August Diehl offen wie nie: Über seinen Wunsch, ein anderer zu sein

Er ist dieser Typ Schauspieler, der im wahren Leben nicht sofort auffällt: wortkarg und völlig uneitel. Auf der Bühne und Leinwand aber wächst er über sich hinaus, und das schon seit 20 Jahren. August Diehl über seine Kindheit im Wald – und den Wunsch, ein anderer zu sein. 

Als wir uns in Berlin treffen, ist August Diehl – etwas blass, mit dunklen Augenringen, wie so oft – gerade von den Filmfestspielen in Cannes zurück. Dort gab es nicht enden wollenden Applaus für seinen neuen Kinofilm "Ein verborgenes Leben", Standing Ovations von mehr als 2000 Menschen. Auf Youtube kann man sich das ansehen: die jubelnde Menge und mittendrin August Diehl, der nicht so recht weiß, wie er damit umgehen soll. Er ist überwältigt, aber er flippt nicht aus. Scheinbar ruhig steht er da und vermittelt doch, dass ihn gerade ein Erdbeben erreicht.

BRIGITTE WOMAN: Nach all den Erfolgen, die Sie schon hatten: Haut Sie so was wirklich noch um? Oder spielt man bei solchen Anlässen auch das Überwältigtsein?

August Diehl: Nein, für mich war das wirklich ein unglaublich emotionaler Moment.

Sie sind für Ihren Beruf viel unterwegs. Fragen Sie sich manchmal: Wo bin ich eigentlich zu Hause?

Mein Zuhause ist in Berlin bei meinen Kindern. Aber es stimmt, ich bin permanent auf Achse, oft schwer zu erreichen für andere. Eigentlich müsste ich mich immer bei irgendjemandem entschuldigen, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe. Aber ich mag es, unterwegs zu sein. Das war ich schon als Kind viel. Ich kenne es nicht anders.

Haben Sie tatsächlich mal in einem Ford Transit gelebt?

Ja, aber nur kurz, als ich klein war. Das war, bevor wir in unser Haus im Wald in der Auvergne gezogen sind.

Wie war das, im Wald aufzuwachsen?

Also, Wald ist leicht übertrieben. Es war einsam, aber das nächste Dorf ist einen Kilometer entfernt. Unser Haus ist ein alter Bauernhof, es hat keinen Strom, aber dafür einen großen Kamin, und es ist tatsächlich immer noch nicht mit dem Auto zu erreichen, was ich sehr schön finde. Mein kleiner Bruder Jakob und ich hatten extrem viele Freiheiten, wir sind stundenlang in der Gegend herumgestromert. Wir waren fast immer zusammen und sind bis heute sehr eng miteinander.

Gab es eine Rollenverteilung zwischen Ihnen beiden?

Mein Bruder war eher der Lustige, das ist er noch, und ich war der Erfinder der Spiele. Ich wollte schon immer "Wer" sein. Spielen, das war verkleiden, geheime Orte im Wald finden. Meine Mutter ist Kostümbildnerin, sie hat viel für uns genäht. Wir sahen ein bisschen aus wie Huckleberry Finns französische Verwandte. Wir hatten viel Spaß, aber auch unsere Pflichten.

Was mussten Sie tun?

Holz hacken, uns um die Tiere kümmern, Käse machen, Frischkäse von der Ziege, sehr lecker. Wir hatten Schafe, deren Wolle wir verkauft haben. Hühner, Truthähne, Enten. Ich hatte sogar eine eigene, sie hieß Sophie Caneton, der durfte keiner die Flügel stutzen! Sie ist sehr weit herumgeflogen. Als wir nach Deutschland gingen, mussten wir alle Tiere verkaufen. Das war hart.

Ihr Vater spielt Theater, wie war das für Sie als Kind?

Er war oft weg, wir Kinder waren dann mit meiner Mutter allein. Ich fühlte mich ein bisschen wie der Mann im Haus, obwohl ich erst sieben oder acht war. Aber er nahm mich auch oft mit, ich war bei den Proben, habe ihm zugeguckt – in Wien, in Hamburg, überall. Ich fand das gut. Ich dachte: Der macht ja das Gleiche wie ich und bekommt dafür Geld. Toll!

Und das wollten Sie dann auch?

Nach Ritter und Indianer wollte ich Schauspieler werden, definitiv. Daran hat sich auch nie etwas geändert. Natürlich bin ich geprägt. Mein Vater liebte seinen Beruf. Ich verbinde mit ihm ein ganz bestimmtes Bild, nämlich, wie er sich in ein Zimmer zurückzieht und Text macht, so nannte er das.

Was heißt das?

Text lernen. Theaterrollen einstudieren.

Wie läuft das Textmachen bei Ihnen?

Wie bei ihm. Ich kann nicht still am Tisch sitzen, ich muss immer hin und her gehen, manchmal gehe ich auch in den nächsten Park.

Haben Sie Ihren Vater bewundert?

Schon, er war auch ein bisschen geheimnisvoll. Aber ich fand vor allem die Rolle des Regisseurs beeindruckend, den haben wir Kinder den Bestimmer genannt. Einer, der Erwachsene auf der Bühne quält, und die lassen das mit sich machen, das fand ich ziemlich faszinierend.

Sie haben später selbst mit den ganz großen Regisseuren Ihrer Zunft zusammengearbeitet.

Kann man so sagen. Ich hatte wirklich Riesenglück, mit Mitte 20 habe ich mit Peter Zadek, Luc Bondy, Michael Grüber arbeiten dürfen, das war ein Geschenk für einen jungen Schauspieler am Theater. Im Film kam dieses Glück etwas später.

Warum spielen Sie so gern? Können Sie das erklären?

Ich versuche es: Der Kern unseres Metiers ist die Verwandlung, das ist im Grunde wie eine Verheißung. Man kann alles sein! Wir haben alle ganz viele Möglichkeiten in uns und müssen uns doch irgendwann für ein Leben entscheiden. Und jetzt kommt die Sehnsucht ins Spiel. Sich nach etwas sehnen, danach suchen, das gehört für mich unbedingt zusammen. Ich bin gern ein Suchender. Es gibt bei Ödön von Horváth diesen wunderbaren Satz in seinem Stück "Zur schönen Aussicht", da heißt es: "Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." Der Mann war 25, als er das schrieb. Und ein Schauspieler kann immer jemand anders sein, das ist doch toll.

Sehen Sie sich auch als Verführer?

Ich würde es umgekehrt formulieren. Wenn ich im Zuschauerraum sitze und sehe jemanden spielen – allein dieser Vorgang verführt mich immer wieder. Mich rührt, jemanden zu beobachten, der sich vorstellt, jemand anderes zu sein, und wenn er auf der Bühne erst mal nur Kaffee kocht.

Wenn wir über Verführung sprechen – verlieben Sie sich schon mal am Drehort oder im Theater?

Nein, gar nicht. Ich trenne das. Ich war bei der Arbeit schon immer ein Partymuffel. Als junger Mann war ich eher der Klugscheißer und habe Sachen gesagt wie "Leute, das ist keine Klassenfahrt. Das ganze Hotel wackelt schon. Können wir uns einmal konzentrieren!". Unfassbar. Ich bin da wohl ein bisschen lockerer geworden, denke ich. Hoffe ich. (lacht)

In dem ZDF-Mehrteiler "Die neue Zeit" spielen Sie Walter Gropius, den Bauhaus-Gründer, und sind gleich zu Beginn als 80-jähriger Mann zu sehen. Wie war das, sich selbst beim Altwerden zuzuschauen?

Ich war frühmorgens am Drehort, saß vier Stunden in der Maske. Drei Leute haben gleichzeitig an mir gearbeitet, und ich guckte dabei leicht wegdämmernd in den Spiegel und dachte: "Hoffentlich werde ich mal so alt, wie ich jetzt aussehe." Für die Rolle hilft dieser Prozess natürlich enorm. Das macht etwas mit einem. Man bewegt sich anders, spricht anders.

Haben Sie schon mal einen alten Menschen gespielt?

Nein, so alt war ich noch nie. Als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, Gropius zu spielen, musste ich ehrlich gesagt lachen. Vor ein paar Jahren wäre ich noch gefragt worden, ob ich einen seiner Studenten spiele. Vorbei. Jetzt bin ich der Direktor. Schon lustig.

Wie würden Sie Gropius charakterisieren, was war das für ein Typ?

Jemand, der eine riesige Vision hat, ein unglaublicher Machtmensch. Alma Mahler, seine Frau, hat jeden Mann, mit dem sie zusammen war, massiv beeinflusst, nur eben nicht Gropius, allein das sagt etwas über ihn.

Was hatte er für ein Frauenbild?

Schwierig. Frauen wurden auch im Bauhaus deutlich anders behandelt als Männer. Es gab Frauenklassen, sie mussten weben und stricken, während Männer in Glaswerkstätten und mit Metall arbeiten konnten. Im Film verliebt er sich in eine Studentin, aber er steht nicht dazu. Gropius ist jemand, der für seine Visionen sein Herz, seine weiche Seite wegschiebt.

Hätten Sie gern in den frühen 20er-Jahren gelebt?

Ich finde es eine der spannendsten Phasen überhaupt in diesem Jahrhundert, alle meine großen Lieblingsautoren, Joseph Roth, Stefan Zweig, auch Horváth, oder in der Dichtung Else Lasker-Schüler und Georg Trakl lebten da. Allein die Art, sich zu kleiden, gefällt mir. Grandios auch die Musik, diese Mischung aus Gipsy und Jazz.

Zu der Sie im Film tanzen. Machen Sie das auch im echten Leben gern?

Nicht so sehr. Ich bin eher der Mensch, der an der Bar sitzt und beobachtet.

Es gibt eine Szene im Schützengraben, in der der junge Gropius sagt: "Angesichts des Todes hatte ich der Welt noch nichts Persönliches hinzugefügt." Haben Sie der Welt schon etwas hinzugefügt?

Das ist mein ganz großes Thema. Es gibt in Schillers "Don Carlos" diesen unglaublichen Satz "Dreiundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan!" Der hat mich immer beeindruckt. Und jetzt bin ich 43. Natürlich habe ich eine Sehnsucht, etwas zu hinterlassen, etwas, das länger bleibt als ein Fußstapfen im Schnee. Etwas, das bleibt, wenn man selbst nicht mehr ist.

Sie haben mit vielen großen Kollegen zusammengearbeitet wie Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Gert Voss, Bruno Ganz ...

... und sie leben alle nicht mehr. Das ist doch wahnsinnig, ich komme wohl langsam in dieses Alter, in dem einer nach dem anderen geht. All diese Leute verschwinden. Das ist nun mal so.

Wenn dieser Schmerz Sie überfällt, was tröstet Sie?

Dass es weitergeht. Ich vermisse diese Menschen im Sinne von: Jetzt wäre es schön, den oder die zu treffen. Aber es ist kein Drama, dass sie tot sind. Menschen kommen und gehen. Wobei ich den Tod an sich für einen Skandal halte: Wir kommen hier an, machen alles, und dann sollen wir wieder verschwinden? Aber genauso, wie es schön ist, dass ein Vorhang aufgeht, ist es wichtig, dass er wieder fällt.

Wenn nach einem Stück, sagen wir nach sechs Stunden "Hamlet," der Vorhang fällt, wie finden Sie dann zurück ins Leben?

Ich bin einfach süchtig, arbeitssüchtig, esssüchtig, lesesüchtig, alles. Lebenssüchtig. Sich völlig zu öffnen auf der Bühne, alles zu geben und danach diese unglaubliche Einsamkeit aushalten. Das gehört dazu. Spielen ist ein Rausch.

Sie sagen, früher waren Sie ein Partymuffel – und heute?

Eine Nacht durchfeiern, quatschen, trinken und dann feststellen: Oh, es wird schon hell. Das ist was Herrliches. Und am besten bis mittags zusammensitzen, bis man völlig zusammenbricht.

Noch eine ganz andere Frage: Haben Sie wirklich nur drei Hosen und ganz viele Schuhe?

(Lacht.) Ich glaube schon, ich hasse Einkaufen, und für Schuhe muss ich in keine Umkleidekabine.

Stars früher: Reese Witherspoon und Chris Pratt

August Diehl 

1976 in Berlin geboren, verbrachte seine Kindheit in der Auvergne in einem Haus ohne Strom. Später zog die Familie nach Bayern. Sein Vater war Schauspieler, seine Mutter Kostümbildnerin. Er machte Abitur an einer Waldorfschule, absolvierte dann die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Schon mit 23 stand er an der Seite von Susanne Lothar und Ulrich Mühe unter der Regie von Peter Zadek auf der Bühne. Er wurde früh mit großen Rollen bedacht, spielte am Theater Hamlet, Peer Gynt, trat in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen in Deutschland auf und später international unter der Regie von Quentin Tarantino in "Inglourious Basterds" (2009). Im Cannes-Filmerfolg von US-Kultregisseur Terrence Malick "Ein verborgenes Leben" spielt er einen Bauern, der sich den Nazis widersetzt. Im Fernsehen ist er jetzt als Walter Gropius, der Architekt des Bauhauses, in dem ZDF-Mehrteiler "Die Neue Zeit" zu sehen (15./16./17.9. um 22.15 Uhr). August Diehl lebt von seiner Frau, der Schauspielerin Julia Malik, getrennt in Berlin und ist Vater von zwei Kindern.

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BRIGITTE WOMAN 10/2019

Wer hier schreibt:

Carla Woter
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