"Die Demenz meiner Oma ist eine Herausforderung für die ganze Familie"

Die Oma von Jenny Donoghues ist eine starke Frau, die das Leben in hohen Hacken und mit Würde meistert. Bis die Demenz zuschlägt.

Jenny Charlotte Donoghue, 32 Jahre alt, ist gebürtige Hamburgerin mit irischen Wurzeln. Neben Mode und Reisen gilt das Schreiben als ihre größte Leidenschaft; jeden Geburtstag eines geliebsten Menschens nehmt sie als Anlass, um etwas Kreatives zu Papier zu bringen.

Jenny Charlotte Donoghue, 32 Jahre alt, ist gebürtige Hamburgerin mit irischen Wurzeln. Neben Mode und Reisen gilt das Schreiben als ihre größte Leidenschaft; jeden Geburtstag eines geliebsten Menschens nehmt sie als Anlass, um etwas Kreatives zu Papier zu bringen.

Der Tag, an dem der Anruf kam, der unser auf den Kopf stellen sollte, war der 24. Dezember. Statt vor dem Kachelofen zu sitzen und bei flackernden Kerzen dem Weihnachtsoratorium zu lauschen, verbrachten wir den Heiligen Abend damit, meine Oma mit sanften Worten und Beschwichtigungen davon abzuhalten, das Behandlungszimmer eines Hamburger Krankenhauses in seine Einzelteile zu zerlegen.

"Die Krankenschwestern haben mir meine Goldringe geklaut, als ich anästhesiert wurde! Und meinen Chanel-Lippenstift!"

Bald stellte sich heraus, dass bei dem damaligen Sturz mit zwei schweren Einkaufstüten nicht nur ihr Handgelenk gebrochen wurde, sondern auch mein bis dahin fester Glaube, eine intakte Familie könne nichts erschüttern - solange man bloß zusammenhält.

Meine Oma, über die ich hier schreibe, ist eine der einzigartigsten Frauen, die mich in meinem Leben begleitet haben. Eine schöne und kokette Charme-Offensive auf zwei langen Beinen, die Tag für Tag mit drei kleinen Kindern an der Hand durch das zerbombte Hamburg der Fünfzigerjahre spazierte - auf hohen Hacken und mit rot lackierten Fingernägeln, denn für Eitelkeit war auch in der kleinsten ihrer Hütten Platz.

Sie war immer so stark und stolz

Stark war sie. Und stolz! So stark und stolz, dass sie sich noch im hohen Alter von meinem Großvater scheiden ließ, weil sie seine Seitensprünge nicht länger tolerieren wollte. Eine Entscheidung, die für Frauen der Kriegsgeneration als ungewöhnlich, wenn nicht sogar als radikal galt. Für den Schritt aus der finanziellen Sicherheit zugunsten ihrer Würde bewundere ich sie bis heute.

Ihre Nägel sind auch jetzt noch feuerrot lackiert, und ohne den geliebten Chanel-Lippenstift verlässt sie auch mit 87 Jahren nie das Haus. Alles andere jedoch erinnert nicht mehr im Entferntesten an die lebenshungrige Kämpfernatur von damals. Wie aus einem anderen Leben. Dem Leben vor der .

In diesen Tagen ist der Küchenboden ihrer Wohnung mit Butter vollgeschmiert; Kaffeesatz liegt auf dem ganzen Tisch verteilt. Angebrochene Tablettenpackungen gegen dieVergesslichkeit und Depressionen stapeln sich neben faulenden Bananen. Omis Blick ist trüb, das Gehör quasi verschwunden. In dem einst perfekt sitzenden Ensemble aus Kaschmirpulli und Bundfaltenhose scheint sie förmlich zu verschwinden.

Verzweiflung und Weinkrämpfe

Bis letzte Woche kam mein Vater noch regelmäßig vorbei, um den Wohnungsputz zu erledigen, Wäsche zu waschen und ihr ein warmes Essen zu bereiten. Bei seinem letzten Besuch wurde er dann höflich und mitfühlend von der Polizei aufgefordert, die Wohnung seiner Schwiegermutter zu verlassen - sie hatte ihn unter wilden Beschimpfungen bezichtigt, ihr Sparbuch entwendet zu haben, und Anzeige erstattet. Nach 40 Jahren enger familiärer Verbundenheit ein irrsinniger Schock: den fassungslosen und zutiefst verletzten Gesichtsausdruck meines Vaters werde ich niemals vergessen.

Vergessen hat meine Oma derweil nicht nur diesen unschönen Vorfall, sondern auch, wo sie ihre Scheckkarten versteckt hat - aus Angst, ein weiteres Familienmitglied könne sich an ihr bereichern. Verzweifelt und unter Weinkrämpfen ruft sie dann meist meine Mutter an, die aber natürlich ebenso, je nach Tagesform, eine potenzielle Verdächtige darstellt, und beklagt den Verlust ihres Geldes. Nur um eine halbe Stunde später am Weinstand des Einkaufszentrums aufgespürt zu werden: beschwipst und mit druckfrisch gezogenen Hundertern aus dem Bankautomaten.

Steht ein Arztbesuch an, "verschwindet" kurz vorher auf wundersame Weise auch Omas Versichertenkarte. Das Versteck hinter dem Eisschrank haben wir allerdings recht schnell entdeckt. Und es ist wirklich nicht so, als stünden ärztliche Untersuchungen weit oben auf unserer Lieblingsliste der gemeinsamen Unternehmungen. Den letzten behandelnden Neurologen griff Oma tätlich an bei seinem Versuch, ihr Gebiss für eine notwendige Kernspintomographie entfernen zu wollen. Zu fortgeschritten ist mittlerweile ihre Paranoia, man wolle ihr Böses antun. So werden die Menschen, die ihr in Wirklichkeit am nächsten stehen und sich voller Liebe kümmern, mit voller Wucht von ihrem blinden Zorn getroffen und den absurdesten Vorwürfen ausgesetzt.

Als ich sie Tage später mit mulmigem Gefühl für ein Mittagessen ins nahegelegene Restaurant abholen will, ist ihre Haustür mit einem Stuhl unter der Türklinke versperrt.

Wir genießen das Jetzt und Hier, ohne an morgen zu denken

Mir klingen noch die erpresserischen Worte unseres letzten Telefonats im Ohr: "Wenn ihr mich ins Heim steckt, bring' ich mich um!"

Hektisch klingele ich und klopfe an Fenster und Türen. Falscher Alarm! Omi zeigt sich freudig überrascht über meinen Besuch und schlägt sich kurze Zeit später mit großem Appetit den Bauch im Steakhouse voll. Sogar den obligatorischen Schnaps danach fordert sie mit roten Wangen ein. Freudestrahlend und satt legt sie meine Hand in ihre: "Ach meine Kleine! Das war ein herrlicher Nachmittag! Ich weiß, ich höre schlecht und bin in letzter Zeit ganz schön tüddelig geworden. Ich kann dir sagen: Älterwerden ist nichts für Feiglinge!"

Ich bejahe seufzend und empfinde trotz aller Tragik wieder so etwas wie einen Funken Bewunderung für sie: Die immer seltener werdenden schönen Momente völlig im Hier und Jetzt genießen zu können, ohne an ein Gestern oder Morgen zu denken. 

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