"Als mein Mann starb, fühlte ich mich befreit"

BRIGITTE.de-Leserin Martine* (44) wollte gerade aus ihrer Beziehung ausbrechen, als ihr Mann an Krebs erkrankte. Sie blieb bis zu seinem Tod.   

Er trug mich auf Händen, machte mir große Geschenke

Ich war gerade erst 19, als ich ihm das erste Mal begegnete. Ich lebte nicht mehr bei meinen Eltern und arbeitete neben der Schule in einem Call-Center. Er saß neben mir und wir freundeten uns an.

Sehr früh gab er mir zu verstehen, dass ich ihm gefalle. Ich dagegen tat mich ein wenig schwer, er war ja schon zwölf Jahre älter als ich. Aber er war unermüdlich darin, mir kleine Geschenke zu machen, Briefchen zu schreiben und immer wieder neue Komplimente auszusprechen.

Den Höhepunkt gab es an einem Nikolaustag: Morgens früh stand ein sehr großes Geschenk vor meiner Wohnungstür – drumherum glitzerte es auf dem Boden.

Im nächsten Jahr dann, zu meinem Geburtstag, schenkte er mir einen Gutschein für eine Reise nach Paris. Paris war damals die Stadt meiner Sehnsucht, Frankreich das Land meiner Träume. Diesen Gutschein hat er mich jedoch nie einlösen lassen.

Selbst als Mutter durfte ich nichts entscheiden

Einige Monate später waren wir ein Paar, aber wir redeten niemals über Gefühle. In den ersten Wochen war ich sehr verliebt und wollte ihm meine Zuneigung zeigen, indem ich ihm eine Liebeserklärung auf Papier machte. Diese nahm er aber nicht an, im Gegenteil, er guckte mich an und sagte: „Nein, das glaube ich dir nicht - das tust du nicht.“ Ich fühlte mich schlecht und schämte mich. Ich habe nie wieder einen Anlauf genommen, ihm so etwas zu sagen oder zu schreiben.

Da es kostengünstiger war, zogen wir bald zusammen und ich wurde schwanger. Das Kondom war geplatzt. Ich erinnere mich daran, dass es eher danach aussah, als sei es absichtlich aufgeschnitten worden – ich verlor aber nie ein Wort darüber.

Nun war ich 20 Jahre alt, hatte keine Ausbildung und war schwanger. Bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich dieses Kind möchte, wurde mir die Entscheidung einfach abgenommen. Seine ganze Familie ignorierte mich, meine Meinung, Ängste und Gedanken. Auch später wurde meine Sicht der Dinge regelmäßig übergangen. Wichtige Entscheidungen bezüglich des Kindes wie die Wahl der Kita oder der Schule wurden von ihm und seinen Eltern getroffen.

Ich musste für unseren Lebensunterhalt allein aufkommen

Er hatte niemals vor, für den Lebensunterhalt unserer kleinen Familie zu sorgen, das wurde meine Aufgabe. Er wollte sich um Kind und Haushalt kümmern, hatte jedoch ein anderes Verhältnis zur Ordnung als ich – so war Chaos in der Wohnung an der Tagesordnung.

Mir war es wichtig, trotz allem eine Ausbildung zu machen. Bei der Wahl achtete ich auf ein gutes Ausbildungsgehalt wegen der Lebenshaltungskosten, nebenbei jobbte ich als Kellnerin. Ich machte meine Ausbildung in der öffentlichen Verwaltung und wurde Beamtin – eine Vernunftentscheidung.

Er häufte in meinem Namen Schulden an  

Er gab vor, sich auch um die Finanzen kümmern zu wollen und eröffnete in meinem Namen Konten, Kreditkarten, schloss Verträge ab und machte Bestellungen. Er beantragte bei der Bank einen Dispositionskredit auf meinen Namen und ließ diesen immer weiter erhöhen. Manchmal unterschrieb er sogar mit meinem Namen und niemand hinterfragte es – und ich habe es zugelassen. Ich fühlte mich am Ende des Tages oft zu müde, um mich auf eine Diskussion einzulassen, die sowieso nichts ändern würde.

Ich hingegen musste mich jedes Mal rechtfertigen, wenn ich 10 Euro für den Tag mitnehmen wollte, um mir ein Brötchen, eine Zeitung und ein Mittagessen zu kaufen. Irgendwann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür, und manchmal wusste ich nicht, wie ich zur Arbeit fahren sollte, da das Geld nicht mal mehr für Benzin reichte.

Das war die Zeit, in der ich versuchte, auszubrechen, aber ich hing zu tief in diesem Leben drin und die Schulden waren zu hoch, um ein eigenes Leben zu beginnen. Außerdem war ich immer auf der Hut, dass diese Situation niemals publik wird. Niemand durfte davon erfahren.

Ich begann, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen

Also begann mein ganz persönlicher Kampf. Ich entzog ihm alle Vollmachten und begann, die Finanzen zu sortieren. Ich ging in den Dialog mit den Gläubigern. Es wurde ein langer Weg. Die Einnahmen mussten erhöht werden, also begann ich neben meiner Arbeit ein VWL-Studium, danach ergab sich die Möglichkeit, ein weiteres Studium unter Beibehaltung meines Gehaltes zu beginnen. Mir erschien dieser Weg sicherer, als die Beamtenlaufbahn zu verlassen.

Als ich schließlich mehr verdiente, begann meine Erholungsphase, der Druck ließ nach. Die Schulden waren in den letzten zehn Jahren stetig abgebaut worden.

Nun endlich war ich in der Lage, meinen Abgang aus dieser Ehe zu planen. Doch das Schicksal meinte es anders mit mir, er bekam seine Diagnose: schwarzer Hautkrebs.

Sein Tod befreite mich 

Ich fühlte mich moralisch dazu verpflichtet, bei ihm zu bleiben. Er hatte keine Krankenversicherung und auch sonst hat er sich um nichts gekümmert. Er verließ sich ganz auf mich – ich fuhr ihn von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie.

"Als mein Mann starb, fühlte ich mich befreit"

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Manche Medikamente waren sehr teuer, aber lebensnotwendig für ihn, also versuchte ich, ihm diese Medikamente zu besorgen. Er bekam eine Hirn-Metastase nach der anderen, manchmal mehrere auf einmal, die entfernt werden konnten. Doch am Ende war er nicht mehr therapierbar.

Im Juli 2018 ist er verstorben.

Ich war traurig, aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, wieder frei atmen und regenerieren zu können. Ich bin 44 Jahre alt und habe 23 Jahre meines Lebens mit ihm verbracht. Heute weiß ich: Ich hätte gleich zu Beginn meinen Gefühlen vertrauen und die Beziehung beenden sollen.

*Name ist der Redaktion bekannt

Die Autorin: Martine, diplomierte Volks- und Finanzwirtin, wurde in Hamburg geboren und ist die Tochter koreanischer Einwanderer. Sie ist verwitwet und hat eine erwachsene Tochter.

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