Doris Dörrie: "Wir sollten nicht zu sehr am Schmerz festhalten!"

Sie war 30, als sie mit "Männer" zum deutschen Regiewunder avancierte. Und 40, als ihr Mann starb. Seither, sagt Doris Dörrie, gehe sie anders ans Leben heran - mehr nach vorn gewandt und offener für Neues: weil wir daran wachsen! Ein Gespräch über starre Rollenbilder, persönliche Dämonen und miese Abenteuer.

BRIGITTE WOMAN: Frau Dörrie, der Protagonist in Ihrem neuen Film "Kirschblüten & Dämonen" ist schwerer Alkoholiker, arbeitslos und darf sein Kind nicht sehen. Immer wieder hört er den Satz: "Sei endlich ein Mann." Am Ende befreit er sich von diesem Anspruch. Wollten Sie eine Lanze brechen für Außenseiter?

DORIS DÖRRIE: Ja. Die Figur des Karl ist jemand, der immer unter seinem Weichsein gelitten hat - es gehasst hat und dafür auch sehr gehänselt wurde. Er versucht daher, einer Männlichkeit zu entsprechen, die anscheinend alle von ihm erwarten. Aber nach einem langen Weg erkennt er, dass diese Sensibilität, die sein Vater auch immer als Schimpfwort gegen ihn verwendet hat, als Qualität zu sehen ist.

Er entzieht sich damit der gesellschaftlichen Vorstellung, wie ein Mann zu sein hat.

Es geht darum, dass er zu sich selbst findet. Aber das ist keine klar umrissene männliche Identität. Eigentlich bin ich auf die Idee für diese Männerfigur durch die endlosen Diskussionen über Frauen und Gleichberechtigung gekommen. Ich habe mich gefragt, wie oft am Tag ich mich eigentlich als Frau definiere. Und mir ist aufgefallen: selten. Wenn ich allein bin, denke ich doch nicht darüber nach, ob ich eine Frau bin.

Es ist vor allem der öffentliche Kontext, der einen als Frau definiert?

Genau. Etwa in dem Moment, wenn ich auf ein öffentliches Klo gehe, da muss ich mich entscheiden. Aber ansonsten: Was soll das genau sein, eine Frau? Ich bin mal dies, mal das. Abgesehen von der Biologie ist das eine sehr fluide Angelegenheit - die man jedoch weder Männern noch Frauen gestattet.

Was soll das genau sein, eine Frau?

Ist das eine späte Erkenntnis?

Nein, meine drei Schwestern und ich sind einfach nicht nach diesen starren Rollenbildern erzogen worden. Unsere Eltern haben uns kein Wort darüber erzählt, dass man so oder so als Frau sein müsse. Es hieß nie: Das darf man nicht, das kann man nicht, das sollte man nicht, bloß weil man eine Frau ist.

In der 60er-Jahren war das von Ihren Eltern wahrscheinlich ziemlich ungewöhnlich?

Ja, absolut. Aber ich habe es lange nicht so wahrgenommen, weil ich nichts anderes kannte. Später habe ich natürlich zunehmend gemerkt, dass in der Welt draußen Grenzen für Frauen und klar definierte Sichtweisen auf ihr Frausein existierten. Inzwischen bereitet es mir viel Kopfzerbrechen, dass die Rollen so eng definiert werden.

Woran genau machen Sie das fest?

Allein, wenn ich höre, dass es nur rosa Spielzeug gibt für Mädchen. Oder wenn mir heute junge Frauen erzählen, sie stünden jetzt auf gegen das Diktat, immer hohe Schuhe auf dem roten Teppich tragen zu müssen. Da bin ich irritiert: Mir hat das noch nie jemand vorgeschrieben. Es ist doch so: Identität ist nichts klar Geformtes, sondern befindet sich stets im Fluss. Mal bin ich mehr Frau, mal weniger. Mal bin ich tough, mal bin ich’s nicht.

Identität befindet sich stets im Fluss

Welchen Vorteil bringt uns diese Sichtweise?

Wir hätten viel weniger Angst vor dem Anderen. Wir gehen ja immer von abgegrenzten Identitäten aus: Du bist so, und ich bin so. Doch dadurch schaufle ich sofort einen Graben zwischen uns beiden. Wenn ich aber sage, wir sehen zwar ziemlich unterschiedlich aus, aber wir tragen beide eine Brille und finden vermutlich noch zwei, drei andere Überschneidungen, wird der Graben schon weniger tief.

Das Zauberwesen Yu, das in Ihrem Film zur Erlösung von Karl anreist, sagt den schönen Satz: "Ich will nicht deinen Körper, ich will dich."

Das hat ihm noch nie jemand gesagt. Und wahrscheinlich ist es genau das, wonach wir uns sehnen. Dass uns jemand sagt: So wie du bist, ist alles prima. Was leider immer weniger mit der Realität zu tun hat. Denn die Erwartungen an uns steigen. Jeder versucht sein eigenes Branding, sein eigenes Produkt zu sein. Es ist heute viel schwieriger, verletzlich und damit auch authentisch zu sein, als damals, als ich jung war.

Inwiefern?

Ich glaube fest daran, dass wir nur dann in einen tiefen Kontakt kommen, wenn wir uns gegenseitig unsere Schwächen zeigen, auch unseren Schmerz. Aber alles ist ein Spiegel geworden - jedes Handy funktioniert als solcher. Das verlangt von uns eine glatt polierte Oberfläche. Und die Erfahrung der Jungen ist, dass man, wenn man dieser Glätte nicht entspricht, tief verletzt werden kann. Das geht ganz schnell. Die Kraft, die wir alle aufwenden, um ständig unsere Oberfläche aufzupolieren, steht in direkter Korrelation zu der Angst, die immer mehr zunimmt.

Können Sie sich als Regisseurin verletzlich geben?

Um einen Film durchzusetzen und zu finanzieren, sollte man schon tough sein, da kommt man mit Verletzlichkeit nicht weit. Beim Erzählen einer Geschichte aber muss man durchlässig und auch verletzlich sein. Und auch mal zugeben: "Ich weiß gerade nicht weiter." Wir bekommen ganz viel geschenkt, wenn wir Unsicherheit zulassen. Man muss natürlich aufpassen, dass das nicht in eine Bevormundung von außen umschlägt.

Wir bekommen viel geschenkt, wenn wir Unsicherheit zulassen

Wann zeigen Sie sich hart und unbestechlich?

Wenn ich meine Geschichten nicht so erzählen darf, wie ich möchte. In meinem Film "Grüße aus Fukushima" geht es um das Sujet einer Meisterin und ihrer Schülerin. Und was mich schockiert: Die Figur der Meisterin existiert in keinem Filmgenre. Aber es gibt endlos Filme über den Meister. Ich frage mich: Warum gibt es die Figur der weisen Frau nicht mehr, eine Archetype, die in allen Märchen vorkommt. Weg! Nicht mehr da. Ausradiert. Da werde ich störrisch und lasse nicht locker.

Können Sie sich an einen Moment erinnern, in dem Sie selbstbewusst sagen konnten: Jetzt gehöre ich zu den älteren Frauen?

Bei mir war das anders. Weil ich in meinem Umkreis die einzige Witwe mit 40 war. Und allein schon dieses Wort, das sehr hart und schwarz ist, hat mich sehr einsam gemacht. Ich fühlte mich damals verloren und alterslos. Ich wusste nicht mehr, wo ich war und wer ich war. Ich war wie aus der Zeit gefallen. Und als ich wieder zurückkam aus dieser tiefen, traurigen Zeit, hat mich das alles nicht mehr interessiert, Altsein, Jung­ sein. Das war eine tiefgreifende Erfahrung. Es hatte keine Bedeutung mehr für mich, ob ich mich als jüngere Frau sehe oder nicht. Ich war von da an immer nur froh, dass ich überhaupt älter werden darf. Und ich war sehr froh, dass ich 60 werden durfte.

Da klingt es in Ihren Ohren vermutlich absurd, wenn sich Frauen in diesem Alter fragen, ob sie noch jung und schön aussehen?

Ich staune sehr über Freundinnen, die sagen: "Ach, ich vermisse es so, dass ich nicht mehr als sexuelles Wesen wahrgenommen werde." Ich denke: Nö, beschäftigt mich überhaupt nicht. Ich bin ein sexuelles Wesen, aber möchte mir von außen nicht so eine Art Marktwert zukommen lassen. Darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, mit jeder Faser zu leben. Das habe ich damals begriffen: Je mehr wir Alter und Vergänglichkeit abwehren, umso mehr Angst haben wir davor.

Es geht darum, mit jeder Faser zu leben

Wie sind Sie mit dem Tod umgegangen, als Ihr Mann so überraschend starb?

Der Tod ist etwas sehr Großes, wenn er kommt. Das darf man nicht klein machen. Man sollte auch nicht vor ihm davonlaufen, weil er sowieso schneller ist als man selbst und er einen immer einholt. Mit ihm ist es ähnlich wie mit den persönlichen Dämonen, um die es im Film geht. Es ist besser, sich umzudrehen und ihnen ins Gesicht zu schauen.

Macht es Sinn, die Dämonen zu einem Schluck Tee einzuladen, wie es im Film heißt?

Ich glaube, dass Dämonen eine Gemeinsamkeit haben - dass sie immer größer werden, wenn man sie nicht beachtet. Es kostet wirklich Mut, stehen zu bleiben und sie anzuschauen. Aber da könnte auch Neugier hilf­reich sein: Wer sind die denn? Vielleicht trinkt einer lieber grünen als schwarzen Tee. Aber selbst Dämonen verändern sich. Manchmal hält man an Ängsten fest, obwohl sie sich schon längst verändert haben.

Können Sie sich Ihren Ängsten stellen?

Ich mache Filme über sie, schreibe Romane. Das Schreiben ist eine Art der Geisterbeschwörung, die vermutlich alle Künstler betreiben. Und es ist eine sehr lustvolle Geisterbeschwörung.

Und um welche Geister handelt es sich bei Ihnen?

Ganz allgemeine Geister. Standardängste vor Krankheit, Armut, Verlust, Alter, Tod. Das sind die großen Dämonen, die uns allen im Nacken sitzen. Es wäre wichtig, sich darüber auszutauschen, dass wir alle ein Arsenal an Dämonen bei uns haben, die sich sehr ähneln. Da könnten wir zusammen eine große Teeparty veranstalten.

Und dann?

Wir sollten nicht zu sehr an einem Verlust oder auch am Schmerz festhalten. Das macht uns zu Opfern der Vergangenheit, und wir trauen uns nicht, in die Zukunft zu schauen. Dieses Festhalten an einer schwierigen Vergangenheit betreiben wir allein deshalb gern, weil es viel weniger risikoreich ist, als sich etwas Neuem zuzuwenden.

Wir sollten nicht zu sehr an einem Verlust oder Schmerz festhalten. Das macht uns zu Opfern der Vergangenheit

Sie selbst gehen eher auf Risiko?

Für mich war das Neue immer einfacher, als beim Alten zu bleiben. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Risiko bedeutet Bewegung, Befriedigung von Neugier. Mir macht dagegen eher das Gewohnte Furcht, an einem Ort bleiben zu müssen.

Und dann begeben Sie sich schon mal an eine öde Straßenkreuzung in Japan oder auf einen Friedhof in Mexiko.

Solche Orte besitzen eine Wahrhaftigkeit. Sie tragen nicht nur das Schöne in sich, sondern auch das Traurige. Das kommt der Wahrheit sehr nah. Das eine oder das andere auszusparen entspricht nicht der Realität. So etwas zieht mich an. Ich fürchte mich davor, in einen Kokon eingesponnen zu werden, wo alles nur noch angenehm ist. Das ist für mich verlogen, eine Scheinwelt, Kitsch.

Wenn ich mich umschaue, habe ich den Eindruck, viele Menschen ziehen sich eher zurück.

Weil sie sagen: Alles ist so anstrengend. Also knalle ich mich lieber auf die Couch und ziehe mir eine Serie rein, anstatt ein Abendessen zu kochen und Freunde einzuladen. Ja, das eine ist bequem und das andere mühsam. Statt stundenlang allein eine Serie zu gucken, könnte ich auch in eine Kneipe gehen. Was hält mich davon ab? Der Weg, die Kälte draußen, die Lautstärke in der Bar, zu viele Leute, es könnte richtig doof werden ...

Wir sollten uns also dazu anstiften, die Erschöpfung links liegen zu lassen und tapfer vor die Tür zu gehen?

Wahrscheinlich ist es total simpel. Es geht einfach darum, sich dem anderen zuzuwenden und sich ein Stück von der eigenen Person abzuwenden. Wie eine sportliche Übung. Das ist ein Küchenrezept, das haben schon unsere Großmütter gesagt. Hören wir nicht gern, weil es fast zu schlicht klingt. Aber in jeder Tradition, und wirklich in jeder - auch jeder religiösen -, ist es immer dasselbe Rezept.

Wir müssen uns immer wieder Herausforderungen stellen, dürfen vor Prüfungen nicht davonlaufen

Und was ist Ihr Rezept?

Dass ich mich immer wieder aufgerufen fühle, mich in ein unbekanntes und gefährliches Gebiet aufzumachen. Wir müssen uns immer wieder Herausforderungen stellen, dürfen vor Prüfungen nicht davonlaufen. Wenn wir weglaufen, werden wir bestraft. Mit Steckenbleiben, Isolation, Depression. Egal, ob es der erste Schultag, die Teenagerzeit, die erste große Reise, eigene Kinder, eine Trennung, das Älterwerden, ein neuer Beruf ist: Wir sollten das Leben immer wie eine Heldenreise sehen. Als Abenteuer. Auch wenn manche Abenteuer richtig mies sind.

Doris Dörrie, 1955 in Hannover geboren, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Ihren Durchbruch als Regisseurin hatte sie mit der Komödie "Männer" (1985), einem der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt. 1996 starb überraschend ihr Mann, der Kameramann Helge Weindler. Danach begann die Regisseurin und Drehbuchautorin, auch Romane und Erzählungen zu schreiben. Sie ist außerdem tätig als Professorin für Dramaturgie, als Opernregisseurin und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Doris Dörrie hat eine erwachsene Tochter und ist heute mit dem Filmproduzenten Martin Moszkowicz liiert. Ihre große Leidenschaft gilt Japan. Dort und im Allgäu spielt auch ihr neuer Kinofilm "Kirschblüten & Dämonen" (ab 7. März im Kino).

BRIGITTE WOMAN 04/2019

Wer hier schreibt:

Interview: Katja Nele Bode
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