„Gut, dass sie uns damit nicht belästigt hat“: Was man alles zu hören bekommt, wenn man Krebs hat

BRIGITTE.de-Leserin Nella (53) hat den Krebs besiegt. Was bleibt, sind unter anderem die Erinnerungen an die oft unsensiblen Kommentare der Mitmenschen.  

"Na, hamm'se Krebs?"

Es ist ein warmer Tag im Mai 2019, die Menschen sind gut drauf – selbst in Berlin. Mich hat es auf der Suche nach einem Sommeroberteil in eine Boutique verschlagen, die in den nächsten Tagen schließen wird. Kurz: Ich fröne der Deutschen liebstem Hobby, der Schnäppchenjagd.

Während ich ein „Beutestück“ – ein schickes T-Shirt mit einem raffinierten Ausschnitt – in meinen Händen halte und mich in der Umkleidekabine entblättere, sieht die Verkäuferin mein dickes Pflaster, dort wo einmal der Port lag. „Na, hamm'se Krebs?“

Ich bin völlig perplex, mal wieder. Feinfühligkeit Fehlanzeige. Eigentlich sogar noch schlimmer, klang die Bemerkung doch wie ein Triumpfgeheul in meinen Ohren. So in der Art: „Ich weiß Bescheid! Mir können Sie nichts vormachen. Ich hab´s nicht.“ Ätzend.

Meine Verdutztheit ausnutzend, legte sie gleich nach: „Meine Schwester hat das auch. Kommt gar nicht damit klar.“ Kurze Pause. Dann: „Die Hannelore Elsner hat das schon richtig gemacht. Tolle Frau. Niemandem hat sie von ihrer Erkrankung erzählt.“ Und als wäre das nicht genug, schiebt sie hinterher: „Gut, dass sie uns damit nicht belästigt hat!“

Mir steht der Mund offen und ich verlasse eilig den Laden. „Na, dann will ich Sie mal nicht weiter mit meinem Einkauf belästigen. Das kommt Ihnen doch sicher entgegen.“ Aus dem Augenwinkel konnte ich noch sehen, wie jetzt ihre Kinnlade nach unten fiel. Wham, das hatte gesessen und gleichzeitig war diese Begegnung der Startschuss für meinen Blog Zellenkarussell.

„Das dauert etwas länger“, hieß es damals in der Notaufnahme

Begonnen hatte das „Na, hamm´se Krebs?“ Ende 2015 mit dem Satz des Arztes in der Notaufnahme, in die ich nach einem körperlichen Zusammenbruch mit letzter Kraft kroch: „Wir behalten Sie erst mal hier. Das dauert etwas länger.“

Diese Sätze hallen heute noch nach. Denn natürlich dachte ich, „länger“ bedeutet ein bis zwei Tage, vielleicht eine Woche. Wo liegt die Vitaminspritze, die er mir gleich gibt? Dass daraus bald vier Jahre wurden, hatte niemand geahnt. Denn eigentlich – als dann die Diagnose „Lymphom“, also der Krebserkrankung des blutbildenden Systems, erst einmal gestellt war – gingen alle davon aus, dass ich nach spätestens einem Jahr wieder „auf der Piste“ sein konnte.

Es ging ums nackte Überleben

Neun Chemo-Runden, eine Immuntherapie, eine Fremdstammzelltransplantation und eine Bestrahlungsrunde später war klar: Es ging nicht darum, wann ich wieder beruflich hätte einsteigen können, es ging ums nackte Überleben.

55 Kilo bei 1,82 Meter Größe sprechen eine eindeutige Sprache. „Therapieversagen“, „ab jetzt palliativ weiterbehandeln“, „Chance von 10 Prozent“ – so richtig klar wird mir erst jetzt, wie knapp ich am Abgrund stand.

Meine wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit: Gebt euch niemals auf – niemals! Das ist eure einzige Waffe.

Aber alles das ist inzwischen überstanden, und ich beginne ganz langsam wieder, meine Grundfitness aufzubauen. Oder anders gesagt: Ich bin wieder da! Und das habe ich – neben meinem Stammzellspender, der damals übrigens 18 Jahre alt war – so vielen Menschen zu verdanken.

Und natürlich nicht zu vergessen, mir selbst. Meiner Kraft und meiner Unerschütterlichkeit. Selbst an den schlimmsten Tagen habe ich mich nicht aufgegeben, obwohl dies manches Mal leichter gewesen wäre. Außerdem hatte ich das große Glück, auf genau die richtigen Ärzte zu treffen.

Der Krebs ist besiegt, aber das Thema bleibt

Meine Freundinnen haben mich immer gedrängt, doch mal aufzuschreiben, was ich alles erlebt habe. Aber ich habe es immer abgewehrt: „Nee, dann dreht sich ja alles nur um die Krankheit, um den Krebs.“ Aber sie beschäftigen mich ja immer noch – diese Geschichten wie etwa die mit dieser grauenhaften „Na, hamm´se Krebs?“-Frau. Und schon erstellte ich eine Typologie derer, die es „nur gut mit einem meinen“:  

Im Grunde gibt es drei Gruppen von Menschen, ihr kennt sie alle:

Erstens: Die Gedankenlosen, die munter drauflos plappern und gar nicht merken, was sie damit anrichten. Diese Spezies listet gerne alle Fälle aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis auf, die es wahlweise geschafft haben – oder eben leider nicht. Upsi! Lieblingssatz: „Die beste Freundin der Friseurin meiner Schwägerin ist letztens daran gestorben.“ Gern genommen wird auch „Die Krankheit hat euch als Familie sicher noch stärker zusammenwachsen lassen.“ Danke!

Zweitens: Die Gutmeinenden, die immer einen Allgemeinplatz auf den Lippen haben, gerne kombiniert mit einem guten Rat („Ich kenne da eine ganz tolle Homöopathin“, „Misteltherapie soll ja das Mittel überhaupt sein“ oder „Hast du schon das Buch über den Einfluss von Zucker auf Krebs gelesen?“, „Mach dich mal mit Meditationstechniken vertraut – mir hat das in der Schwangerschaft sehr geholfen“). Ich habe immer überlegt, wo die alle ihre Weisheiten hernehmen?

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Drittens: Die Selbstgerechten und Arroganten, die glauben, einem sagen zu können, wie es in einem aussieht, man selbst ist ja zu blöd. Schließlich muss man sich ja nur etwas Mühe geben, dann klappt das schon mit dem Besiegen der Krankheit. Außerdem denken diese Menschen, man habe es ja auch irgendwie selbst verschuldet: zu viel geraucht (nein), zu wenig Sport gemacht (nein), schlecht ernährt (nein), seine Leistungsgrenze nicht erkannt (ja) oder man ist eben einfach nicht belastbar (nein). Diese Gruppe ist besonders perfide, denn diese Menschen treten noch mal drauf, wenn du am Boden liegst. Sie sind gesund, sie haben alles richtig gemacht. Du aber nicht. Klar.

Wie man es anders, einfühlsam und besser macht, darum geht es in meinen Blog Zellenkarussell. Und ich möchte aufzeigen, wie man besser durch diese extrem fordernde Zeit kommt. Dem Leben mit der Krankheit etwas Leichtigkeit und Würde zu verleihen, das ist mein Ziel.

Die Autorin: Nella Rausch (das ist ihr Blog-Pseudonym) lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern (30 Jahre, 17 und 13 Jahre alt) in Berlin. 

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