Emma Thompson: "Wenn Frauen keinen Humor hätten ..."

Emma Thompson, 60, ist außer einer hervorragenden Schauspielerin auch Aktivistin, Feministin und Freundin deutlicher Worte. Das macht eine Begegnung mit ihr zum Ereignis.

Sagen wir mal so: Es gibt ein paar eindeutige Vorzüge am Beruf der Journalistin, und einer davon ist, dass man nach London fliegen und dort Emma Thompson zum Interview treffen darf, und sie einen zur Begrüßung anstrahlt mit diesem warmen Blick und diesem Lächeln, das ihr ganzes Gesicht beansprucht, und einem die Hand reicht und "Hello Darling!" sagt. Dann möchte man sofort eine Katze in Emma Thompsons Landhaus sein und sich irgendwo an einem Kaminfeuer einrollen und einfach nur glücklich vor sich hin schnurren, umgeben von ihrer warmen Präsenz.

Are you fucking serious? It’s 2019!

Es kann aber auch ganz anders laufen, so wie bei dem Kollegen, der beim selben Interviewtermin wissen möchte, ob Frauen eigentlich wirklich Humor hätten und wer denn nun witziger sei: sie oder die amerikanische Comedian Mindy Kaling, mit der Emma Thompson in ihrem neuen Film "Late Night" spielt. Dann sieht man, wie Emma Thompsons Blick gefriert und aus ihrem alles umstrahlenden Lächeln ein zynisches Grinsen wird, und dann kommt so was wie "Are you fucking serious? It’s 2019!"

Überleben durch Humor 

Frauen gegeneinander auszuspielen und auch nur anzudeuten, es könne eigentlich immer nur eine geben, die das Attribut "witzig" für sich gepachtet hat – für so etwas ist die Schauspielerin, die sich seit 40 Jahren auch als feministische Aktivistin begreift, nicht zu haben. Man bekommt dann eine Ahnung, wie viel innere Kraft sie sich über die Jahre antrainiert haben muss, um in ihrem Fach zu bestehen und so unanfechtbar zu werden, wie sie es heute ist. Und dann beantwortet sie die Frage doch noch: "Wenn Frauen keinen Humor hätten, wären wir längst ausgestorben."

Schauspielerin, die mit Vielseitigkeit glänzt 

Emma Thompson hätte allen Grund, sich einfach darauf auszuruhen, zu den vielseitigsten Schauspielerinnen der Welt zu zählen. Die einzige, die sowohl einen Schauspiel- als auch einen Drehbuch-Oscar besitzt, ersteren für ihre Darstellung in "Wiedersehen in Howards End", den zweiten für ihre Adaption des Jane-Austen-Klassikers "Sinn und Sinnlichkeit", gedreht von Ang Lee. Eine der wenigen, die die ganze Bandbreite spielen kann, die im Drama genauso zu Hause ist wie in der Komik. Wem bitte ist denn nicht das Herz zersprungen bei der berühmten Szene aus "Tatsächlich Liebe", in der Emma Thompson eine Ehefrau spielt, die gerade begreift, dass ihr Mann eine Affäre hat, und die nun allein in ihrem Schlafzimmer steht, Joni Mitchell hört und versucht, sich zusammenzureißen, um der Familie das Weihnachtsfest nicht zu versauen? Wer kann sich nicht kaputtlachen über Professorin Trelawney aus den Harry-Potter-Filmen, die theatralische und tollpatschige Lehrerin für Wahrsagerei, die zwar die Zukunft sehen kann, aber trotz Brille nicht das, was direkt vor ihr steht?

Thompson setzt als Feministin ein Zeichen 

Andererseits ist Emma Thompson aber auch eine Feministin, die sich dieses Label nicht nur ansteckt wie eine Brosche, sondern tatsächlich danach handelt. Die ihre privilegierte Stellung nutzt, um ein Zeichen zu setzen – etwa als sie Anfang des Jahres ihre Sprechrolle in dem Animationsfilms "Luck" mitten in der Produktion niederlegte, weil die Produktionsfirma Skydance den ehemaligen Pixar-Chef John Lasseter engagiert hatte, der zuvor wegen einer Serie sexueller Übergriffe zu einer "Jobpause" genötigt worden war. In einem offenen Brief begründete sie ihren Schritt: "Ich bin mir bewusst, dass Jahrhunderte männlichen Anspruchs auf Frauenkörper sich nicht über Nacht erledigen. Oder in einem Jahr. Aber mir ist auch bewusst, dass es nicht reicht, sich darüber zu beschweren. Wenn Menschen wie ich nicht auch danach handeln, wird diese Veränderung zu langsam vorangehen, um die Generation meiner Tochter zu schützen."

Barbara über feministin

Rückkehr zu den Wurzeln 

Die Verbindung ihrer Arbeit mit einer feministischen Agenda durchzieht die Karriere von Emma Thompson von Anfang an. Als Studentin am Newnham College in Cambridge kommt sie mit feministischer Literatur in Kontakt, die sie fasziniert und radikalisiert. Laut und wütend sei sie gewesen, sagt sie, eine Feministin mit kurz geschorenen Haaren. Sie wird neben Stephen Fry und Hugh Laurie Mitglied eines Theater-Sketch-Ensembles und tritt als Stand-up-Comedian auf, bis heute eine ziemliche Männerdomäne. "Das hat mir sowohl unglaublichen Spaß als auch große Angst gemacht. Stand-up ist das Tollste, was man sich vorstellen kann, wenn es funktioniert: Nur du und ein Mikrofon und ein Publikum, mit dem du eine echte, sehr direkte Verbindung herstellst. Aber wenn es nicht funktioniert, ist es das Schrecklichste, was dir passieren kann", erzählt sie beim Interview in London.

Deshalb sei die Rolle in "Late Night", ihrem neuesten Kindofilm, auch so etwas wie eine Rückkehr zu diesen Wurzeln gewesen und zu der Angst und auch dem Kitzel, eine Bühne ganz allein mit der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Gedanken füllen zu müssen. In "Late Night" spielt Emma Thompson die Moderatorin einer amerikanischen Late-Night-Show, die einzige Frau in diesem Geschäft. Mindy Kaling, die das Drehbuch geschrieben hat und neben Emma Thompson die zweite Hauptrolle spielt, hat ihr diese Figur auf den Leib geschrieben: Katherine Newbury ist witzig und scharfzüngig, schlagfertig und klug, eine Frau, die sich ihr Leben lang mehr anstrengen und immer besser sein musste als die Männer. Als ihre Quoten sinken und sie die Show zu verlieren droht, heuert sie zum ersten Mal eine Frau als Gagschreiberin an, und dann auch noch eine mit Migrationshintergrund – sehr zum Unmut ihrer durchgehend weißen, männlichen Mitarbeiter.

Frauenkarrieren sind wie ein Trampelpfad im Gebirge 

Es ist ein Film, der mindestens so politisch wie lustig ist. Er handelt von Humor, Macht, männlicher Deutungshoheit und der kreativen Wucht, die entstehen kann, wenn Frauen zusammenarbeiten. Und er zeigt schmerzhaft auf, wie viel härter Frauen arbeiten müssen, um in einer von weißen Männern dominierten Welt die ihnen gebührende Anerkennung zu finden. "Eine Männerkarriere ist wie eine Schnellstraße, auf der viele Männer schon viele Autos gefahren haben. Die Straße ist frei und bestens beschildert: Hier geht’s lang! Mach das und du landest am Ziel", sagt Emma Thompson. "Frauenkarrieren dagegen sind wie ein Trampelpfad im Gebirge, bei dem man Flüsse durchqueren und Schluchten durchsteigen muss, ohne Wegweiser. Und wenn man viel Glück hat, steht vielleicht irgendwo jemand und sagt: Geh mal lieber nicht da lang, da stürzt du eine Klippe runter! Aber es gibt keine berufliche Schnellstraße für Frauen, wo alles einfach ist." Was es braucht, um diesen Trampelpfad besser befahrbar zu machen? "Mut und Solidarität."

Engagement von großer Bedeutung 

Sie sei sich ihrer Privilegien durchaus bewusst, versichert Emma Thompson. Umso wichtiger sei es, den Mund aufzumachen und sich zu engagieren, wenn man in der glücklichen Lage ist, dass man gehört wird – nicht nur, wenn es um Feminismus geht. Sie ist eine lautstarke Brexit-Gegnerin, sie hat sich auf Anti-Fracking-Demonstrationen schon mit Gülle bespritzen lassen und engagiert sich für Greenpeace und das UN-Flüchtlingshilfswerk. Gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Greg Wise, mit dem sie eine heute 19-jährige Tochter hat, adoptierte sie 2004 einen jungen Mann aus Ruanda, der als Kindersoldat missbraucht worden war und mit 16 als Flüchtling nach Großbritannien kam. Und in ihrem Beruf gilt sie nicht erst seit der #MeToo-Debatte als eine der Frauen, die jüngere Kolleginnen auf ihrem Weg fördert.

Wegweiser fürs Leben

Am Anfang ihrer Karriere war es Emma Thompsons Mutter, die ihrer Tochter einen klaren Wegweiser an den Trampelpfad stellte: Aufgewachsen ist sie in einem liberalen Künstlerhaushalt, ihr Vater Eric Thompson war der Erfinder einer in den 60er-Jahren berühmten britischen Kinder-Fernsehserie, ihre Mutter Phyllida Law ist selbst Schauspielerin. Nachdem Emma in den ersten Jahren ihrer Filmkarriere auf romantische Kostümfilme abonniert schien, habe ihre Mutter sie angeschrien: "Oh nein, du wirst nicht schon wieder eine nette Frau in einem Kleid spielen!", wie sie mal in einem Interview erzählt hat.

Und tatsächlich spielt sie seitdem keine Rollen mehr, in denen sie nur passives Heiratsmaterial ist: Sie war eine Familienrichterin in der Ian-McEwan-Verfilmung "Kindeswohl", die über die lebensnotwendige Behandlung eines jungen Zeugen Jehovas entscheiden muss. Sie spielte in der Verfilmung von Falladas "Jeder stirbt für sich allein" eine Mutter, die sich gemeinsam mit ihrem Mann gegen die Nationalsozialisten stemmt. Sie spielt in den Harry-Potter-Filmen und in "Eine zauberhafte Nanny" Frauen, die gar nicht erst versuchen, irgendwelchen Schönheitsidealen zu entsprechen, sondern geradezu lustvoll hässlich und schrullig sind.

Alt zu werden ist ein Privileg

Emma Thompson ist gut darin, Komplimente über ihre Schönheit anzunehmen, aber sie hört auch sehr genau hin. Wenn man ihr schmeicheln will, indem man ihr sagt, sie sehe sehr viel jünger aus als 60, erntet man noch einmal diesen klaren, aufmüpfigen Blick: "Ja, stimmt, aber das liegt daran, dass ich ein sehr privilegiertes Leben führe. Ich bin alt. Und ich finde es wichtig, es so zu sagen. Ich arbeite seit 40 Jahren, und ich habe heute eine Weisheit, die ich nicht hatte, als ich jünger war. Das darf man ruhig merken, ich finde das toll. Und man kann nicht beides haben: jung sein und dieses Gewicht in der Branche besitzen. Alt zu werden ist ein Privileg, und du hast mehr und nicht weniger zu bieten, je älter du wirst."

Im vergangenen Jahr wurde Emma Thompson von der Queen zur Dame ernannt, die höchste Ehre, die einer Bürgerin des Vereinigten Königreichs zuteil werden kann. Titel und Orden habe sie sehr gern angenommen, die Zeremonie sei überaus "lovely" gewesen, erzählt sie. Aber Emma Thompson wäre nicht Emma Thompson, wenn sie ein solches Spektakel nicht auch für ein Statement nutzen würde: Als bekennende Highheel-Hasserin kam sie in weißen Turnschuhen und einem blauen Hosenanzug zur Zeremonie. Sie ist nämlich nicht nur eine Dame, sondern auch die Königin der Kompromisslosigkeit. Eine, die weiß, mit welchem Schuhwerk man auf dem Trampelpfad des Lebens am sichersten und besten ans Ziel kommt.

BRIGITTE 19/2019

Wer hier schreibt:

Alena Schröder
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