"Ich bin HIV-positiv - und das macht es mit meinem Leben"

Julia* ist HIV-positiv. Hier schildert sie, wie sie diskriminiert wird, wie sie sich versteckt - und wie sie trotzdem die Liebe findet.

Mein Name ist Julia. Nicht.
Ich bin 25 Jahre alt. Nicht.
Ich bin HIV-positiv.

Ich bin blond, brünett, groß, klein, habe blaue, grüne, braune Augen, habe lange, kurze, lockige, glatte Haare, Piercings, Tattoos, trage Highheels, Laufschuhe, Miniröcke, Wanderhosen, Blusen, Sweatshirts, Ballkleider, Tarnanzug. Ich bin Anwältin, Busfahrerin, Ärztin, Designerin, Verkäuferin ...

Ich kann jede sein.

Denn es gibt viele da draußen, die es von sich nicht wissen. Wann hast DU deinen letzten Test gemacht?

Es war eine Routineuntersuchung

Es war eine reine Routineuntersuchung gewesen, bei der ich gefragt wurde, ob ich den HIV-Test mitmachen lassen möchte. Ich sagte nur: Klar, warum nicht. Schadet nicht, aktuell negativ zu sein. Damals lachten wir noch.

Ich wurde zur zweiten Blutentnahme gebeten. Als medizinische Angestellte waren mir viele Gründe bekannt, die zu einer neuerlichen Blutentnahme führen. Unter anderem fehlerhafter , fehlerhafte Lagerung, ungenügende Blutmenge, oder eben auch ein Ergebnis, das bestätigt werden muss. Ein positives HIV-Ergebnis muss vor der Bekanntgabe in einem zweiten Test bestätigt werden. Dabei wird dann auch die Virus-Last bestimmt. Das ist die Anzahl der Virus-Kopien pro Milliliter Blutplasma.

Meine Welt brach über mir zusammen

Um 15.30 Uhr, am 28.09.2015, brach meine Welt komplett zusammen. Bis dahin hatte ich immer wieder Tests machen lassen. Alle paar Jahre. Ich war gelegentliche Blutspenderin. Auch hier wurde der Test regelmäßig gemacht.

Mit neuen Bekanntschaften passte ich immer auf.

In meinem Job komme ich oft mit potenziell infektiösem Material in Kontakt. Doch ich trug immer Handschuhe. Aber hatte ich sie mal vergessen? Etwas nicht ausreichend desinfiziert? Mich unachtsam und unbemerkt gestochen oder geschnitten? Ich hatte eine OP. Ob da jemand einen Fehler gemacht hat? Ich hatte mich piercen lassen. Aber das Studio arbeitete ja sauberer als so manche Arztpraxis. Oder nicht?

Der Weg nach Hause war furchtbar beschwerlich. Nur wenige Tage später begann ich mit der Therapie.

Ich nehme nun jeden Morgen meine Medikamente. Das werde ich bis zum Ende meines Lebens tun. Das nicht von der Krankheit, die das Virus auslösen kann, beendet werden wird. Denn meine Virus-Last ist längst unter der Nachweisgrenze <20 Kopien/ml. Meine CD4-Zellzahl liegt wieder bei über 600. Damit bin ich mit meinen Medikamenten gut eingestellt, nicht infektiös und gesund.

Dennoch ist mein Leben ganz anders.

Der Freundeskreis schrumpfte schnell

Jeder Tag beginnt mit der Einnahme von drei Tabletten, die gefühlt die Größe eines U-Boots haben. Jeder Schnitt und jede kleine Verletzung wird gleich desinfiziert und gepflastert. Ich bin nicht infektiös. Aber auch nicht verantwortungslos.

Ich informierte meinen letzten Partner, der auch gleich den Test machen ließ. Er ist negativ. Und immer noch mein bester Freund. Einer der letzten.

Mein damals aktueller Partner hat sich nach seinem Test von mir abgewendet. Er hatte Angst, wollte sich nicht damit auseinandersetzen, nicht mit mir reden, auch nicht mit meinen behandelnden Ärzten und Betreuern. Er hat es ignoriert, hat mich ignoriert und ist gegangen. Meine damals beste Freundin wurde immer seltener. Der Freundeskreis reduzierte sich schnell. Die übliche Depression begann.

Wem sage ich es? Und wann?

Ich habe mich gefragt, wie das Zusammensein mit einem Mann funktionieren soll. Wann sollte man sowas verraten? Und wie sicher kann ich dann auch sein, dass es geheim bleibt? Und was ist mit meiner Familie? Wie sag ich es meiner Mutter? Sag ich es meinem Vater?

Nach einem halben Jahr erst verriet ich es zuallererst meiner Schwester. Ich musste dabei lachen. Dieser Satz klang so unwirklich. Andererseits war es endlich raus. Ich konnte mich ein wenig von dieser geheimen Last befreien. Ich fühlte mich berauscht von dieser Freiheit. Und dennoch schuldig, meiner Schwester ein solches Geheimnis anzuvertrauen, mit dem sie gar nichts anfangen konnte. Sie fragte mich aus, ich antwortete auf jede Frage.

Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr infektiös. Dennoch hatte ich heimlich Angst, sie würde mich nicht mehr so gern in der Nähe ihres Sohnes sehen wollen. Glücklicherweise unbegründet.

Ein weiteres halbes Jahr später verriet ich es meiner Mutter. Auch sie reagierte schockiert.

Wir alle glauben, diese Infektion wäre von uns allen so weit entfernt, würde uns nie etwas angehen. Es trifft die anderen. Niemals uns.

Wer würde jetzt noch mit mir zusammen sein wollen?

Und wie ist es denn nun mit einer Beziehung? Wer würde mich genug lieben, um  trotz dieser Infektion mit mir zusammen sein zu wollen? Sag ich es beim ersten Date? Ersten Kuss? Ersten Mal? Gar nicht? Nach drei Monaten? Nachdem er sich unsterblich in mich verliebt hat? Noch bevor er mir vertrauen will?

Es gibt Tinder, Lovoo, Badoo, LoveScout, und viele mehr. Es gibt Dating Apps für Fetischliebende und Homosexuelle. Auch eine für HIV-Infizierte. Aber auch hier gilt es, sich zu outen. Ein Bild ist immer gewünscht. Aber sind da wirklich alle wie ich? Was ist, wenn mich jemand erkennt? Ich schaffte es nicht einmal, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen.

Ich entschied mich, es nicht zu verraten. Meine Dates waren lecker, sportlich, süffig, einmalig, und auch befriedigend. Wichtig ist der Schutz. Ohne Kondom läuft nichts. Wie eigentlich schon immer. Da hatte ich nichts geändert.

Dann traf ich Romeo

Dann traf ich Romeo. So heißt er nicht.
Er ist 27. Nicht.
Er ist HIV-negativ.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Beim zweiten Date entschied ich mich für die Wahrheit. Es war auf einem Parkplatz in der Stadt. In der Nähe einer U-Bahn. Ich hatte ihn gebeten, noch nicht loszufahren.

„Ich bin rechtlich nicht verpflichtet, es dir zu sagen. Aber es ist fair, dir rechtzeitig die Möglichkeit zu geben, zu gehen. Wenn du willst, steige ich danach aus und steige in die U-Bahn um. Du musst mich dann nicht mehr wiedersehen. Ich bin HIV-positiv.“

Schweigen.

„Ich bin unter der Nachweisgrenze und damit gelte ich als nicht ansteckend.“

Schweigen.

Ich weinte und hatte schreckliche Angst.

Er nahm meine Hand und sah mir ins Gesicht. „Du kannst jetzt gehen.“ Die Tränen brannten sich in mein Gesicht. Ich drehte mich um und öffnete die Autotür. Da fiel mir erst auf, dass er mich noch gar nicht losgelassen hatte.
„Lass mich ausreden. Du kannst jetzt gehen ... den weiteren Weg mit mir.“ Mir wurde schwindelig und ich wusste nicht, ob ich deswegen oder wegen der Tränen, die plötzlich meine Augen überfluteten, nichts mehr sehen konnte.

Romeo hat nun auch einen Test gemacht. Er ist negativ. Wie erwartet. Er begleitet mich zu meinen Kontrolluntersuchungen und informiert sich. Er hatte mich alles Mögliche gefragt, mit mir über alle seine Ängste gesprochen. Wir führen eine serodifferente Beziehung (so nennt man Beziehungen, in denen ein Partner HIV-positiv ist und der andere HIV-negativ). Zum Unverständnis vieler.

Wir Infizierten verstecken uns

Wir Infizierten verstecken uns. Fühlen uns dazu gezwungen. Zahnärzte lehnen eine Behandlung ab, Allgemeinärzte halten uns für drogenabhängig und dichten uns gleich weitere Infektionen an: Hepatitis C, Syphillis. Dabei wünscht man sich gerade bei Ärzten, gut aufgehoben zu sein.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten Romeo und ich einen Unfall. Als ich auf der Straße liegend über meine Medikation ausgefragt wurde und ich die antiretrovirale Therapie erwähnte, brüllte der Arzt über die Dorfstraße meine Infektion heraus. Nur die Rettungsassistenten schüttelten darüber den Kopf.

Anschließend fragte er mich, ob mein Freund - der mit Brüchen neben mir lag - auch positiv ist. Ich verneinte. Zweifelnd blickte er mich streng an: „Ist das sicher?!“ Ich blickte mit letzter Kraft, während das Schmerzmittel zu wirken begann, wütend in seine Augen:“Ja! Er ist negativ!“

In der Notaufnahme wurde ich gut behandelt. Das Notfallpersonal war fair und neutral. Ich hatte kein schlechtes Gefühl, dass alle Anwesenden es wussten. Bis der aufnehmende Stationsarzt begann, mich auszufragen.

Für den Arzt war ich ein Junkie, eine Schlampe

„Hepatitis B und C?“ Ich lag im Bett und wusste nicht mal, wer woher mit mir redet. Das Schmerzmittel wirkte noch nach. Ich verstand die Frage nicht. „Welche Drogen konsumieren Sie?“ Wieder diese Frage aus dem Nirgendwo.

Dieser Arzt hatte sich mir weder gezeigt, noch hatte er sich vorgestellt. Dafür hatte er schon ein Bild von mir. Ich war für ihn schon ein Junkie und eine Schlampe.

„Wie haben Sie sich den Scheiß denn geholt?“ Im Aufnahmebogen stand dann „angeblich unter Nachweisgrenze“; Erstdiagnose war HIV, nicht Schleudertrauma nach Verkehrsunfall oder schwere Prellungen.

Da die Betten knapp waren, kamen Romeo und ich in ein gemeinsames Zimmer. Das Pflegepersonal der Unfallstation war großartig. Keine der Schwestern oder Pfleger rümpfte die Nase, weil wir ein serodifferentes Paar sind.

Der damals aufnehmende Arzt begleitete auch die Visite. Sprach mit meinem Freund, stellte sich ihm vor, reichte ihm die Hand. Zu mir winkte er quer durch das Zimmer nur ab: „Wir kennen uns ja schon.“ Die komplette Woche über ignorierte er mich. Aber ich hatte auch nur ein Schleudertrauma mit Krampfanfällen. Anders Romeo. Er hatte Brüche.

Das Umfeld wird mitdiskriminiert

Was nach meiner Entlassung passierte, machte mich erst recht fassungslos. Bei einer Visite fragte der Arzt meinen Freund vor der kompletten Belegschaft, ob er denn wisse, dass ich positiv bin.

Als ich das erfuhr, kochte die Wut in mir über. Ein Arzt sollte auch sozial fair sein. Er hat nicht das Recht, mit anderen über meinen Zustand zu sprechen. Dafür gilt die ärztliche Schweigepflicht. Er hätte mit mir darüber sprechen können, wie ich damit umgehe, und ob mein Freund das weiß. Und wenn er ihn darauf ansprechen möchte, dann in meinem Beisein.

Romeo reagierte souverän. Ja, er weiß, dass ich positiv bin. Er ist negativ. Und er weiß auch sicher, dass ich unter der Nachweisgrenze bin.

Dass man als Partner eines positiven Menschen mitdiskriminiert wird, ist nicht fair. Ein Outing betrifft leider nicht nur die eigene Person. Nein, sie betrifft die gesamte Familie. Die Kinder auf dem Spielplatz oder in der Schule. Den Partner bei der Arbeit, seine Freunde.

Deshalb bleiben wir versteckt.

*Der Name ist der Redaktion bekannt. Julia ist alleinerziehende Mutter eines Teenies und arbeitet als Medizinische Fachangestellte in München. Sie liest und schreibt furchtbar gern, geht gern aus und fährt gern Straßenbahn.

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