Nana Mouskouri: "Ich flirte nicht, ich habe eher Angst vor Männern"

Sie ist eine der erfolgreichsten Sängerinnen unserer Zeit. Eine Frau, die für ihre Karriere ihre Familie geopfert hat – und die sich mit 84 immer noch ein bisschen wundert, dass sie so berühmt ist.

Sie sang vor der Queen und John F. Kennedy, ging mit Harry Belafonte auf Tournee, nahm ein legendäres Jazz-Album mit Quincy Jones auf, und doch fällt den meisten hierzulande bei Nana Mouskouri ihre Brille ein. Und der Schlager "Weiße Rosen aus Athen". Das Lied ist 58 Jahre alt, sie liebt es immer noch, und die Brille gibt es in circa 100 Varianten, obwohl man dachte, es sei immer dieselbe, nahezu unverändert wie die Griechin selbst. Mouskouri – ein Phänomen. Sie kommt 1934 auf der Insel Kreta zur Welt. Ihre Kindheit ist geprägt von Krieg, Armut, einem permanenten Kampf ums Überleben. Was sie tröstet, ist Musik. Sie wird erst in Griechenland, dann international ein Star – ein einstmals schüchternes Mädchen, das sich zu dick und hässlich fand, das später mit Musikern wie Leonhard Cohen, Miles Davis, Bob Dylan befreundet ist und sechs Sprachen spricht. Mitte der 90er-Jahre wird sie Europa-Abgeordnete, obwohl sie "überhaupt nicht weiß, wie die Welt funktioniert", wie sie in ihrer Autobiografie "Stimme der Sehnsucht" schreibt. Auf der Bühne begeistert sie ihr Publikum nach wie vor, trägt High Heels, bedankt sich selbstironisch für den Mut, ihr Konzert zu besuchen.

Beim Interview in Berlin spricht Nana Mouskouri Französisch, denn in zweiter Ehe ist sie mit dem französischen Musiker André Chapelle verheiratet. Sie lächelt, als sie sieht, dass ihr Gegenüber eine Brille aufsetzt.

Frau Mouskouri, macht Singen egoistisch?

Nana Mouskouri: Ich fürchte, da ist etwas dran. Musik hat in meinem Leben Vorrang. Sicher ist das nicht unbedingt angenehm für meine Mitmenschen, darauf habe ich zu selten Rücksicht genommen. Aber ich kann nicht anders, ich muss singen. Vor ein paar Jahren habe ich versucht, mich von der Bühne zurückzuziehen, das war keine gute Idee, mir war sterbenslangweilig. Also mache ich weiter, solange es geht, und es geht mir gut.

Sie lieben es, auf der Bühne zu stehen, das spürt man im Konzert, Ihre gute Laune ist ansteckend. Woher kommt Ihre Leidenschaft für die Musik?

Meine Mutter hatte eine tolle Stimme, sie wäre gern Sängerin geworden, aber sie hatte nicht die Chance, so zu leben, wie sie wollte. Doch ihr Talent hat sie meiner Schwester und mir vererbt. Wir gingen beide aufs Konservatorium, irgendwann hieß es dann: Es gibt nur Geld für eine von uns. Und meine Schwester hat verzichtet. Eugenia wollte ein anderes Leben, sie wollte heiraten, Familie haben.

Und Sie?

Ich nicht. Es war für uns beide die richtige Entscheidung.

Wenn Sie sich an Ihre Anfänge erinnern, wie fühlten Sie sich damals?

Befreit, aber auch allein. Ich war Anfang 20 und bin in Clubs aufgetreten. Ich wollte singen, alles andere zählte nicht. Ich muss dazu sagen: Ich war nicht besonders hübsch, ich musste also singen, um wahrgenommen zu werden. Mein eigener Vater nahm mich nur wahr, wenn ich sang.

Ich war nicht besonders hübsch, ich musste also singen, um wahrgenommen zu werden.

Wie meinen Sie das?

Ich war praktisch nicht vorhanden für andere. Leicht zu übersehen, aber eben nicht zu überhören. Das habe ich früh begriffen.

Hat Ihnen nie jemand so etwas gesagt wie: "Nana, du bist doch hübsch"?

Ehrlich gesagt nein, ich hätte es auch nicht geglaubt. Wenn ich mir Fotos von früher anschaue, denke ich: So schlecht sah ich gar nicht aus. Allerdings erst nachdem ich abgenommen hatte.

Wie viel haben Sie damals abgenommen?

Mindestens 35 Kilo, da war ich Ende 20. Ich ging zu demselben Arzt in Paris wie meine Freundin Maria Callas. Er sagte mir: Wenn Sie in zwei Wochen wiederkommen und nicht fünf Kilo weniger wiegen, brauchen Sie nie mehr zu kommen. Das saß. Ich aß nur noch Gemüse und Fisch, verzichtete auf meine heiß geliebten griechischen Süßigkeiten und fühlte mich großartig. Endlich konnte ich mir schöne Kleider kaufen.

Auf Ihren ersten Plattencovern sind Sie nicht abgebildet, das war ziemlich ungewöhnlich.

Absolut, und das hat mich unglaublich gekränkt damals. In Frankreich zeigte man eine Ansammlung von Mikrofonen und in Deutschland irgendein Mädchen, aber eben nicht mich. Das muss man sich mal vorstellen! Ich habe nie darüber geredet, ich habe einfach weitergemacht, aber es tat weh.

Haben Sie Ihre Schüchternheit überwunden?

Ja, aber eins hat sich nie verändert: Ich flirte nicht, ich habe eher Angst vor Männern. In meinem Leben gab es zwei relevante Männer, meinen Ex-Mann Georgios und André, er ist mein Produzent, treuer Begleiter und auch mein strengster Kritiker.

Ihre erste Ehe ging schief. Woran lag es, was denken Sie heute?

Zunächst hing es sicher auch mit meinem mangelnden Selbstvertrauen zusammen. Ich dachte früher: Wenn ich doch nur interessanter und schöner gewesen wäre, vielleicht wäre Georgios mir gefolgt und hätte meinen Wunsch zu singen besser verstanden. Wir hatten ein gutes Leben. Eines Tages schlug er vor, nach Griechenland zurückzugehen. Er meinte, das wäre besser für uns als Familie, wir hatten zwei kleine Kinder, wir sollten dort leben, wo wir herkommen. Da war ich noch keine 40, feierte Erfolge überall auf der Welt. Was sollte ich sagen? Vielleicht hatte er recht, doch ich konnte das nicht – zu Hause bleiben, auf alles verzichten, was ich mir mühsam aufgebaut habe. Ich wäre unglücklich geworden, hätte mich eingesperrt gefühlt.

Ich hoffe, dass sie mich vielleicht eines Tages verstehen.

Eine Frau, die für ihre Karriere kämpft und sich im Grunde gegen die klassische Familie entscheidet, war nicht üblich in den 70er-Jahren.

Nein. Es war auch entsetzlich traurig, alle haben gelitten. Mein Mann und ich haben uns schließlich scheiden lassen, er ging allein nach Griechenland, die Kinder blieben bei mir. Es gab eine Nanny, und sie lebte mit den Kindern in der Schweiz, wo ich eine Wohnung hatte. Wir waren oft zusammen, bis sie in die Schule mussten, dann hörte das auf. Sie besuchten mich in den Ferien oder wir sahen uns Weihnachten. Ich wohnte in Paris, um von dort besser reisen zu können. Ich war ständig unterwegs.

Wie ist das Verhältnis zu Ihren Kindern heute?

Meine Kinder lieben mich. Das war lange Zeit nicht so, sie waren wütend und enttäuscht, weil ich nicht da war, als sie mich brauchten.

Würden Sie es wieder so machen?

Ich bin mir nicht sicher, obwohl, wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, muss ich sagen: Ja.

Haben Sie Ihre Kinder je um Verzeihung gebeten?

Oft, immer wieder, das mache ich heute noch. Sie machen mir keine Vorwürfe mehr, aber sie versuchen mir zu erklären, warum sie sich mir nicht so nah fühlen. Ich bin diejenige, die das Gespräch sucht, aber sie wollen nicht mehr. "Lass es uns einfach vergessen", sagen sie dann. Ich hoffe, dass sie mich vielleicht eines Tages verstehen. Vor allem meine Tochter, sie ist ja auch Sängerin, wir beide sind schon zusammen aufgetreten. Mein Sohn lebt in Kanada, er ist Kameramann.

Ihren zweiten Mann, den Musiker André Chapelle, haben Sie lange Zeit Ihren Kindern nicht vorgestellt.

Ich habe mich nicht getraut. Es gab nie den berühmten richtigen Zeitpunkt. Und ich dachte, es wäre vielleicht zu viel für sie. Dabei hätte ich es viel früher tun sollen, denn er ist ein wundervoller Mann.

Ursprünglich sollte er an diesem Gespräch teilnehmen, aber ...

Mein Mann ist sehr schüchtern. Er ist hier im Hotel, wir sind immer zusammen unterwegs, soll ich ihn holen?

Mouskouri bittet ihre Managerin, ihn anzurufen.

Früher hatte ich regelrecht Angst vor Interviews.

Und heute?

Macht es mir Spaß, vielleicht auch, weil mein Mann eher der stille Typ ist.

Die Tür geht auf, und ihr Mann erscheint. Was für ein Auftritt! André Chapelle sieht aus wie eine Figur aus einem Märchen. Er trägt einen höchst imposanten schwarzen Hut, einen schwarzen, weiten Mantel, einen feuerroten Schal, lässig geschwungen, doch das Wichtigste ist sein unfassbares Lächeln. Sie strahlt ihn entzückt an. Er sie auch. Und sie hat recht. Der Mann steht mitten im Raum und schweigt, das allerdings ausdrucksvoll.

Hätten Sie vielleicht doch Lust, ein wenig mit uns zu sprechen?

André Chapelle: Nein, das mache ich nie.

Nana Mouskouri: Möchtest du wirklich nicht? Nur ein paar Fragen ...

André Chapelle: Nein, mach du das bitte allein. Reden, das ist deine Sache.

Er lächelt noch einmal und geht.

Nana Mouskouri: So ist er. Da kann man nichts machen.

Wie haben Sie sich gefunden?

Wir arbeiten schon seit den 60er-Jahren zusammen, wir haben Schallplatten aufgenommen, waren immer gute Freunde. Nach meiner Scheidung hat er mich noch ein bisschen mehr unterstützt, ich war allein, und ganz allmählich haben wir uns verliebt. Sie haben es ja selbst gesehen, er hat dieses unglaubliche Lächeln. André ist ein schöner Mann. Das macht mir fast ein bisschen Sorgen. Er ist jünger als ich, und ich möchte ihn nicht verlieren.

Sagt sie und lächelt.

Sie wirken sehr stark, sind eine erfolgreiche Frau, trotzdem ist Ihnen ein Mann an Ihrer Seite wichtig?

Ich bin eine Frau, die viel arbeitet, und dennoch möchte ich nicht allein sein. Ich brauche einen Partner, auf den ich mich verlassen kann, der aufrichtig ist. Ich möchte auch für jemanden da sein. Aber es gibt Tage, an denen habe ich Panik und denke: Ich kann nicht singen. Da hilft er, ermutigt mich, beschützt mich, auch vor mir selber. André versteht mich immer, und vor allem versteht er, warum Musik alles für mich ist.

Als Kind waren Sie arm, heute sind Sie reich. Was bedeutet Geld für Sie?

Es war nie das Geld, was mich angezogen hat, es ist eine Sehnsucht nach Sicherheit. Wir hatten früher Hunger, manchmal gab es so gut wie nichts zu essen. Wenn es regnete, stand unsere Wohnung unter Wasser. Ich brauche ein Dach über dem Kopf. Ein Haus, aus dem mich niemand rausschmeißen kann, denn das ist uns passiert, als ich klein war. Wir standen buchstäblich auf der Straße. Das will ich nie mehr erleben.

Fällt es Ihnen schwer, über Ihre Kindheit zu sprechen?

Nein, nicht mehr. Meine Eltern haben oft gestritten. Mein Vater hat meine Mutter geschlagen, meine Schwester und mich aber nie. Meine Mutter dachte oft an Scheidung. Wenn ihr Kinder groß seid, dann ..., sagte sie. Aber: Sie sind zusammengeblieben. Zum Schluss haben sie sich geliebt. Sie haben es irgendwie geschafft. Abgesehen von der Spielsucht war mein Vater ein toller Mann, liebenswert, auch wenn er nicht über seine Gefühle sprechen konnte.

War Ihr Vater stolz auf Sie?

Ich war zunächst eine einzige Enttäuschung für ihn, denn ich war kein Junge, den er sich so sehr gewünscht hatte. Ich bin tatsächlich im Kino auf die Welt gekommen. Das Kino, in dem mein Vater arbeitete, hieß Pantheon, es gab zwei Zimmer über dem Kinosaal, da lebten wir. Als meine Geburt näher rückte, sollte mein Vater die Hebamme holen, aber er blieb beim Kartenspielen hängen, wie so oft, und kam zu spät. Und so half die Frau des Kinobesitzers meiner Mutter bei der Niederkunft. Viel, viel später, als ich schon berühmt war, sagte er: Nana Mouskouri, das ist meine Tochter!

Das Bild vergesse ich nie, es war dunkel, ich fragte ihn: Was ist Krieg?

Sie haben sich so gut wie nicht verändert, Ihr Look ist nahezu zeitlos.

Als ich anfing, Erfolg zu haben, meinten alle: Du musst deine Haare färben, du musst blond werden. Ich habe mich geweigert, ich bin kein blonder Typ. Ich wollte mir treu bleiben. Das ist vielleicht mein Geheimnis. Ich bin ein mediterraner Typ, das passte alles zusammen. Meine Haare sind jetzt nicht mehr ganz so schwarz, das Brünette schmeichelt mehr, Schwarz macht das Gesicht so hart in meinem Alter.

Achten Sie auf Ihre Figur?

Oh ja, denn ich esse gern, mein Mann kocht wunderbar, und ich liebe Süßigkeiten. Ich esse ein Croissant zum Frühstück, aber eben nicht zwei, dazu trinke ich schwarzen Kaffee.

Wer so lange auf der Bühne steht, muss ungeheuer diszipliniert sein, von wem haben Sie das?

Von meiner Mutter, sie hat immer hart gearbeitet für uns, und sie hat mir eine Sache mit auf den Weg gegeben: Nana, du musst eines Tages der Familie helfen. Was ich auch tat, gern tat. Sobald ich konnte, habe ich immer alle unterstützt. Ich kenne das Leben gar nicht anders, Ferien gab es bei uns nicht.

Was machen Sie, wenn Sie sich ausruhen?

Das kann ich schlecht, dann ist mir langweilig.

Verraten Sie ein wenig von Ihrem Alltag, was tun Sie, wenn Sie von einer Tournee nach Hause kommen?

Ich räume auf, koche, wenn auch nicht so gut wie mein Mann, und ich male. Ich gehe selten aus, ich bin beruflich so viel unterwegs, da bin ich einfach gern zu Hause.

Haben Sie Zeit für Freunde?

Nicht so richtig. Zum Beispiel Alain Delon ist ein guter Freund, wir sind Nachbarn in Genf. Wenn wir uns sehen, sagen wir jedes Mal: Wir sehen uns viel zu selten. Alain wäre ein Mann gewesen, in den ich mich hätte verlieben können, aber das habe ich mich nie getraut.

Wir können dieses Gespräch nicht beenden, ohne über Ihre Anfänge in Deutschland gesprochen zu haben. Hier sind Sie zuerst aufgetreten, hatten Ihre ersten großen Erfolge, das war 1960.

Als der Krieg 1939 und die ersten Flugzeuge über uns flogen, waren meine Mutter, meine Schwester und ich im Hof unseres Kinos, und mein Vater sagte: Das bedeutet Krieg. Das Bild vergesse ich nie, es war dunkel, und ich fragte ihn: Was ist das, Krieg? Und er sagte: Wenn die Menschen sich nicht mehr lieben. Es waren die Deutschen. Aber als ich 1960 durch Berlin fuhr, sah ich die Kriegsruinen, ich hatte Mitleid mit den Familien, die auch Kriegsopfer waren. 1961 stand ich in meinem Hotelzimmer und konnte sehen, wie die Mauer gebaut wurde. Wie die Menschen auf beiden Seiten standen und winkten und weinten.

Und heute stehen Sie hier immer noch auf der Bühne, und die Leute singen Ihren Hit "Weiße Rosen aus Athen" wie damals ...

Das ist doch großartig, auch wegen solcher Momente mag ich nicht aufhören. Maurice Chevalier sagte einmal, ein Sänger sollte rechtzeitig wissen, welches Bild die Leute von ihm im Kopf behalten sollen. Eine gewisse Traurigkeit gehört zu mir. Nichts ist für immer, das weiß ich schon. Aber ich bin eine Kämpferin und eine ewige Optimistin. Wenn ich singe: "Weiße Rosen aus Athen sagen dir: Komm recht bald wieder. Sagen dir: Auf Wiedersehen!"

Sie singt jetzt.

Dann nehme ich es wörtlich. Das tröstet mich unglaublich.

Brigitte WIR 2/2019

Wer hier schreibt:

Carla Woter
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