"Habe ich das Recht, meine Mutter zu hassen?"

BRIGITTE.de-Leserin Ela Traczynska kann keine positiven Gefühle für ihre Mutter aufbringen. Und fragt sich, warum das so ist. 

Ela Traczynska

Ela Traczynska stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Breslau, wo sie mit drei älteren Geschwistern in einer streng katholischen Familie aufwuchs. Mit 21 Jahren kam sie nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Hotelfachfrau und macht eine Therapie, um zu verstehen, warum sie ihre Mutter nicht lieben kann, denn sie möchte selbst bald Mutter werden. Ela mag Sport, fotografiert gerne und verbringt viel Zeit in der Natur.

 Wie fühlt es sich an, geliebt zu werden? 

Wenn man von zu Hause weggeht, trennt man sich im Idealfall von einer gewohnten Umgebung, von geliebten Menschen und einem gemütlichen Leben. Normalerweise nimmt man Liebe mit – und alles, was einem 16 oder 18 Jahre lang gepredigt wurde.

Was ich mitgenommen habe? Unsicherheit und Unselbständigkeit. Aber auch ein kleines bisschen Hoffnung.

Ich lebe sehr weit weg von meiner Familie, von meiner Mutter und meinem Vater. Wenn ich ehrlich bin, bin ich froh darüber. Denn ich hatte nicht das Glück, eine schöne Kindheit zu haben.

Ich habe alles verharmlost

Bis vor ein paar Jahren habe ich mir gesagt, dass es im Leben anderer Leute bestimmt noch schlimmere Dinge gibt, als in meinem. Ich dachte, mir geht es eigentlich ganz gut. Ich habe alles verharmlost. Inzwischen weiß ich: Man darf das nicht verharmlosen – und ich will es auch nicht mehr.

Meine Mutter ist Alkoholikerin und Cholerikerin, eine Frau, die sich aufgegeben und uns Kinder vernachlässigt hat. Trotzdem glaubte ich früher, dass sie eine sehr starke Frau ist. 

Heute kann ich sie nicht mehr in Schutz nehmen und keine Entschuldigung mehr für sie finden. Und glaubt mir, früher habe ich habe immer eine Entschuldigung für sie gefunden.

Sie hat uns psychisch gefoltert

In den Jahren, die ein Kind prägen, hat sie mich und meine Geschwister psychisch gefoltert. Entweder war sie tagelang verschwunden, um danach so zu tun, als wäre nichts gewesen. Oder sie hat zu Hause „heimlich“ getrunken und uns mit irrem Zeug vollgequatscht. Sie hat auch Selbstgespräche geführt – so laut, dass sie manchmal noch im Nebengebäude zu hören waren. Schlimm waren auch die Momente, in denen sie nüchtern war und nicht mehr wusste, was sie uns am Vortag angetan hat.

Dass sie uns angeschrien hat. Den Hund getreten hat. Eine Pfanne mit heißem Öl ins Kinderzimmer geworfen hat. Oder uns mit Schimpfwörtern wie „Vollidiot“ oder „Nutte“ angeschrien hat (und nein, sie hat kein Tourette-Syndrom!).

Meine große Schwester aus Warschau sagte letztens, dass wir doch keine „kranke Familie" seien. Ich schwieg. Am liebsten hätte ich "Doch!" gesagt. Denn so lange uns vier Geschwistern nicht klar wird, dass wir in der Familie ein dickes Problem haben, so lange werden wir unsere Kinder ähnlich erziehen.

Ich liebe meine Mutter nicht!

Ich liebe meine Mutter nicht. Das wurde mir in dem Moment klar, als meine Schwester mir versuchte zu erklären, dass man nur eine Mutter hat, und dass sie jeden von uns unter ihrem Herzen getragen hat. Doch es hat mich nicht berührt.

Ich vermisse sie nicht. Ich sorge mich nicht um sie und ich habe kein Verlangen, ihre Stimme zu hören. Im Gegenteil. Ich habe jedes Mal Angst, dass sie angetrunken ans Telefon geht und keine Kontrolle über sich hat. Deshalb rufe ich sie höchstens zwei Mal im Jahr an.

Was für einen Einfluss meine Vergangenheit auf mein Leben hat, lässt sich an meinen Händen ablesen. Ich habe immer Nägel gekaut und die Haut drumherum, bis es blutet. Und ich raste innerlich aus, wenn ich Alkohol rieche – ich muss mich total zusammenreißen, um die Beherrschung nicht zu verlieren. Meistens gehe ich einfach weg.

Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich meine Mutter nicht liebe?

Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich wütend auf sie bin?

Habe ich das Recht, meine Mutter zu hassen?

Sie könnte sich doch entschuldigen

Ich wünschte, sie würde mit mir reden. Ich würde ihr gerne zuhören. Sie könnte „Entschuldigung“ sagen, sie könnte den Mut zeigen und mir zum Geburtstag gratulieren. Aber das macht sie nicht. Sie lebt in ihrer Welt, und ihren Kindern ist nichts anderes übrig geblieben, als diesen Zustand zu akzeptieren.

Ich versuche nicht mal, zu ihr durchzudringen, weil sie so stumpf, taub und gefühllos ist. Dabei wüsste ich gerne, ob sie überhaupt weiß, was in uns vorgeht. Doch ich lasse es lieber, bevor ich wieder enttäuscht werde.

"Habe ich das Recht, meine Mutter zu hassen?"

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Kommentare (3)

Kommentare (3)

  • biancaetkuen
    biancaetkuen
    Ein cholerischer, zerstörender Alkoholiker als Vater und eine Mutter, die alles dafür tat ihn nicht zu verärgern. Zerstörung war Tagesordnung, Angst das vorherrschende Gefühl. Angst Fehler zu machen, Angst schuld zu sein, Angst verlassen zu werden, Angst vor allem und jedem und niemand da der einen je trösten könnte, niemand der einem Sicherheit geben könnte. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf in dieser für Kinder gemachten Hölle.Wir alle drei Geschwister wurden schwerst traumatisiert und leiden bis heute unter den Folgen dieser Kindheit.Doch man lernt damit umzugehen und man kommt darüber hinweg. Es ist ein Prozess zudem auch für mich der Kontaktabbruch und die jahrelange Gleichgültigkeit meinen Eltern gegenüber gehörte. Therapie immer wieder mit dem Fokus hassen zu dürfen.
    Doch Frieden fand ich nicht.
    Ich bekam ein schwieriges Kind und zwei Jahre später bekam ein kränkliches Kind. Es folgte die Trennung von meinem Mann, Existenzsorgen, Überforderung und die Erkenntnis nicht die Mutter sein zu können, die ich mir geschworen hatte zu sein. Der totale Zusammenbruch war eine logische Folge.Immer öfter wechselte ich von da an die Perspektive, ahnte das auch meine Kinder eines Tages Anklage erheben würden an mich, für den fehlenden Vater, für meine ständige Abwesenheit durch den Beruf, für meine Ungeduld, für die vielen male in denen ich die Nerven verlor, für meine Überforderung
    Und ich begann den Weg der Vergebung zu gehen
    So unvorstellbar es sich vielleicht auch anhören mag, aber auch meine Eltern haben uns geliebt sie hatten nicht vor uns absichtlich Schaden zuzufügen, sie hatten ihre ganz eigenen Lasten zu tragen, die aus ihnen die Eltern machten, die sie uns gewesen sind.
    Meine Kinder sollen wissen dass ich bei all meiner Unzulänglichkeit in jedem Augenblick und zu jedem Zeitpunkt voller Liebe zu ihnen gewesen bin. Das habe ich besser gemacht als meine Eltern!
    Ich brauchte keine Erklärung und keine Entschuldigung mehr ich habe vergeben, einfach so.

  • StudSarah
    StudSarah
    Liebe Ela,
    es tut mir sehr leid, was Du erlebt hast. Ich wünsche Dir so sehr alles Gute!
    Ich weiß nicht, vielleicht hilft Dir ja der Vortrag von Michael Stahl, der selber einen alkoholsüchtigen Vater hatte... Er erzählt, wie es ihm mit seinem Vater und später auch wiederum mit seinem Sohn ging.
    https://www.youtube.com/watch?v=8VMgMRddYRA

    Alles Gute.
  • xxy
    xxy
    Liebe Ela,
    es tut mir Leid, wie es Dir in den jungen Jahren mit Deiner Mutter ergeangen ist. Leider erkenne ich in der Beschreibung Deiner Mutter auch einiges von meiner- und das wünsche ich keinem. Gewalt, Alkoholmissbrauch, Lieblosigkeit/negative Beachtung hat keiner verdient, es ist immer riesige Sch**** für die, die dem ausgesetzt sind. Es kann und sollte auch nicht verharmlost werden. Ich selbst habe seit knapp zwei Jahren den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen, und bereue die wenigen Momente (nur kurz am Telefon), die dennoch bestanden.
    Ich wünsche Dir viel Kraft für Deinen Weg und bin sicher, dass Du durch Reflexion und Therapie niemals ein solcher Mensch sein könntest.
    Alles Gute

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