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"Ich kann nicht ohne dich leben" Wie es ist, wenn der Ex sich wirklich umbringt

Suizid Exfreund - Andrea musste es erleben
Suizid aus Liebe? Andrea Glaß hat sich lange schuldig gefühlt 
© privat
Der Ex-Freund von BRIGITTE.de-Leserin Andrea Glaß hat sich nach der Trennung das Leben genommen. Heute weiß sie, dass das nicht ihre Schuld war und echte Liebe keine Selbstaufgabe bedeutet.

„Ich kann ohne dich nicht leben!“ ist ein gern genommener Satz in Filmen und Büchern, der als romantisches Zeugnis überbordender Liebe herhalten soll. Dabei ist das eine echt kranke Aussage. Noch heute versetzen mich diese Worte in absolute Alarmbereitschaft, denn ich habe ihre gnadenlose Konsequenz erfahren.

Meine erste große Liebe endete fatal

Ich lernte die Liebe als Teenager kennen. Da hatte ich alle Fehlprägungen über die "große Liebe" längst erfahren. Film und Fernsehen sparen ja nicht mit Liebesdramen, aber in meinem Umfeld war reale Liebe kein Thema. Meine Eltern sprachen mit mir zwar über die Gefahren von Sex, nie aber über Gefühle.

Es traf mich völlig unvorbereitet. Als mich die heftigen, aber diffusen Emotionen erfassten, gerieten Körper und Geist gleichermaßen außer Kontrolle. Meine erste große Liebe sollte mich leider nicht nur mit der glühenden Intensität des Lebens vertraut machen, sie zeigte mir auch seine Tragik und Endlichkeit.

In meiner Jugend war der Tod allgegenwärtig

Während meiner Jugend in einer brandenburgischen Kleinstadt der Neunzigerjahre war der Tod allgegenwärtig. Nie wieder sind in meiner unmittelbaren Umgebung so viele Menschen gewaltsam gestorben oder tödlich verunglückt. Nazis töteten Linke mit Baseballschlägern, zündeten Asylbewerberheime oder gleich die Menschen an. Freunde starben nachts an gnadenloser Selbstüberschätzung in viel zu schnellen Autos, perspektivlose Jugendliche bei besoffenen Badeunfällen. Einer meiner Mitschüler nahm sich wegen eines schlechten Zeugnisses und pubertätsstrauchelnder Aussichtslosigkeit mit nur 15 Jahren das Leben. Trostlos, trist und töricht erschien mir das Leben im abgehängten Osten.

Meine eigene Jugend war zudem von kompletter Überwachung geprägt. Ich kam aus einem strengen Elternhaus und durfte aus guten Gründen weder in fremde Autos einsteigen noch ausgehen. Abhängen war angesagt. Als Rebellion gegen den permanenten elterlichen Zugriff entwickelte ich erst eine Essstörung und verliebte mich zu allem Übel auch noch in M., den zwölf Jahre älteren Bruder meiner besten Freundin. Er war 27, ich 15. Meine Eltern waren schockiert und versuchten, die Kontrolle zu behalten, indem sie noch mehr Verbote aussprachen, aber gegen die erste große Liebe war einfach nichts zu machen.

Leben und Lieben auf Gedeih und Verderb

Die hilflose Strenge meiner überforderten Eltern erzeugte Streit und noch mehr Druck: Ich brach immer öfter aus und M. irgendwann in die Sparkasse ein. Er war bereits ein beschriebenes Blatt und auf Bewährung, hatte einen Sohn, den er weder sah noch anerkannte und war – na klar – arbeitslos. M. war ein großes Kind, das sich von den Eltern nie geliebt gefühlt hatte, und das seine hilflose Wut weder zähmen konnte, noch verstand.

Freunde, Party und Grenzüberschreitungen waren an der Tagesordnung. Die Liebe passte irgendwie dazwischen, war launisch, unstet und dann wieder ein für alle Mal vorbei, nur um anschließend doppelt so stark wieder aufzuflammen. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Und weil man sich im Exzess so schön spürte, eskalierten auch die Partys nicht selten. Komplett alkoholvernebelt kamen vor allem die jungen Männer auf die irrwitzigsten Ideen, um sich „die Hörner abzustoßen“. Prügeleien, Diebstähle oder Sachbeschädigungen dienten der Belustigung.

Doch eines Morgens war mit dem unerbittlichen Klingeln meines Telefons der Witz ganz plötzlich raus. Seine Schwester war dran: M. hatte einen Unfall gehabt, heulte sie ins Mobiltelefon. "Hubschrauber, Lebensgefahr" war noch zu verstehen. Kurz zuvor hatte er sich eine Motocross-Maschine gekauft und fuhr mit ebendieser, wie ich nun erfuhr, und fast drei Promille gegen einen Baum. Ohne Helm. Er hatte sich fast jeden Knochen gebrochen, ein schweres Schädeltrauma, verlor ein Auge, wurde mehrfach operiert und lag drei Monate in der Berliner Charité im Koma. Er überlebte nur knapp.

Im neuen Leben fehlte der Lebenswille

Ich war mittlerweile 17 und noch Schülerin, nahm aber in den Sommerferien fast jeden Tag die dreistündige Zugfahrt in Kauf, um ihn zu besuchen. Nach sechs Monaten und auf 56 Kilo abgemagert kam er verwirrt, aber lebendig in die Reha und realisierte erst dort, dass er entstellt war, halb blind und sein Leben, wie er es vorher kannte, vorbei.

Während ich 18 wurde und versuchte, nach seiner Entlassung langsam wieder in die Normalität zurückzufinden, zeigte sich eine neue, aber nicht minder schwere Auswirkung seines Unfalls: eine schwere Depression. Ich verstand weder die zusätzliche Erkrankung seiner Psyche, noch hatten wir ein Wort oder gar eine Diagnose dafür. Mein Abitur stand an, ich hatte Freunde und Zukunftspläne. Er saß versehrt zu Hause und verschloss sich komplett.

Ohne ihn erschien mir irgendwann alles viel leichter. Auch die Kumpels machten weiter wie bisher und ich wollte mich dieser bedrückenden Verpflichtung immer mehr entziehen. Die Trennung schob ich auf, wieder und wieder. Ich hatte zwar keine Liebe mehr für ihn, aber dafür umso mehr Mitleid. Er spürte es, schämte sich und ließ mich schließlich nach kurzer Erklärung gehen.

„Ich kann ohne Dich nicht leben!“ – diesen Satz schickte er mir einige Tage später auf mein Handy. Ich las ihn am nächsten Morgen, als mich das Telefonklingeln an einem Sonntag um sieben weckte. Eine schluchzende Stimme sagte: „M. ist tot! Er hat sich erhängt.“ Es war der Nachbar, der ihn völlig unvorbereitet im Gemeinschaftsschuppen gefunden hatte.

Schuld

Das ist jetzt 20 Jahre her, und ich habe viel Zeit mit der Frage zugebracht, wieviel Verantwortung ich für diesen Suizid trage. Seine Schwester hat mir bis heute nicht verziehen, sie gibt mir die ganze Schuld am Verlust ihres Bruders.

Sie war nicht die Einzige, die das so sah. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ein Selbstmord keine gesunde Reaktion auf eine Trennung ist, und dass seine nicht diagnostizierte und demzufolge unbehandelte Depression zu seinem Tod geführt hatte. Ich war schlichtweg zu jung und zu überfordert, um mit dieser schwerwiegenden Situation richtig umzugehen.

Wir sind leider immer noch sehr verhaftet in dem Bild, dass maximaler Schmerz auch maximale Liebe bedeutet, dass der Freitod wegen einer verlorenen Liebe ein Liebesbeweis ist, also die Selbstaufgabe zur Liebe dazugehört. Doch das ist ein falsches Bild, das verhindert, dass wir uns als freie Menschen begegnen. Denn wir bleiben eigenständig, auch wenn wir uns in Verbindlichkeiten begeben. Selbstmord aus Liebe ist krank - und er ist ganz sicher kein Liebesbeweis.

Die Autorin: Andrea Glaß gehört zu den frühen Millenials und hat nach ihrem Linguistik-Studium „irgendwas mit Medien“ gemacht. Als PR-Beraterin in Berlin feilte sie fast zehn Jahre lang am perfekten Image großer Marken, heute jedoch lieber an guten Texten. Die freie Autorin lebt und arbeitet in Potsdam.

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Wichtiger Hinweis für Betroffene: Leidest du unter Depressionen, hast du Selbstmordgedanken oder kennst du jemanden, der solche schon einmal geäußert hat? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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Brigitte

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