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Kristin Scott Thomas: Portrait der Schauspielerin

Kristin Scott Thomas: Kristin Scott Thomas
© taniavolobueva / Shutterstock
"Ich kann es nicht ertragen, wenn Leute sich verspäten." Das ist bei der Schauspielerin Kristin Scott Thomas keine Pedanterie, sondern die Folge trauriger Erfahrung: Als Kind musste sie lernen, dass Menschen, die nicht wie erwartet auftauchen, manchmal gar nicht mehr kommen.

Wir waren uns damals alle einig: Charles (Hugh Grant) hatte sich geirrt, als er sich 1994 im Film "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" für seinen faden Schwarm Carrie (Andie MacDowell) entschied und nicht für die kluge, scharfzüngige Fiona, die ihn seit Jahren liebte. Fiona wurde von Kristin Scott Thomas gespielt, mit großen Hüten und großem Ego, und seit wir uns damals kollektiv in sie verknallt haben, hat sie uns im Kino verlässlich begleitet – bis zum heutigen Tag. Denn ihre Karriere hat keine großen Einbrüche verkraften müssen. Kristin Scott Thomas war immer da.

Britische Komödie mit ernsten Untertönen

Nie hat die Britin, die im Mai 60 wird, mädchenhafte oder mütterliche Rollen gespielt, so gut wie nie war sie nur schmückendes Beiwerk. Sondern immer eine, die auf sich selbst aufpassen kann, oft hart zu sich und anderen, immer ironisch, eloquent – jemand, die man nicht zur Feindin haben möchte. In der typischen Kristin-Scott-Thomas-Pose lehnt sie bei ihren Auftritten gern irgendwo gegen oder stützt sich irgendwo auf, das Kinn erhoben, ein spöttisches Lächeln um die Lippen, sehr oft mit einer Kippe in der Hand. So hat sie das Herz von Ralph Fiennes in "Der englische Patient" gebrochen, an der Seite von Robert Redford im "Pferdeflüsterer" weiche Nüstern gestreichelt, in "Gosford Park" an Cocktails genippt und als Mrs. Churchill in "Die dunkelste Stunde" ihrem Gatten durch ebendiese hindurchgeholfen.

Ungefähr so ist sie auch in ihrem neuen Film "Mrs. Taylor’s Singing Club", anlässlich dessen sie in einem Londoner Hotel Interviews gibt. Ihren warmen Karo-Wintermantel hat Kristin Scott Thomas angelassen, weil es sie in der großen Suite fröstelt. Sie spricht so akzentuiert, wie man es aus dem Kino kennt, ist aber bei Weitem nicht so einschüchternd. Der Film ist das, was man eine "Britcom" nennt, eine typische britische Komödie, wenn auch mit ernsten Untertönen. Er ist inspiriert von der wahren Geschichte einiger Ehefrauen britischer Soldaten, die 2011 auf einer Militärbasis in England als teambildende Maßnahme einen Pop-Chor gründeten, während ihre Männer in Afghanistan waren. Der Chor wurde ein unerwarteter Medienhit, eroberte die britischen Charts und führte zu fast 50 weiteren Chören von "Military Wives" (so der Originaltitel des Films) in ganz Großbritannien.

Regie führte Peter Cattaneo, der 1997 mit "Ganz oder gar nicht" schon mal so was Ähnliches gedreht hat, nur mit männlichen Strippern statt weiblichen Chorsängerinnen. Oder, wie der "Guardian" schrieb: "Wie ,Calendar Girls‘ mit weniger nackter Haut." Was beides nicht negativ gemeint ist. Denn "Mrs. Taylor" funktioniert, weil der Film überzeugend die unterschiedlichsten Typen von Frauen zusammenbringt, weil er gefühlsmäßig die richtigen Knöpfe drückt und weil die bekannten Popsongs, die die Frauen in einer Art therapeutischer Karaoke schmettern, den Kopf umgehen und direkt ins Herz treffen. Kristin Scott Thomas, als Mrs. Taylor zumindest anfangs ebenso humor- wie empathiefrei, ist eine der beiden Chorleiterinnen.

Frauen in allen Formen und Größen

Aber ist das alles nicht ganz schön muffig? Frauen, die erst mal nichts verbindet als der Beruf ihrer Partner, die durch ihn definiert werden und die zu Hause hocken und auf die Heimkehr ihrer Männer warten? Eher ist es das Gegenteil: Statt die Männer im Kampf an der Front zu zeigen, interessiert sich das Drehbuch für das zunächst viel unspektakulärere Leben ihrer Frauen und erzählt eben deren Geschichte, macht sie zu Heldinnen.

"Sie sind zur Passivität verdammt, das ist hart", sagt Kristin Scott Thomas zur Erklärung, warum ihr das Drehbuch gefiel. Außerdem habe sie die Aussicht gereizt, mit einem fast ausnahmslos weiblichen Cast zu drehen, "Frauen in allen Formen und Größen, mit unterschiedlichen Wurzeln, unterschiedlichem Hintergrund". Und als Gegenüber nicht einen Mann zu haben, sondern in Sharon Horgan eine zweite starke Hauptdarstellerin: "Das ist wie eine Romcom ohne Romantik." Viel zu oft gleiche die Konstellation beim Drehen einem Dreieck, "der Held, seine Angebetete und der Regisseur". Und an jeder Spitze des Dreiecks sei es einsam. Sie und Horgan dagegen hätten "echte Kameradschaft" entwickelt.

Weibliche Stars kennen sich untereinander oft kaum, beklagte Scott Thomas vor zwei Jahren in einem Interview mit der "FAZ" und sprach von der "Einsamkeit der Hauptdarstellerin". Die einen einfachen Grund hat: Bisher werden viel zu selten Filme mit mehr als einer Hauptdarstellerin gedreht. Doch ganz allmählich ändert sich das, Filme wie "Ocean’s 8", "Hustlers" oder "Little Women", die ihre Geschichten fast komplett ohne Männer erzählen, sind auch an den Kinokassen erfolgreich. Ist das ein Trend, der sich fortsetzen wird? "Auf jeden Fall!", sagt Scott Thomas mit Nachdruck. "Unser Film ist ein Beweis dafür, dass genau das passiert."

Unser Leben war von der Royal Navy geprägt 

Kristin Scott Thomas ist selbst die Tochter einer "military wife". Ihr Vater, Lieutenant Commander Simon Scott Thomas, war Pilot in der Royal Navy. Er starb bei einem Flugunfall, als sie fünf war. Ihre Mutter Deborah heiratete später erneut, wieder einen Royal-Navy-Piloten. Als Kristin elf war, kam auch er bei einem Flugunfall ums Leben. "Ich bin in Friedenszeiten groß geworden", sagt sie, "aber unser Leben war trotzdem von der Royal Navy geprägt. Und wenn der Beruf von Menschen darin besteht, schnelle, starke Maschinen zu bedienen, lauert immer irgendwo ein Gefühl der Bedrohung. Damit aufzuwachsen, ist nicht angenehm." Der Tod ihres Vaters und ihres Stiefvaters habe bei ihr einen Tick hinterlassen: "Ich kann es nicht ertragen, wenn Leute sich verspäten. Das macht mich wahnsinnig. Wenn jemand nicht kommt, wenn man ihn erwartet. Weil er ja vielleicht gar nicht mehr kommt."

Nach ihrer Schulzeit in England ging Scott Thomas als Au-pair-Mädchen nach Paris und blieb, um dort Schauspiel zu studieren. Sie spricht fließend Französisch und dreht bis heute in beiden Sprachen. 18 Jahre, bis 2005, war sie mit dem französischen Gynäkologen François Olivennes verheiratet, mit dem sie drei Kinder hat.

Ihr erstes Engagement direkt nach der Schauspielschule war 1986 der Prince-Film "Under the Cherry Moon", sechs Jahre später, noch vor dem gemeinsamen Durchbruch in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", drehte sie zusammen mit Hugh Grant das Beziehungsdrama "Bitter Moon" unter der Regie von Roman Polanski. Letztes Jahr wollte eine "New York Times"-Autorin von Scott Thomas wissen, ob sie noch einmal mit Polanski drehen würde, der 1977 in den USA wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilt wurde; oder mit Woody Allen, den ein unbewiesener Vorwurf des Missbrauchs seiner Adoptivtochter verfolgt. "Das ist sehr schwierig. Woody Allen ist ein unfassbar talentierter Regisseur, und ich würde gern mit ihm arbeiten", sagte sie damals. "Aber ich kann die Frage trotzdem nicht wirklich beantworten." Auf diese ausweichende Antwort angesprochen, sagt Scott Thomas jetzt: "Das ist die Reaktion einer Frau mittleren Alters. Ich bin nicht der Ansicht, dass man eine ganze Generation abschreiben kann. Wir sollten sehr vorsichtig damit umgehen."

Sie wünscht sich, dass gerade ältere Frauen, die gelernt haben, ein "heute undenkbares" Verhalten von Männern zu tolerieren, dafür nicht von den Jüngeren verurteilt werden: "Das ist nicht fair." Stattdessen solle man zuhören, was diese Frauen zu sagen haben – ebenso, wie man jungen Frauen zuhören müsse. "Ich finde nichts interessanter, als wenn mehrere Generationen über ihre Sicht auf die Welt reden. Besonders darüber, was es bedeutet, darin eine Frau zu sein."

Sie spielen unser Lied!

Ihre Männer sind im Auslandseinsatz in Afghanistan, den Ehefrauen zu Hause bleibt nur das Warten – und das Hoffen, dass ihre Liebsten auch diesmal heil zurückkommen. Gegen die Untätigkeit und die Sorge gründen zwei der Frauen (Sharon Horgan und Kristin Scott Thomas) "Mrs. Taylor‘s Singing Club". Die bekannten Popsongs, die die Schicksalsgenossinnen fortan schmettern, verbinden sie nicht nur miteinander, sondern auch mit dem Kinopublikum, das der wahren Geschichte und der mitreißenden Musik kaum widerstehen dürfte. 

Konstant dabei 

Kristin Scott Thomas dreht seit rund 35 Jahren fast ununterbrochen Filme. Geboren in Cornwall in England, ging sie nach der Schule nach Paris und studierte dort Schauspiel. Bekannt wurde sie 1994 mit "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und 1996 mit "Der englische Patient". Sie hat drei Kinder. Im Mai wird sie 60.

Stefanie Hentschel ist Kristin Scott Thomas schon einmal begegnet, 2017 bei der Berlinale-Pressekonferenz zu "The Party". Der Film habe damals nach drei Jahren Abstinenz ihre Liebe zum Kino wieder entfacht, erzählte Scott Thomas ihr in London.

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