„Als Frau wird man blöd angeguckt, wenn man alleine klarkommt“

BRIGITTE.de-Leserin Angela Gutschmidt hat es satt, misstrauische Blicke zu ernten, weil sie (fast) alles alleine kann. 

Angela Gutschmidt unterrichtet Englisch und Geographie an einem Gymnasium in München. Wenn sie nicht reist oder Berge besteigt, macht sie das, was sie am besten kann: zuschauen und zuhören und etwas Neues daraus machen. Auf ihrem  Blog www.textesatt.blogspot.de berichtet sie über ihre Erlebnisse auf Reisen, in den Bergen und in der Schule. Sie ist Autorin des Romans "Bergsteigertod".

"Total autark, die Frau!" - als ich diesen Satz hörte, war ich Anfang 20 und es ging weniger um Autarkie als ums Geldsparen. Geld für den Friseur wollte ich als Studentin nicht ausgeben, also hatte ich selbst zur Schere gegriffen. Nicht, dass das Ergebnis der Hit gewesen wäre, aber damals war ich noch bereit für Experimente und gab mein Geld lieber an langen Abenden mit Freunden in der Kneipe aus.

Auf die Anerkennung, die der Sprecher damals ausdrückte, war ich stolz. Allerdings war mir damals noch nicht klar, dass es gar nicht so schlau ist, viel alleine zu können.

Selbstständige Frauen machen sich verdächtig

Bereit, die Welt zu entdecken und Neues zu lernen, achtete ich nicht weiter darauf, dass ich mit jeder Fähigkeit, die ich dazu lernte, selbstständiger wurde. Und verdächtiger. Verdächtig nämlich, dass ich womöglich gar keinen Mann und keine Freunde brauchte. Schließlich machte ich ja alles allein.

Dabei war das gar nicht so geplant. Dass ich mit 21 Jahren allein in Indien war, lag nicht daran, dass ich unbedingt herausfinden wollte, ob ich auch alleine wieder nach Hause finde, sondern daran, dass meine Freundin es sich kurzfristig anders überlegt hatte. Klar, ich hätte Zuhause bleiben können, aber wer weiß, ob ich Indien dann je gesehen hätte.

Als ich meine erste Wohnung bezog, hielt ich es für selbstverständlich, dass mir mein Freund beim Streichen hilft. Hat er auch. Jedenfalls solange, bis er sich einen Kratzer an der Ferse zuzog und jammerte, bis ich ihn nach Hause schickte. "Ist ja toll geworden!", sagte er, als er das nächste Mal zu mir kam. Auf meine selbst gestrichene Wohnung war ich in der Tat stolz, auf meinen Freund weniger.

 „Du schaffst das schon“

Bat ich in späteren Jahren um Hilfe, wenn eine Renovierung anstand, entschuldigten sich die einen mit Arbeit, die anderen hatten was am Rücken. Einig jedoch waren sie sich in einem: "Du schaffst das schon, du bist ja eine starke Frau!"

Ähnlich ging es mir, als zehn Pakete bleischweres Parkett vor meiner Haustür lagen und darauf warteten, in meine Wohnung im zweiten Stock getragen zu werden. In meinem Freundeskreis - alles Kletterer mit breitem Kreuz - fand sich kein einziger, der Zeit hatte, mir zehn Minuten lang beim Tragen zu helfen. Der Fels rief zu laut. Also habe ich eine halbe Stunde allein geschleppt und danach drei Tage lang meinen Muskelkater gepflegt.

Der unausgesprochene Vorwurf: Emanze!

Sonja, Kerstin und Thomas boten begeistert an, mir beim Ausbau meines VW-Busses zu helfen. Aber als der Termin kam, musste Kerstin einen dringenden Auftrag bearbeiten und Sonja war im Urlaub. Thomas, der mit Werkzeugkasten und Bohrmaschine anrückte, verabschiedete sich nach einer Stunde blass und mit laufender Nase.

Die ersten Bretter waren schon zugesägt und das Material eingekauft, also habe ich unter den amüsierten Blicken der Nachbarn eine Woche lang allein vor mich hin gewerkelt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, aber bis heute ernte ich misstrauische Blicke, wenn ich sage, dass ich das selbst gemacht habe. Zwar ist das Wort Emanze aus dem Sprachgebrauch gefallen, aber dass es weiterhin gedacht wird, wird mir in diesen Situationen bewusst.

Auch die Einsamkeit Islands konnte ich so richtig auskosten, weil die einen nur mit Partner in den Urlaub fahren, es den nächsten zu kalt ist und den übernächsten zu weit weg. Die Interessenten aus der Reisepartnerbörse suchen zwar selbstständige Reisepartnerinnen, aber bitte zehn Jahre jünger und betttauglich. Sinn für Abenteuer hatte ich schon immer und die Welt kommt nicht ins Wohnzimmer, also bin ich alleine losgezogen. Nicht, ohne an manchen Tagen vor Einsamkeit fast zu sterben. Der Blick auf die kahlen Weiten Islands bei Nieselregen ist zwar faszinierend, gesellig ist er nicht.

Natürlich könnte ich auch warten, bis jemand Zeit hat - das Parkett vor der Haustür liegen lassen, den Busausbau verschieben und einfach Zuhause zu bleiben, anstatt in den Urlaub zu fahren. Vielleicht gibt es auch einen besonderen Augenaufschlag, der meinen Anliegen mehr Dringlichkeit verleihen würde oder ein unduldsamer Befehlston - beides liegt mir nicht, dazu bin ich dann doch zu selbstständig. Und es ist ja nicht so, dass ich völlig frustriert bin, weil ich Dinge allein erledige oder allein verreise.

Aus "total autark" ist "viel zu autark" geworden

Was mich richtig ärgert, sind die Blicke meiner Mitmenschen. Diese Mischung aus Anerkennung und Misstrauen. Aus "total autark" ist "viel zu autark" geworden, obwohl mir heute eine gute Friseurin die Haare schneidet, ich einen super Maler kenne und auch schon die eine oder andere organisierte Reise gemacht habe, um nicht allein unterwegs zu sein.

Laut zu sagen, dass ich in meinem Leben offenbar niemanden brauche, trauen sich nur ganz wenige. Sie tun gut daran, denn sonst liefen sie Gefahr, sofort von mir eingespannt zu werden.

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