Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich meine Mutter nicht liebe?

Habe ich das Recht, meine Mutter zu hassen? BRIGITTE.de-Leserin Ela Traczynska kann keinen Frieden mit ihrer Kindheit finden.

Wie fühlt es sich an, geliebt zu werden? 

Wenn man von zu Hause weggeht, trennt man sich im Idealfall von einer gewohnten Umgebung, von geliebten Menschen und einem gemütlichen Leben. Normalerweise nimmt man Liebe mit – und alles, was einem 16 oder 18 Jahre lang gepredigt wurde.

Was ich mitgenommen habe? Unsicherheit und Unselbständigkeit. Aber auch ein kleines bisschen Hoffnung.

Ich lebe sehr weit weg von meiner Familie, von meiner Mutter und von meinem Vater. Wenn ich ehrlich bin, bin ich froh darüber. Denn ich hatte nicht das Glück, eine schöne Kindheit zu haben.

Ich habe meine Kindheit lange verharmlost

Bis vor ein paar Jahren habe ich mir gesagt, dass es im Leben anderer Leute bestimmt noch schlimmere Dinge gibt, als in meinem. Ich dachte, mir geht es eigentlich ganz gut. Alles Schlechte, was ich erlebt habe, habe ich verharmlost. Inzwischen weiß ich: Man darf das nicht verharmlosen – und ich will es auch nicht mehr.

Meine Mutter ist Alkoholikerin und Cholerikerin, eine Frau, die sich aufgegeben und uns Kinder vernachlässigt hat. Trotzdem glaubte ich früher, dass sie eine sehr starke Frau ist. 

Heute kann ich sie nicht mehr in Schutz nehmen und keine Entschuldigung mehr für sie finden. Und glaubt mir, früher habe ich immer eine Entschuldigung für sie gefunden.

Meine Mutter hat uns psychisch gefoltert

In den Jahren, die ein Kind prägen, hat sie mich und meine Geschwister psychisch gefoltert. Entweder war sie tagelang verschwunden, um danach so zu tun, als wäre nichts gewesen. Oder sie hat zu Hause „heimlich“ getrunken und uns mit irrem Zeug vollgequatscht. Sie hat auch Selbstgespräche geführt – so laut, dass sie manchmal noch im Nebengebäude zu hören waren. Schlimm waren auch die Momente, in denen sie nüchtern war und nicht mehr wusste, was sie uns am Vortag angetan hat.

Dass sie uns angeschrien hat. Den Hund getreten hat. Eine Pfanne mit heißem Öl ins Kinderzimmer geworfen hat. Oder uns mit Schimpfwörtern wie „Vollidiot“ oder „Nutte“ angeschrien hat (und nein, sie hat kein Tourette-Syndrom!).

Meine große Schwester aus Warschau sagte letztens, dass wir doch keine „kranke Familie" seien. Ich schwieg. Am liebsten hätte ich "Doch!" gesagt. Denn so lange uns vier Geschwistern nicht klar wird, dass wir in der Familie ein dickes Problem haben, so lange werden wir unsere Kinder ähnlich erziehen.

Ich liebe meine Mutter nicht!

Ich liebe meine Mutter nicht. Das wurde mir in dem Moment klar, als meine Schwester mir versuchte zu erklären, dass man nur eine Mutter hat, und dass sie jeden von uns unter ihrem Herzen getragen hat. Doch es hat mich nicht berührt.

Ich vermisse sie nicht. Ich sorge mich nicht um sie und ich habe kein Verlangen, ihre Stimme zu hören. Im Gegenteil. Ich habe jedes Mal Angst, dass sie angetrunken ans Telefon geht und keine Kontrolle über sich hat. Deshalb rufe ich sie höchstens zwei Mal im Jahr an.

Was für einen Einfluss meine Vergangenheit auf mein Leben hat, lässt sich an meinen Händen ablesen. Ich habe immer Nägel gekaut und die Haut drumherum, bis es blutet. Und ich raste innerlich aus, wenn ich Alkohol rieche – ich muss mich total zusammenreißen, um die Beherrschung nicht zu verlieren. Meistens gehe ich einfach weg.

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Sie könnte sich doch entschuldigen

Ich wünschte, sie würde mit mir reden. Ich würde ihr gerne zuhören. Sie könnte „Entschuldigung“ sagen, sie könnte den Mut zeigen und mir zum Geburtstag gratulieren. Aber das macht sie nicht. Sie lebt in ihrer Welt, und ihren Kindern ist nichts anderes übrig geblieben, als diesen Zustand zu akzeptieren.

Ich versuche nicht mal, zu ihr durchzudringen, weil sie so stumpf, taub und gefühllos ist. Dabei wüsste ich gerne, ob sie überhaupt weiß, was in uns vorgeht. Doch ich lasse es lieber, bevor ich wieder enttäuscht werde.

Die Autorin: Ela Traczynska stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Breslau, wo sie mit drei älteren Geschwistern in einer streng katholischen Familie aufwuchs. Mit 21 Jahren kam sie nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Hotelfachfrau und macht eine Therapie, um zu verstehen, warum sie ihre Mutter nicht lieben kann, denn sie möchte selbst Mutter werden. Ela mag Sport, fotografiert gerne und verbringt viel Zeit in der Natur.

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