Sting-Ehefrau und Bio-Farmerin: Trudie Styler

Der Großteil der Menschheit kennt Trudie Styler als Frau an der Seite von Sting. Dabei ist sie die treibende Kraft in seinem Leben, hat eine eindrucksvolle Biografie und Ahnung von Bio-Landwirtschaft - was auch Il Palagio hilft, ihrem Gut in der Toskana. Wir haben die beiden besucht.

Vor 20 Jahren hat sie schon einmal hier gestanden, im Sommer. Schon damals war von links aus dem Wald kühle Luft in den heißen, trockenen Garten geweht, der in einem erbarmungswürdigen Zustand war, genau wie das Gutshaus in ihrem Rücken. Damals waren die Hänge verdorrt und sauer gewesen. Il Palagio, dieser Bauernhof mit Weinberg im Arnotal, war komplett heruntergewirtschaftet. Aber da war dieser Blick in das Tal und dieses Gefühl für eine Fläche, das nur jemand haben kann, der schon mal ein Feld bestellt hat.

Trudie Styler wusste: Das hier hatte das Zeug zu etwas Wunderbarem

Sie hat zusammen mit ihrem Ehemann das Anwesen einem klammen Adligen abgekauft. Hat Bauarbeiter aus Sizilien für das Haus engagiert, dem Gutsverwalter eine Vision und Mittel für reichlich Personal zur Verfügung gestellt und einen Weinguru aus dem Napa Valley in ihre Hänge gelassen. "Und jetzt sieh dir das an", sagt sie, lächelt und nickt den Hang hinunter, wo Olivenbäume silbern glitzern und der Wein in voller Pracht steht. Il Palagio, eine Dreiviertelstunde südlich von Florenz gelegen, grünt und lebt. Es ist ein Stück Postkarten-Toskana.

Ein Ort zum Verlieben - auch nach 35 Jahren Ehe

Plötzlich sind da Arme, die von hinten ihren Bauch umfassen, ein Mund in ihrem Nacken, ein Kinn zwischen ihren Schulterblättern. Gordon Matthew Sumner, der Welt im Allgemeinen als Sting ein Begriff, umfasst seine Frau. Und sagt dann: "Ich habe keinen Baum gesehen, bis ich 16 war. Aber ich habe immer von einem Garten fantasiert. Für mich ist das hier ein wahr gewordener Traum." Er küsst Trudie wieder auf den Hals. "Aber das hat alles sie gemacht", sagt er.
Das wird den ganzen Tag so gehen.

Immer, wenn Sting sie sieht, sucht er Körperkontakt, wenn er sie nicht sieht, irren seine Augen herum auf der Suche nach ihr.

Seit 35 Jahren sind sie zusammen, im letzten Jahr feierten sie hier auf Il Palagio Silberhochzeit. Sie haben vier Kinder, und immer noch ist da nicht nur ein stummes Einverständnis zwischen ihnen, sondern auch diese fühlbare körperliche Anziehung. Na ja, sie sind ja auch beide gut erhalten. "Sting mit seinen 66 Jahren muss nichts dafür tun", sagt sie. "Ich schon."


Es war nicht immer so - Trudies dramatische Kindheit

Trudie Styler ist eine schöne Frau von 64. Und ja, das hat auch zu tun mit einer erschreckenden Disziplin und plastischer Chirurgie. Aber nicht mit Schönheitswahn. Fangen wir mit den Operationen an: Mit zwei ist Trudie von einem Lastwagen überrollt worden, ihr Gesicht war entstellt. Sie musste bis zu ihrem 18. Geburtstag öfter unter das Messer eines plastischen Chirurgen, als sie sich erinnern kann. "Scarface" wurde sie in der Schule genannt, Narbengesicht. Und was die Disziplin angeht ...

Trudies Mutter war krankhaft fettleibig, sie wog zu ihren dicksten Zeiten 120 Kilo. "Sie konnte sich nicht mehr bewegen, und ich war entsetzt und traurig, weil ich nichts mit ihr unternehmen konnte", sagt sie. Mit 60 ist sie gestorben. Als sie kleiner war, hatte Trudie ihre Mutter einmal gefragt, wie alt sie sei. "Sie sei in ihren mittleren Jahren, hat sie gesagt, sie sei 37. Der Verlust ihrer Beweglichkeit, ihr Altern vor der Zeit hat mich geprägt", sagt Trudie.

Sport, gute Ernährung und viel Natur als Lebensrezept

Ihr sollte, ihr durfte das nicht passieren, der Verlust ihrer Beweglichkeit wie bei ihrer Mutter war für sie eine Horrorvorstellung. Yoga gehört zu ihrem Leben, sehr viel davon, sie hat Bücher und DVDs darüber produziert. Ein Tag ohne Sport ist kein guter für sie. "Und ich habe schon immer unbewusst Zucker und Junkfood vermieden. Ich habe immer die bessere Option für mich gesucht." Heute ist diese Option getränkt in Olivenöl aus dem eigenen Garten.

Sie füllt sich Spaghetti Aglio e Olio am Buffet auf den Teller, ihr toskanisches Lieblingsgericht. Es ist Mittag, ein Tisch voller Speisen im Garten angerichtet, unter dem großen Baum, den Sting für den eigentlichen Herrn von Il Palagio hält. Es steht eine lange Tafel dort, Mitarbeiter und Familie nehmen daran Platz, eben wer gerade hier ist und hungrig. Auch Coco ist da, Stings und Trudies Tochter, die 1990 in Pisa geboren wurde. "Seitdem sind wir mit Italien verbunden", sagt Trudie.


Eine Frau mit unbekannten Talenten

Man kennt Styler von ihren Fitness­DVDs und, ja, als Ehefrau eines der größten Popstars aller Zeiten. Dass sie Schauspielerin war, danach Produzentin, das wissen schon sehr viel weniger. Dabei ist große Filmkunst darunter, "Snatch" und "Bube, Dame, König, grAs" zum Beispiel oder "Moon", tolle britische Independent­Filme. Independent wie: unabhängig. Passt zu ihr. Mutig würde auch passen. Bei ihrem neuen Film "Freak Show" kam ziemlich schnell der Regisseur abhanden. Also machte sie den Job kurzerhand auch selbst, inklusive roter Teppich neulich bei der Berlinale.

Und trotzdem: Ihr größtes Talent kommt hier auf Il Palagio zum Tragen. Harry, ihr Vater, war Bauer, bis er den Hof verlor, in die Fabrik gehen musste und die Familie in eine Sozialbausiedlung zog, die aus kleinen Reihenhäusern bestand. "Wir hatten Glück, wir bekamen ein Endgrundstück", sagt Styler, "da konnten mein Vater und ich da weitermachen, wo wir auf dem Land aufgehört hatten – wir pflanzten alles mögliche an."

Ihr Vater war es auch, der ihr gesagt hatte: Ist der Boden gesund, dann ist es die ganze Welt.

Und als Sting und Trudie ihren ersten Bauernhof in Wiltshire kauften und sie plötzlich Zweifel bekam, ob sie das wirklich schaffen würde, beruhigte sie Harry Styler mit einem weiteren Sinnspruch: "Wenn du gut zu deinem Boden bist, dann ist er gut zu dir."– "Er hat recht", sagt Trudie. 

Il Palagio - ein Selfmade-Paradies

Alles auf Il Palagio ist bio. Die Weine, der Honig, die Oliven, das Gemüse. "Ich bin zwischen Werften aufgewachsen, unser Essen kam aus der Dose", sagt Sting, "jetzt kann ich meiner Mahlzeit beim Wachsen zusehen. Für mich ist das ein Wunder." Für Trudie hat der Ort "etwas Heilendes, keiner, der kommt, will je von hier weggehen."

Und ihre Beziehung zu Sting? Das, sagt er, sei ein "wunderbarer Unfall", wieder hat er seine Arme um sie gelegt, sein Kopf ist an ihrer Schulter. Sie lacht. "Ich habe keine Ahnung, warum es so gut ist", sagt sie. "Aber ich bin unendlich dankbar dafür." Und man merkt genau: Sie hat jetzt nicht nur über ihren Mann gesprochen.
Darauf einen Roten. Aus dem eigenen Garten natürlich.

Brigitte WIR 02/2018

Wer hier schreibt:

Stephan Bartels
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