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Leben mit Behinderung "Mein Mann sitzt im Rollstuhl - na und?"

Mann im Rollstuhl
Elisabeths Mann ist querschnittsgelähmt, gemeinsam hat das Paar drei Kinder 
© privat
BRIGITTE.de-Leserin Elisabeth (39) weiß, dass für viele Frauen eine Beziehung mit einem behinderten Mann schwer vorstellbar ist. Sie aber hat darin ihr Glück gefunden.

Meine Kinder kennen ihren Vater ausschließlich als Rollstuhlfahrer. Seit seinem Badeunfall als 17-Jähriger ist er querschnittsgelähmt. Seine Arme kann er nur eingeschränkt benutzen.

Liebe überwindet Barrieren

Wir kennen uns aus Kindertagen, aber gefunkt hat es zwischen uns erst später auf einer Party. Bis auf seinen Rollstuhl war alles ganz normal. Kurz darauf wurden wir ein Paar. Nur weil er körperlich behindert ist, eine Beziehung auszuschließen? Wäre mir nie in den Sinn gekommen!

Der berufliche Erfolg hat meinem Mann Selbstvertrauen gegeben und die Wahrnehmung anderer positiv geprägt. Auch bei Frauen wie mir, die in einem Mann einen verlässlichen Partner suchen.

Obwohl es nicht immer einfach ist, wollte ich von Anfang an nicht nur ein Kind

Auch unseren gemeinsamen Kinderwunsch konnte seine Behinderung nicht trüben. Ob das klappen und wie wir das alles stemmen würden, darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht. Aber zugegeben:

Dass mein Mann und ich auf natürlichem Weg drei Kinder bekommen haben, grenzt für mich an ein Wunder.

Ich habe selbst drei Geschwister, meine Mutter ist eines von fünf Kindern. Insofern entschied ich mich nach der Geburt unseres zweiten Kindes 2014, meine Ergotherapie-Praxis zu schließen und zu Hause zu bleiben, um meine Kinder nicht in fremde Hände geben zu müssen.

Die Unterstützung für meinen Mann erlaubt es mir, wöchentlich mehr als 30 Stunden Arbeit bei der Pflegekasse anzumelden und Rentenbeiträge zu zahlen. Wieder ins Berufsleben einzusteigen, ist für mich aber nur eine Frage der Zeit. Unser Jüngster kommt bald in den Kindergarten, die kleine Tochter in die Schule. Vielleicht mache ich dann noch einen Master in Ergotherapie, damit kann ich unterrichten oder bei einer Krankenkasse arbeiten. Bis dahin koche ich, kümmere mich um Haus und Garten und koordiniere den Familienalltag. Weil ich es kann und weil ich Freude daran habe.

Doch was wäre, wenn ich selbst durch Unfall oder Krankheit beeinträchtigt sein würde? Dann bräuchte es eben die Hilfe von Verwandtschaft und Freunden. Von klein auf wurde mir beigebracht, dass Familie und Gemeinschaft wichtig sind. Mein Motto lautet daher schon immer: Gemeinsam als Familie schaffen wir das!

Der Austausch mit anderen Betroffenen ist wichtig

Woran es in Deutschland allerdings hapert, ist die Barrierefreiheit. Es kommt vor, dass jemand meinen Mann über Treppen und Stufen tragen muss.

Einen Unterschied hat auch Corona gemacht. Da mein Mann Lehrer ist und ich Zuhause bin, hieß es, dass wir im Kindergarten ja keine Notbetreuung bräuchten, wenn er mal wieder schließen musste. Das hat mich gekränkt, zumal das ein kirchlicher Kindergarten ist, der sich als "Haus für Familien“ bezeichnet. Ich habe mich alleingelassen gefühlt.

Mir fehlt auch der Austausch mit anderen Müttern, die als Partnerinnen von Rollstuhlfahrern ähnliche Erfahrungen machen wie ich. Sich mit anderen Betroffenen – auch Paaren – in der Inklusionsarbeit zu vernetzen, ist wichtig, um sich gegenseitig Tipps zu geben und zu unterstützen.

Die Autorin: Elisabeth, 39, lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie in Osnabrück.

Brigitte

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