VG-Wort Pixel

A Women's Story Natalia Wörner: "Eigentlich wünschen wir uns doch die Emanzipation der Männer"

Natalia Wörner sitzt am Tisch und schaut nachdenklich
© Markus C. Hurek / RTL
In "A Women´s Story" begibt sich Schauspielerin und Aktivistin Natalia Wörner auf eine dokumentarische Reise, auf der sie selbstbewusste Frauen trifft, die für ihre Gleichberechtigung, Rechte und Freiheiten kämpfen und als Role Models einer Bewegung gelten können, die wieder und wieder Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken. GALA hat mit ihr gesprochen.

Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen wurde am 1. April 1953 rechtlich wirksam. Kurze Zeit später sagte Willy Brandt während seiner Amtszeit als Bundeskanzler einmal, die Emanzipation käme voran wie eine Schnecke auf Glatteis. Wo stehen wir heute?

Natalia Wörner: Ich habe das Gefühl, dass sich strukturell nichts oder viel zu wenig getan hat. Und diese Momentaufnahme will ich festhalten, um zu schauen, wo wir heute 2022 stehen und welche Debatten wir konkret jetzt anregen und führen wollen. Die Strukturen sind teils noch so tief verankert in unserem Bewusstsein und in unseren Gesetzen, dass wir nur mit vereinten Kräften die Dinge verändern können. Und die Dinge verändern sich nach meinem Geschmack eben viel zu langsam und mit augenscheinlich gebremster Lust.

Können Sie konkreter werden?

Wir arbeiten daran, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe in allen Lebensbereichen agieren. Ich frage mich immer wieder, wer hat denn so große Angst, dass (die) Frauen in Richtung Gleichberechtigung unterstützt werden? In zehn oder zwanzig Jahren werden wir beispielsweise über die Quote nicht mehr reden, sie wird Normalität sein, davon bin ich überzeugt.

Welche Rolle spielen die Männer bei diesem Prozess? Wünschen Sie sich viele männliche Zuschauer?

Unbedingt! Männer sind aufgefordert mitzumachen und ihren Teil für mehr Gleichberechtigung beizutragen. Solche Männer gibt es zum Glück auch. Und gerade die junge Generation hat ein vollkommen anderes Selbstverständnis mit dem Thema Gleichstellung und Diversität umzugehen.

Männer müssen mitmachen ...

Der Film ist ein Herzensprojekt und ich wollte nie einen Film machen, der Männer ausschließt oder schlechte Laune verbreitet. Ich wollte einen Film machen, der Mut macht und Impulse setzt. Ich möchte, dass junge Frauen diesen Film sehen und sagen: "Okay, das haben die Generationen vor uns schon vorgearbeitet. Jetzt nehmen wir den Staffelstab an der Stelle in die Hand und machen weiter für uns und unsere Töchter." Diese Dynamik liegt wahrscheinlich auch in meiner Biografie.

Wie meinen Sie das?

Ich komme aus einem Vier-Generationen-Frauen-Haus und bin sehr angstfrei aufgewachsen, ohne Geschlechter-Hierarchien. Ich bin mit meiner Mutter, Schwester, Großmutter und Urgroßmutter aufgewachsen. Sie waren allesamt Heldinnen für mich. Die Stolpersteine wurden mir erst später in den Weg gelegt. Ich musste mich als junge, erwachsene Frau daran gewöhnen, mein Leben mit Männern zu teilen. Der Alltag mit Männern war mir vorerst eine fremde Welt  - wahrscheinlich muss ich mich bis heute daran gewöhnen. (lacht)

Hätten Sie eigentlich gerne eine Tochter?

Ich habe einen Sohn, Jacob, der jetzt 15 ist. Ich glaube ich würde verrückt werden, wenn ich eine fünfzehnjährige Tochter hätte, die den ganzen Tag auf Instagram unterwegs wäre, das ist ja teilweise so fürchterlich, welches Frauenbild dort kreiert wird. Diese unfassbare Flut an Informationen, so viel Quatsch und sinnlose Inhalte auf den sozialen Kanälen. Ich finde die größte Schwierigkeit ist, wenn ich mir heute 15-Jährige vorstelle, ein Wertesystem zu finden, an dem sie sich selbst authentisch orientieren und entwickeln können.

Mit welchem Frauenbild wächst Ihr Sohn Jacob auf?

Jacob wächst natürlich mit dem auf, was ich ihm vorlebe und ich würde mal sagen, da wird er viele Momente haben, die ihn geprägt haben.

Welche genau?

Weil er mit mir eine Mutter hat, mit der er sich auseinandersetzen muss und kann und darf. Er ist kommunikationsfähig und kann über seine Gefühle reden. Und er hat auch noch nie den Satz von mir gehört, dass Jungs nicht weinen dürfen, im Gegenteil. Ich habe immer versucht zu vermitteln, dass Männlichkeit auch bedeutet, Gefühle zu zeigen, auch wenn man traurig ist. Alles andere ist einfach toxisch. Und insofern ist Jacob ein wirklich sensibler junger Mann. Natürlich schaut er sich auch mal Videos auf Tik Tok und Co an, die antifeministisch sind und findet es witzig und bringt mich damit gehörig auf die Palme, weil er genau weiß, dass es nicht in Ordnung ist. Wir haben einen ganz eigenen Humor zusammen, der mir zeigt, dass er das total checkt.

Sie sind Schauspielerin und haben jetzt zum ersten Mal einen Film selbst produziert. Wie kam das?

Die vergangenen Monate waren für uns alle schwierig. Für mich war Kreativität eine Art Überlebensstrategie und ich habe gemerkt, dass es an der Zeit ist, dass ich meine Firma "Target Films", die ich schon vor längerem gegründet habe, wirklich aus dem Dornröschenschlaf küsse. Es war eine Wette mit mir, wie ich das Thema fiktionales und non-fiktionales Produzieren umsetze. Die Doku wollte ich unbedingt machen, weil ich gemerkt habe, wie mich das Thema treibt. Und jetzt ist es ein ganzer Chor von sehr starken feministischen Stimmen geworden, die sehr unterschiedlich sind, aber eben zusammen echt eine schöne Melodie abgeben.

Sie standen plötzlich auf der anderen Seite und haben journalistisch interviewt, wie war das?

Ich hatte totalen Spaß dabei, echte und großartige Frauen zu interviewen und gleichzeitig hatte ich einen großen Respekt vor der Aufgabe. Warum? Weil ich mich selber schon bei unzähligen Interviews, die ich gegeben habe, so häufig gelangweilt habe, wenn sich das Gegenüber zum Bespiel nicht vorbereitet oder nur Fragen stellt, die es irgendwo schon gelesen hat, sich nicht einfühlt. Ich wollte das besser machen und bin somit sehr sensibilisiert für Ihre Arbeit. (lacht)

Gab es einen emotionalen Moment während Ihrer Dreharbeiten, der Sie besonders berührt hat? 

Ja, mein Gespräch mit Andy McDowell. Sie ist eine so unglaublich starke Person mit einer unfassbaren Aura und sie hat wirklich krasse Sachen erlebt. Oder auch die einzigartige Iris Berben, die einfach ihr Herz öffnet wie ein großes Tor und mich dort hereinschauen ließ. Oder auch Frau Giffey, die über sexuelle Übergriffigkeiten im Parlament ganz offen spricht. Ich habe zu allen Frauen, die ich interviewt habe, durch den Prozess im Schneideraum eine sehr spezielle und intensive Beziehung aufgebaut. Die Offenheit der Begegnungen macht nicht nur Gänsehaut, sie inspiriert und beflügelt und das möchte ich weitergeben.

Wo haben Sie persönlich schon Ungerechtigkeiten erlebt?

Wo habe ich Ungerechtigkeit nicht erlebt, kann ich hier nur sagen. Gagen von männlichen Schauspielern sind nach wie vor höher als die von weiblichen, und zwar jenseits von Popularität und Marktwert oder gar Können. Wenn Männer komplizierte Fragen stellen oder sich einem Regisseur nicht kreativ unterordnen und Sachen infrage stellen, dann wird es oft als interessant empfunden. Wenn Frauen dasselbe machen, werden sie streckenweise immer noch als schwierig bezeichnet. Zum Glück ändert sich genau das gerade. Aber aufgewachsen und im Beruf groß geworden bin ich schon mit vielen Beispielen, wo man mir nachgesagt hat: "Oh, die ist schwierig." Wir müssen dieses Narrative Stück für Stück entblättern und ganz genau hinschauen.

Mögen Sie den Begriff "starke Frau"?

Nein, ganz und gar nicht, der Begriff ist dermaßen überstrapaziert. Was ist denn eine starke Frau? Ich bin eine Frau, mit meiner Familie und meinem Beruf. Auch Powerfrau finde ich schrecklich ...

Oder taffe Frau ...

Ja, fürchterlich. Vielleicht ist es eine Form von sprachlicher Überforderung. Da kommt vieles zusammen und ich glaube, es ist auch ein Label, das zum Teil Frauen gerne für sich selbst in Anspruch genommen haben, um sich abzugrenzen. Aber Sie können sich vorstellen, dass auch ich ständig mit diesem Begriff konfrontiert werde, zum Teil auch aufgrund der Summe der Rollen, die ich spiele. Ich weiß, dass es vielleicht sogar auch ein Kompliment sein soll, aber das ist halt immer nur die eine Seite. Was ist denn überhaupt jetzt das Gegenteil einer starken Frau? Aber die Frage stellt ja eh keiner.

Hat Ihr Mann, Ex-Außenminister Heiko Maas, Ihre Doku schon gesehen?

Na klar.

Und?

Er findet sie gut. (lacht)

Wie hat sich Ihre Beziehung verändert, seit Ihr Mann nicht mehr jeden Tag in ein Flugzeug einsteigen muss?

Wenn ein Beruf sehr komplex und einnehmend ist, und der Terminkalender tagtäglich zur Herausforderung wird, dann freut man sich, wenn man sich plötzlich etwas freier fühlt und nicht ständig unter Druck ist und sich ständig fragen muss, wer ist wann da und wie organisieren wir jetzt dieses und jenes. Wir feiern diese neugewonnene gemeinsame Zeit und wissen sie ganz neu zu schätzen. Bei uns verändert sich gerade ganz viel und ich finde das sehr schön.

Diskutieren Sie viel zusammen?

Sie können davon ausgehen, dass ein Mann, der mit mir zusammenlebt, auch mit den Themen konfrontiert ist, die mich bewegen, und zwar von A bis Z. Mein Partner ist Feminist und natürlich diskutieren wir über Themen, über die wir beide hier gerade reden.

Was wollen Sie am Ende bewirken?

Mit meiner Doku gebe ich eine Backstage-Version von mir selbst und den Protagonistinnen. Alles ist hier echt und ehrlich. Wir inszenieren nicht. Und ich würde mir wünschen, dass sich Männer dem Thema tiefer nähern - sich bereiterklären, in ihrem beruflichen und privaten Umfeld Ungerechtigkeiten zu korrigieren und einen Teil ihrer Privilegien lernen abzugeben. Eigentlich wünschen wir uns doch die Emanzipation der Männer.

Sendehinweis: "A Women’s Story" läuft ab dem 8. März auf RTL+.

Dieses Interview erschien ursprünglich in gekürzter Fassung in der GALA 9/2022.

Mehr zum Thema