"Alle 11 Minuten verliebt sich ..."? ÄH, NEIN!

BRIGITTE.de-Leserin Barbara, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, begab sich auf Partnersuche im Netz – und vertraute dabei auf ein bekanntes Versprechen.

Hier kann es nicht lange dauern, Mr. Perfect zu finden, dachte ich

Als alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen, selbständig, mit Haus und Garten, ist es nicht einfach, sich im Alltagsstress Zeit für die Männersuche freizuschaufeln. Wenn man zudem auch noch wenig Interesse an Ü-Partys hat und der romantische Fall nicht eintritt, dass man dem Traummann im Supermarkt begegnet, ist man irgendwann an dem Punkt, dem Versprechen „Alle 11 Minuten verliebt sich ...“ zu vertrauen.

Also, Entschluss gefasst, angemeldet und losgelegt. Wenige Minuten später trudeln die ersten vielversprechenden Partnervorschläge ein, dann der erste Schock: Ein Politiker aus der Nachbarstadt, mir gut bekannt, scheint sehr gut zu mir passen! Auch ohne Bildfreigabe kann ich ihn zweifelfrei erkennen. Was bedeutet, dass es umgekehrt genauso sein könnte! 

Egal, auf dem Dating-Portal sitzen wir schließlich alle im selben Boot. Dass er nicht zu mir passt, weiß ich trotz guter Matching-Punkte auch ohne Kontaktaufnahme. Umgekehrt muss es ähnlich gewesen sein, denn bereits am nächsten Tag war er von meiner Partnervorschlagsliste verschwunden. Und das Portal hat so viele, vermeintlich passende Männer zu bieten, da kann es nicht lange dauern, bis Mr. Perfect gefunden ist, dachte ich.

Die Realität sollte mich eines Besseren belehren

Ich lernte schnell: Niemals, aber wirklich niemals, sollte man bei der ersten Verabredung etwas unternehmen, das keine blitzartige Flucht erlaubt. Zum Beispiel eine Bergwanderung. So geschehen mit Max, einem echten Tiroler Urgestein. Treffpunkt romantisch auf einem Parkplatz zwischen Bayern und Tirol. Ziel war eine Berghütte mit eineinhalb Stunden Wanderzeit.  Ich will das Ergebnis vorwegnehmen, ohne auf Sympathie oder Äußerlichkeiten von Max einzugehen, denn diese spielten sehr schnell keine Rolle mehr: Max spurtete in einer unmenschlichen Geschwindigkeit den Berg hinauf, redete nur über sich selbst und zeigte nicht ein Fünkchen Interesse an mir.

Kurz vor dem Kollaps und um nicht zur Mörderin zu werden, schlug ich zwischendurch vor, er solle einfach ohne mich weiterlaufen und mir oben ein Bier bestellen, um das Ganze ertragen zu können. Das Angebot nahm er gerne an und schon nach einer halben Minute war er außer Sichtweite.  Ich überlegte, ob ich einfach umkehren und abhauen sollte, wollte aber im Funkloch keinen Einsatz der Bergwacht auslösen. Wahrscheinlich hätte er nicht einmal bemerkt, wenn ich verschwunden wäre. 

Also stärkte ich mich mit meinem „Bergsteigerriegel“ und schleppte mich wutentbrannt den Berg hinauf. Immerhin stand das Bier bereit, als ich 30 Minuten schneller als angegeben das Ziel erreichte. Die Frage: „Bist du der Meinung, 30 Minuten schneller als angegeben, ist langsam?“, beantwortete Max mit: „Na, ja. Geht scho.“ Auf weitere Kommunikation hatte ich keine Lust mehr. Beim Zurückwandern belehrte mich Max noch in seinem schönen Tiroler Dialekt: „Beim Aufstieg gilt's. Do muascht Meter macha!“ und führte den Rest des Weges einen Monolog über sein Leben.

Als er mir am nächsten Tag eine Nachricht schickte, der Funke sei einfach nicht übergesprungen bei ihm, konnte ich nur laut lachen.

So mancher Mann scheint dringend auf der Suche nach einer neuen Bleibe zu sein

Urs aus der Schweiz schrieb mir: „Ich bin zwar nicht mehr in deinem Suchradius. Aber was sind schon Hunderte Kilometer, wenn die Chemie stimmt? Ich habe mich sofort in dein sympathisches Profil verliebt und weiß: 'Du bist es! Du bist meine Traumfrau!' Ich bin örtlich nicht gebunden und würde dich jederzeit gerne für ein Näherkommen besuchen. Ein Umzug von der Schweiz nach Deutschland ist sofort möglich.“ Urs hatte zuvor weder mein Foto gesehen noch eine einzige Nachricht mit mir ausgetauscht.

Auch „Alosaka Hopi“, ein reinkarnierter Indianerhäuptling hatte sich über den PC in mich verliebt und wollte zu mir ziehen. Ein Jahr zuvor seien ihm Engel erschienen und hätten ihm mitgeteilt, dass er ein reinkarnierter Indianerhäuptling sei. Von da an habe sich sein Leben dramatisch verändert und er lebe nur noch für die Spiritualität. Jetzt seien ihm die Engel wieder erschienen und hätten ihn zu mir geführt. Er sei sich sicher, unsere Seelen seien füreinander bestimmt, und wenn es mir auch so gehen sollte, würde er morgen zu mir ziehen.

Die Sache mit den Fotos

Sehr beliebt scheint es auch zu sein, bei den Fotos ein klitzekleines bisschen zu schwindeln. Glatzen werden verschwiegen oder unter Mützen und Kappen versteckt, weniger ansprechende Körper werden gut verpackt in Nobelkarossen oder Luxusjachten präsentiert oder „Mann“ nimmt einfach ein Foto aus guten alten Zeiten. 

So auch Alex. Große Übereinstimmung beim Matching, nette Nachrichten, ein nettes Telefonat und nicht zuletzt das Foto eines gutaussehenden, blonden, sportlichen Typen ließen mich einem Treffen zustimmen.

Ich war vor ihm am vereinbarten Treffpunkt und wartete voller Erwartung. Nach zehn Minuten kam ein Mann auf mich zu, der unmöglich mein Date sein konnte. Er war alt, uralt. Zumindest im Vergleich zu seinen Fotos. Das blonde Haar war eigentlich rotblond und schütter, unzählige Falten zierten sein Gesicht, und er war gekleidet wie ein Staubsaugervertreter aus den 80er Jahren!

Ich hatte starke Zweifel, ob es sich nicht um eine völlig andere Person handelte. Als er mich zur Begrüßung umarmte, verfiel ich in eine Schockstarre und es war mir nicht mehr möglich, ins Auto zu springen und zu fliehen. Es folgte ein quälend langer Spaziergang, bei dem sich herausstellte, dass er bereits vier Jahre auf dem Portal eine Frau suchte, seine Trennung ihn trotz diverser Selbstfindungen noch immer psychisch belastete, und dass sein angegebener Wohnort auch nicht ganz stimmte. Nein, danke!

Es hat zwar etwas länger als 11 Minuten gedauert und einige Prinzen mussten als Frösche enttarnt werden, aber nach fünf Monaten habe ich ihn tatsächlich gefunden - meinen persönlichen Förster aus dem Silberwald! Das Dating-Portal habe ich inzwischen glücklich verlassen. 

- Alle Namen im Text sind frei erfunden -

Die Autorin: Barbara (41) ist Heilpraktikerin und Diplom-Sozialpädagogin und wohnt mit ihren beiden Töchtern am Chiemsee, wo sie auch ihre Praxis hat. Der Förster ist tatsächlich Förster; er wohnt zwar nicht im Silberwald, aber am Waldrand in Österreich.

"Alle 11 Minuten verliebt sich ..."? ÄH, NEIN!

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