Ilka Bessin: "'Du gehörst zurückgefi*** und abgetrieben' - das muss man erst mal verarbeiten"

Ilka Bessin, 47, war sehr lange die pink-prollige Bühnenfigur "Cindy aus Marzahn". Vor zwei Jahren beschloss sie, ihre Kunstfigur für immer abzulegen. Wer ist Ilka ohne Cindy?

BRIGITTE: Frau Bessin, ab Dezember 2019 werden Sie erstmals unter Ihrem eigenen Namen mit einem Comedyprogramm durch Deutschland touren. Wer wird da auf der Bühne stehen?

Ilka Bessin: Na, Ilka Bessin.

Wer sind Sie denn dann auf der Bühne?

Das bin hundertprozentig ich. Ich erzähle querbeet Sachen aus meinem Leben, und es wird auch ein bisschen kabarettistisch-politisch werden, denn wenn man schon mal auf der Bühne steht, kann man das auch nutzen, um zu sagen, was einem nicht passt. Aber ich spiele keine Rolle, das könnte ich gar nicht. Cindy aus Marzahn war eine Bühnenfigur in Perfektion. Das kann ich gar nicht wiederholen.

Ich kannte Cindy, aber ich hatte früher keine Ahnung, wie Sie wirklich heißen und ohne blonde Perücke, pinkfarbenen Jogginganzug und pinkfarbenes Make-up aussehen. Nun habe ich Ihre Autobiografie gelesen und das Gefühl, alles über Sie zu wissen. Das ist schon krasser Wandel: von jemandem, der sich völlig hinter einer Kunsfigur versteckt, zu jemandem, der sich quasi nackt macht.

Finden Sie? Ich fand die Verwandlung gar nicht so krass, weil ich den Wechsel zwischen Ilka Bessin und Cindy aus Marzahn nie als so extrem angesehen habe. Ich habe mir zu Beginn ja gar nicht groß überlegt, eine Kunstfigur zu schaffen. Ich wollte auf der Bühne stehen und hatte einfach nur gedacht: Wenn ich immer dasselbe anziehe, muss ich mir nicht jedes Mal Gedanken darüber machen, und es sieht lustig aus. Zu Anfang dachte ich auch noch, dass mich dann vielleicht ja auch keiner im normalen Leben erkennt. Hat aber nicht geklappt. Spätestens wenn ich angefangen habe zu reden, haben die Leute gesagt: Ich wusste es doch, dass Sie es sind.

Ich habe gerade einen Ausschnitt aus einer Ihrer frühen Shows gesehen, in der Sie als Cindy auf der Bühne erzählt haben, wie ein Mann zu Ihnen sagt: Als dicke Transe hätte ich Sie lustig gefunden, aber als Frau finde ich Sie scheiße ...

Das war ein Hamburger Lehrer, der mit seiner Klasse bei einem Auftritt im "Schmidts Tivoli" war und nach der Show extra zu mir kam, um mir das ins Gesicht zu sagen.

Es war manchmal schon hart. Ich bin als Cindy viel angegriffen worden.

Eben, es ist wirklich passiert. Haben Sie als Cindy viele Sachen aus Ihrem echten Leben verarbeitet, die in der Realität alles andere als lustig waren?

Ganz vieles, ja. Sachen, die dir wirklich passieren, kannst du am besten auf der Bühne erzählen. Ich finde, man merkt es, wenn sich Leute auf der Bühne etwas komplett ausgedacht haben, was mit ihrem Leben nichts zu tun hat.

Hat es Ihnen persönlich geholfen? Dass Sie Demütigungen aus Ihrem echten Leben Ihrem Publikum erzählt haben, das dann darüber lacht?

Komik kann ohne Tragik ja nicht existieren. Wenn jemand gegen eine Laterne läuft, ist das tragisch, aber andererseits muss man auch lachen. Aber es war manchmal schon hart. Ich bin als Cindy viel angegriffen worden, und ich fand es schon sehr verletzend, im Internet Dinge zu lesen wie, pardon: "Du gehörst zurückgefickt und abgetrieben." Da muss man erst mal mit umgehen können.

Fanden Sie es wenigstens etwas tröstlich, dass diese Leute ja nicht Sie persönlich meinten, sondern eben Ihre Bühnenfigur?

Nee. Ich fand es respektlos, wenn Sachen geschrieben wurden wie "der dicke Obelix der deutschen Comedyszene". Ich dachte dann: Schreib doch einfach den Namen, oder "die Frau in der pinken Jogginghose", aber nicht so was. Man kann jederzeit meine Arbeit kritisieren, sagen, dass man etwas nicht lustig findet, das ist völlig in Ordnung. Aber man muss ja nicht den Menschen angreifen. Und wenn jemand "Cindy, die fette Kuh" sagte, dann meinte man ja auch mich, die in dieser Rolle steckt.

Als Sie mit der Rolle angefangen haben, war Cindys Leben als Langzeitarbeitslose nicht allzu weit weg von Ihrem echten Leben. Dann sind Sie damit reich geworden, und für Sie hat sich alles verändert, während bei Cindy alles gleich geblieben ist. Hat es das schwieriger gemacht, sie darzustellen?

Nein, nicht wirklich. Aber der Erfolg hat mich verändert. Ich hatte plötzlich so viele Leute um mich rum, die sagten: "Oh, Sie sind so toll", dass ich auch irgendwann dachte, ich bin was Besseres. Ich konnte mit Ruhm und Geld erst mal überhaupt nicht umgehen und habe zu Mitarbeitern Dinge gesagt, die nicht cool waren. Das war ein Höhenflug, der eine ganze Zeit lang angehalten hat.

Hat es dann nicht erst recht genervt, wenn die Leute Sie kumpelig auf der Straße angequatscht haben? Wenn sie Rolle und Privatperson nicht auseinanderhalten konnten?

Nein, genervt hat es mich nie. Ich wollte immer nur Menschen zum Lachen bringen, das versuche ich ja auch in meinem Privatleben und habe gern mal einen Spruch auf den Lippen: "Sie sind doch ..." - "Ja, genau, Barbara Schöneberger, Sie haben mich erkannt." Aber es gab natürlich Situationen, die mir zu weit gegangen sind. Wenn die Leute ankommen und dir einfach ins Gesicht kneifen und sagen: Frau von Marzahn, ich muss Sie mal knuddeln - das möchte man ja einfach nicht. Das möchte keiner. Und das habe ich dann auch gesagt.

Cindy hat oft das gesagt, was ich nicht sagen konnte

Der Unterschied zwischen Ihnen und beispielsweise Serienschauspielern war, dass Sie eben auch außerhalb Ihrer eigenen Sendungen immer nur als Cindy aufgetreten sind, unter anderem in Talkshows. Sie mussten immer in Ihrer Rolle bleiben. Das war schon ein Korsett, oder?

Ja. Und das wurde dann auch schwierig für mich. Von Cindy erwartet man nicht, dass sie sich zu Politik äußert, die soll einen Spruch machen und gut ist. Es gibt aber sehr viel, was mich beschäftigt und was nicht zu Cindy passt. Das war auch mit ein Punkt, warum ich irgendwann gesagt habe: Du musst aus der Rolle raus. Es war aber nicht der einzige Grund, warum ich sie aufgegeben habe. Ich wollte nach fast 16 Jahren einfach mal andere Sachen ausprobieren, die als Cindy nicht gingen, unter anderem eine Modelinie.

Haben die fast 16 Jahre als Cindy Sie verändert?

Ja, ich denke schon. Ich habe durch sie tolle Menschen kennengelernt. Und sie hat mich gestärkt. Ich bin mit Cindy aus Marzahn gewachsen, obwohl ich schon 1,84 Meter groß bin. Ich hatte immer einen großen Sinn für Gerechtigkeit und ich mag es nicht, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Aber mir hat früher manchmal das Rückgrat gefehlt, da was zu sagen. Cindy aber hat es gesagt. Und von ihr habe ich gelernt, was ich mich früher vielleicht nicht getraut habe.

Sie haben mal gesagt, dass Cindy Ihre beste Freundin war. Fehlt sie Ihnen heute?

Ich hatte eine tolle Zeit mit ihr und denke gern daran zurück. Aber fehlen tut sie mir nicht, denn sie ist ja nicht weg.

Wo ist sie denn?

Ich habe sie auf eine Bohrinsel geschickt, da arbeitet sie als DJ.

ILKA BESSIN wurde 1971 in Luckenwalde (Brandenburg) geboren und machte zunächst eine Ausbildung als Köchin, später als Hotelfachfrau, arbeitete in verschiedenen Jobs in der Gastronomie und als Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff. Anschließend war sie länger arbeitslos. Eigentlich wollte sie sich 2004 beim Berliner "Quatsch Comedy Club" nur als Kellnerin bewerben, hatte jedoch jemanden am Apparat, der Bühnentalente buchte und sie einlud, an einer Show für Nachwuchstalente teilzunehmen. Dies war ihr erster öffentlicher Auftritt als Stand-up-Komikerin "Cindy aus Marzahn", einer Berliner Langzeitarbeitslosen mit Vorliebe für Pink und viel Pech mit Männern. Sie hatte eigene Sendungen auf RTL und SAT.1, tourte mit Live-Programmen durch große Hallen und war die Assistentin von Markus Lanz in "Wetten, dass ..?". 2016 gab sie bekannt, dass sie ihre Bühnenfigur an den Nagel hängt. Kürzlich ist Ilka Bessins Autobiografie "Abgeschminkt" erschienen (288 S., 15 Euro, Heyne). Ab 13. Dezember 2019 wird sie mit ihrem Live-Comedy-Programm "Abgeschminkt- und trotzdem lustig‘ unter ihrem eigenen Namen auf Tour gehen.

Ilka Bessin beichtet: Kunstfigur „Cindy aus Marzahn“ musste aus einem bestimmten Grund sterben

Brigitte 03/2019

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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