"Meine Mutter hatte keine Patientenverfügung – und ich die Verantwortung"

Die Mutter von BRIGITTE.de-Leserin Susanne wurde überraschend zum Pflegefall. Für die Tochter begann eine Zeit der Verantwortung, die sie fast nicht tragen konnte.

Ich hatte meiner Mutter eine Patientenverfügung aus dem Internet ausgedruckt und sie mehrfach gebeten, sich Gedanken zu machen und das Formular auszufüllen.

Als sie im Dezember 2015 im Alter von 73 Jahren ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war es zu spät dafür. Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter bereits so schwer erkrankt, dass sie ihren freien Willen nicht mehr zu Papier bringen konnte. Durch mehrfaches Organversagen war das Gehirn nicht mehr ausreichend versorgt. Die Ärzte und ich mussten entscheiden, was das Beste für meine Mutter war.

„Das Beste“ – was ist das Beste für einen Menschen in so einer Situation?

Viele lebenserhaltende Maßnahmen – aber zu welchem Preis?

Meine Mutter wurde innerhalb von vier Monaten in drei verschiedene Krankenhäuser eingeliefert. Die erste Verlegung fand mit dem Helikopter statt. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits nicht mehr bei Bewusstsein und wurde auf die Intensivstation gebracht. Dort lag sie zwei Wochen im Koma.

Zwischenzeitlich hatte das Klinikum beantragt, dass ich ihre Betreuerin sein kann. Wir hatten die Hoffnung, dass sich die Nieren wieder erholen würden, was aber nicht geschah. Als man sie aus dem Koma zurückholen wollte, reagierte sie nicht adäquat. Der Arzt rief mich an und bat mich, sofort vorbeizukommen. Er sagte, dass eine Unterschrift meinerseits notwendig ist, um einen Luftröhrenschnitt durchzuführen. Allerdings bestehe bei diesem Eingriff die Gefahr, dass die Stimmbänder verletzt werden und meine Mutter danach nicht mehr sprechen könne.

Ich musste über weitere Eingriffe und Operationen entscheiden, da mittlerweile auch die Lunge nicht mehr funktionstüchtig war. Als meine Mutter aus dem Koma erwachte, hatte sie Halluzinationen. Sie sah in den Schubläden der Intensivstation Ratten und Mäuse, und auf meiner Schulter sah sie einen Kanarienvogel sitzen.

Mich machte das alles völlig fertig. Ich fand die Situation menschenunwürdig. Das war nicht mehr meine Mutter! Sie war davor eine selbstbewusste und zum Teil dominante Person gewesen. Jetzt war davon nichts mehr übrig. Ich fühlte mich den Ärzten und dem medizinischen System hilflos ausgeliefert.

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Einer Krankenschwester und einer Ärztin bin ich besonders dankbar

Im dritten Krankenhaus hatte ich Kontakt zur Sozialstation. Die Mitarbeiterin teilte mir mit, dass meine Mutter wieder soweit hergestellt werden sollte, dass sie auf Reha gehen kann. Sie suchte eine Reha-Klinik und machte einen Termin aus. Sie machte insgesamt drei Termine aus. Jeder der Termine musste abgesagt werden, weil meine Mutter zu krank war.

Als ich meine Mutter wieder einmal besuchte, nahm mich eine Krankenschwester zur Seite und fragte mich, ob ich mich bereits um einen Platz im Pflegeheim gekümmert habe. Sie ging davon aus, dass das mit der Reha nichts mehr werden würde und meine Mutter in diesem Zustand nicht mehr nach Hause konnte.

Ich bin dieser Krankenschwester für diesen Hinweis sehr dankbar gewesen. Ich bekam innerhalb von zwei Wochen einen Platz im Pflegeheim für meine Mutter. Sie wurde gefüttert, gewaschen und dreimal die Woche mit dem Krankenwagen zur Dialyse ins Krankenhaus gebracht. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht mehr selbständig aufstehen oder gehen.

Ich konnte nicht sagen: "Bitte lassen Sie meine Mutter sterben"

Sie war zwei Wochen im Pflegeheim, als sie an einem Dienstag im April 2016 erneut ihr Bewusstsein verlor und wieder ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Arzt nahm mich zur Seite und sagte mir, dass sie auf die Intensivstation verlegt wird und ich das weitere Vorgehen mit der zuständigen Oberärztin klären soll. Ich berichtete ihr, was meine Mutter - und ich - in den letzten vier Monaten mitgemacht hatten. Ich sagte ihr, dass ich weiß, dass meine Mutter erst 73 Jahre alt ist, dass sie das alles aber so mit Sicherheit nicht gewollt hätte und dass ich die Situation für menschenunwürdig halte.

Die Ärztin sah sich den Bericht an und sagte, dass sie nichts davon hält, Leiden unnötig in die Länge zu ziehen und dass man einen Menschen auch gehen lassen darf. Ich brach in Tränen aus und sagte ihr, dass ich diese Entscheidung nicht treffen könnte. Ich konnte nicht sagen: „Bitte lassen Sie meine Mutter sterben.“ Ich wollte diese Verantwortung nicht tragen. Ich wollte aber auch nicht, dass meine Mutter länger in dieser Situation war. Die Ärztin meinte, das wäre nicht notwendig. Sie hätte die Entscheidung getroffen, keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr durchzuführen.  

Meine Mutter verstarb innerhalb von vier Stunden und ich war bei ihr. Ich hatte den Eindruck, dass sie einfach aufgehört hatte, zu atmen.

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Ich war lange sehr wütend und hatte ein schlechtes Gewissen

Hätte meine Mutter eine Patientenverfügung gehabt, wäre ihr viel erspart geblieben. Und mir wäre erspart geblieben, die Verantwortung für viele Eingriffe und das Leiden zu tragen. Ich habe mich nach ihrem Tod immer wieder gefragt, ob ich meine Mutter am Ende sterben ließ. Deshalb war ich sehr wütend auf sie. Zwischenzeitlich habe ich ihr aber vergeben und für mich entschieden, dass es so das Beste für sie war.

Die Autorin: Susanne (48) ist verheiratet und hat eine Tochter. Die Communication Managerin arbeitet bei einer Großbank und lebt mit ihrer Familie und ihrem Kater in der Nähe von München. In den letzten drei Jahren hat sie erst ihre Mutter, dann die Großmutter und ihren Vater verloren.

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