Schuldgefühle pur: "Ich liebe den Mann meiner besten Freundin"

BRIGITTE.de-Leserin Karla* liebt den Mann ihrer besten Freundin. Sie ist sehr glücklich mit ihm - wenn Schuldgefühle sie nicht zerfressen.

In meiner Ehe hat mir Entscheidendes gefehlt

Ein gutes Jahr ist es jetzt her, dass mein Leben eine unerwartete und dramatische Wendung genommen hat. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt und fühle mich wie die Protagonistin einer Seifenoper. Oft habe ich das Gefühl, dass ich als Geisterfahrerin auf der Autobahn unterwegs bin und mein Navi brüllt: "Bitte wenden!". Aber ich weiß nicht wie oder wo.

Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und lebe in einem Dorf. Als mein Mann und ich uns kennenlernten, war es keine Liebe auf den ersten Blick, dafür ist und war er nicht der Typ. Es gab weder Liebesbriefe noch Rosen. Aber ich habe mich geborgen und gut aufgehoben bei ihm gefühlt. Er gab mir Sicherheit, bei ihm wurde ich erwachsen. 

 Dass mir aber etwas ganz Entscheidendes fehlte, habe ich nie ausgesprochen. So wirklich bewusst ist mir das auch erst in den letzten Jahren unserer Beziehung geworden. Ich hatte ja alles ... Mann, Haus, Kinder. 

Dass ich mich abends neben meinem Mann im Bett selbst befriedigte und mich immer häufiger einsam fühlte, versuchte ich zu verdrängen. Ich zog alleine und mit Freundinnen um die Häuser und flirtete mit anderen Männern. Mein Mann blieb lieber Zuhause. 

Sternzeichen für die ewige Liebe

Immer häufiger gingen wir getrennte Wege. Ich kümmerte mich um Haushalt, Kinder, schulische Belange und meinen Job, er sorgte für das Finanzielle und baute das Haus aus. Abends trafen wir uns ab und zu auf der Couch vor dem Fernseher. Gespräche führten wir nur über die Arbeit und die Kinder.

Manchmal versuchte ich, ihm zu vermitteln, dass ich mich unwohl fühlte, allein gelassen, dass mir Liebe und ein Partner an meiner Seite fehlte, der mich als Frau und nicht nur als Haushaltshilfe sah. Er nickte jedes Mal, aber geändert hat sich nie etwas. Ich habe mich dem Schicksal ergeben, denn Jammern hilft bekanntlich nicht, und anderen Frauen geht es schließlich viel schlechter.

Die Sache hat sich verselbstständigt

Vor etwa einem Jahr hat sich dann der Kontakt zum Mann einer sehr guten Freundin intensiviert. Wir waren uns immer schon sympathisch. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wer die ersten E-Mails verfasst hat, aber es war definitiv er, der nach einer Party meine Handynummer aus dem Mobiltelefon seiner Frau "klaute". Ab diesem Zeitpunkt verselbstständigte sich die Sache irgendwie.

Zunächst schrieben wir über belangloses Zeug, doch irgendwann wurden die Nachrichten persönlicher und ich merkte, dass wir uns in vielen Dingen ähnelten. Urlaubsorte, Wünsche, Träume, Musik - oft sprach er aus, was ich selbst auch dachte.

Die Nachrichten wurden zur Gewohnheit, dann zur Sucht. Irgendwann sagte ich ihm, dass ich verknallt war. Und ein megaschlechtes Gewissen meinem Mann und seiner Frau gegenüber hatte. Er freute sich, versicherte mir aber, dass er seine Frau lieben und wir Freunde bleiben würden. Im Nachhinein glaube ich, dass er nicht nur mich, sondern auch sich selbst beruhigen wollte.

Im Juli hat er mich das erste Mal geküsst, kurz bevor er mit seiner Familie in den Urlaub gefahren ist. Ich war hin und weg.

Mein Mann hatte mich noch nie so geküsst, über all die Jahre hatte er das tunlichst vermieden. Nach eigener Aussage stand er da gar nicht drauf.

Selbst am Anfang unserer Beziehung konnte ich die Anzahl unserer Zungenküsse an einer Hand abzählen. Und jetzt war da auf einmal ein Mann, der mir gab, wonach es mich verlangte. Ich hatte Rosen am Fahrrad hängen, Briefchen am Auto, bekam Päckchen mit Geschenken zur Arbeit geschickt. In seiner Nähe fühlte ich mich komplett, geborgen, begehrt und geliebt.

Dass ich meine Freundin betrog, war das Schlimmste  

Wenn er weg war, kam das schlechte Gewissen. Und es fraß mich auf. Ich nahm in kürzester Zeit stark ab, war nur noch Haut und Knochen. Permanent saß ich irgendwo und heulte. Ich konnte nicht mehr schlafen. Das Problem war nicht mein Mann, mir war bewusst, dass unsere Beziehung am Ende war. Ich betrog eine Freundin, das war viel schlimmer. Wie oft habe ich versucht, den Absprung zu schaffen, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Er ließ es nicht zu, und ich wehrte mich nicht. Ich liebte ihn.

Kurz nach meinem Geburtstag platzte dann die Bombe. Seine Frau fand die Handy-Rechnung, und er konnte nicht mehr lügen. Es war vorbei. Als sie mich mit den Vorwürfen konfrontierte und ich ihren Verdacht bestätigte, konnte ich sehen, dass etwas in ihr zerbrach. Ich habe ihr Weltbild zerstört. Atomisiert. Ich habe sie gebrochen. Und weiß immer noch nicht, wie ich damit leben soll.

Er hat seine Frau verlassen. Er sagt, er kann ohne mich nicht leben. Mein soziales Umfeld existiert nicht mehr.

Im Dorf bin ich die Außenseiterin, die Frau, die Freundinnen den Mann ausspannt.

In meiner Familie bin ich die Tochter, die ihre Hormone nicht unter Kontrolle hat. Eine Midlife-Crisis wird mir nachgesagt.

Ich fühle mich schuldig - und weiß nicht, wie ich damit leben soll

Mein Mann und ich sind getrennt, haben aber ein wunderbares Arrangement gefunden, das uns beide glücklich macht. Die Kinder leiden nicht, was mich sehr erleichtert, und was ich meinem Mann hoch anrechne. Er vermisst mich nicht, er hat nie wirklich um mich gekämpft. Ich war offensichtlich nicht die einzige in unserer Beziehung, die unzufrieden war. Ich lebe jetzt in einem Nachbarort in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Tagsüber bin ich bei meinen Kindern, abends und am Wochenende treffe ich IHN. Und bin glücklich. Solange, bis das schlechte Gewissen wieder zuschlägt: Ich schlafe mit dem Mann meiner Freundin. Ich lache mit dem Mann meiner Freundin. Ich liebe den Mann meiner Freundin. Und weiß nicht, wie ich jemals unbeschwert damit leben soll.

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Manch einer versucht mich zu beruhigen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Aber ich werde nie wieder dieselbe sein. Ich habe gelernt, dass Moralvorstellungen etwas Theoretisches sind. Gegen Gefühle kommt man nicht an. Vielleicht war ich aber auch einfach zu schwach. Sie wird mir niemals verzeihen. Viel schlimmer ist aber, dass ich damit leben muss. Und ich nicht weiß, ob ich das kann.

*Name ist der Redaktion bekannt



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