlich das Publikum auf, sieben Euro pro Kopf an die Kinderrechtsorganisation Save the Children zu spenden, ihre Gage hatte sie bereits gegeben. Später bekam sie die E-Mail eines Ehepaars, das für jeden Anwesenden zehn Euro spendete: 21 000 Euro. "Ich hab fast geweint vor Freude", sagt Mutter. "Das sind natürlich nur Tropfen auf heiße Steine, aber twittern allein rettet überhaupt niemanden." Sie sei eher der zupackende Typ, sagt sie und springt auf, um den Geigenkasten mit der Stradivari vom Fensterbrett aus der prallen Sonne zu retten. Die Hülle ist bestickt, ein Werk ihrer Tochter als Kind.

Empty nest – mei, that’s life!

Die eingeschworene Dreisamkeit daheim fand ihr Ende durch den Auszug von Arabella. Es war hart für (die) Mutter, die unter dem sogenannten Empty-Nest-Gefühl litt: "Ich fand das ehrlich schwer. Ich bin wahnsinnig gern Mutter, und in dem Moment habe ich noch mehr bedauert, dass ich nicht immer da sein konnte." Sogar den ersten Bachelorabschluss habe sie verpasst: "Ich dachte immer, so einen Fehler machst du nicht. Hoho, und dann stellst du fest, dass das total unter deinem Radar durchgerutscht ist. Aber es war ein gutes Lernerlebnis." Abschließend fasst die Musikerin das Thema auf ihre halb münchnerische, halb durch ihre Weltkarriere anglisierte Ausdrucksweise zusammen: "Empty nest – mei, that’s life!"

Filmkomponist und Dirigent André Previn

International unterwegs war Anne-Sophie Mutter auch viel mit ihrem zweiten Ehemann André Previn. Previn, der dieses Jahr starb (geschieden waren er und Mutter seit 2006) konnte wie kein anderer die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und Unterhaltungsmusik verschwinden lassen, als Filmkomponist war er genauso erfolgreich wie als Dirigent und Schöpfer moderner Werke, unter anderem für seine Ehefrau Nummer fünf. Im Gespräch benutzt Mutter den Präsens für ihn, als sie über lebende Komponisten spricht – sie unterbricht kurz, sagt dann: "Ich muss mich einfach immer daran erinnern, dass er tot ist."

Über Previn lernte Anne-Sophie Mutter dessen Freund John Williams kennen, "den ich seit Ende der 70er bewundere". Damals war Anne Sophie im besten Alter, um die ersten "Star Wars"-Filme zu sehen. Und als leidenschaftliche Musikerin zieht sie keine Snob-Grenze zwischen komplexer Musik des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki, der eigens Werke für sie schrieb, und dem satten dramatischen Dolby-Surround-Sound von Williams. Von dem stammen auch so berühmte Kracher wie die Musik zum ersten "Harry Potter" oder "E.T." und "Schindlers Liste"; fast alle Blockbuster von Steven Spielberg tragen seine musikalische Handschrift, aber auch noch viele andere Filme.

"Markings" – ein Werk für die Violinistin

Williams schrieb 2017 ein Werk für die Violinistin, "Markings", und danach setzte sich bei ihr der Wunsch fest, auch mal ein Album mit seinen Filmmusiken aufzunehmen – speziell für die Geige arrangiert. Keine leichte Aufgabe, bedient sich Williams doch der gesamten Palette der Orchestrierung von sonoren Bläsern bei "Star Wars" bis zur gläsernen Celeste in "Harry Potter". Außerdem ist der Maestro notorisch viel beschäftigt. Auch dank einer von Mutter gesandten Box mit Nürnberger Lebkuchen ("Sie haben mir zwanzig Cookies geschickt, also schreibe ich jetzt zwanzig Takte" – so Williams in einer Nachricht nach Erhalt) kam Schwung in das Projekt. Und als die letzte "Star Wars"-Produktion vier Wochen lang stockte und Williams, quasi gezwungenermaßen, Zeit fand, schrieb er kurzerhand sogar noch ein paar Themen mehr um, die gar nicht geplant waren. "Am Ende hat er alles neu für mich geschrieben", ruft Anne-Sophie Mutter. "Does not get any cooler – finden meine Kinder auch!"

Wie es klingt, wenn die Virtuosin mit ihrer Geige in die unterschiedlichsten Klangrollen schlüpft, kann man live am 14. September auf dem Königsplatz in München hören. "Hoffentlich mit Sternen und Vollmond", sagt sie. Gutes Wetter sei quasi garantiert: "Es ist der Tag nach Arabellas Geburtstag. Da muss einfach Königinnenwetter sein!

Sternensound

"Star Wars", "Harry Potter" oder "Die Hexen von Eastwick" – Komponist John Williams hat große Themen seiner Filmsoundtracks extra für Anne-Sophie Mutters einmalige Violinkunst umgeschrieben. "Across The Stars" (Deutsche Grammophon) ist eine Klangreise in ein anderes Universum. Das Programm spielt die Künstlerin auch Open Air auf dem Münchener Königsplatz (14. September, Infos unter anne-sophie-mutter.de).

Solistin von Anfang an

Anne-Sophie Mutter, 56, wuchs in Wehr im Schwarzwald auf. Sie begann mit fünf, Geige zu spielen. Mit sechs gewann sie bereits erste Preise. Neben ihrer Konzerttätigkeit fördert sie musikalischen Nachwuchs durch die Anne-Sophie Mutter Stiftung. Als Musikerin und für ihr soziales Engagement wurde sie unzählige Male ausgezeichnet. Sie lebt in München und hat zwei erwachsene Kinder.

Meike Schnitzler bekam von Anne-Sophie Mutter noch einen Rat, was die Geigenunlust ihres Sohnes angeht: "Vielleicht lieber Klavier – und darauf coole Tunes mit Filmmusik."

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BRIGITTE 18/2019

Wer hier schreibt:

Meike Schnitzler
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