"Mit seiner Liebe überstand ich den Krebs – danach brach er mir das Herz"

BRIGITTE.de-Leserin Jeanette überwand gemeinsam mit ihrem Liebsten den Krebs. Zwei Tage nach der Genesung verließ er sie. 

Der Anfang einer großen Liebe

Jemand, der um dich kämpft, ist es wert, also ließ ich es zu, dass ich mich mit vierzig in einen elf Jahre jüngeren Mann verliebte. Nicht gleich.Ich hatte zunächst Bedenken, aber er umwarb mich hartnäckig und ich ließ mich irgendwann fallen.

Er war klug, lustig, kroatischer Herkunft und jobbte nach seinem Studium als Barkeeper, noch etwas orientierungslos. Ich arbeitete für einen regionalen TV-Sender als Moderatorin und schrieb Drehbücher. Er fotografierte viel und gut. Also stellte ich den Kontakt zum Sender her und etwas später zu einer Filmproduktion.

Er lernte schnell, war begeisterungsfähig, brannte für seine neue Berufung, während ich mehr und mehr für unsere Beziehung brannte. Kochen, kroatische Familienfeste, Nest einrichten - mehr brauchte ich nicht. Klopfte da etwa gerade der Altersunterschied an unsere Tür? Ich wollte ankommen, er durchstarten. Meine Jobs wurden weniger, aber was soll‘s, wir waren zusammen, warum also verrückt machen?

Ich arbeitete freiberuflich, es hatte immer irgendwie funktioniert. Als ich schließlich mit 41 schwanger wurde, konnte ich mein Glück kaum fassen. Wenige Wochen später erlitt ich eine Fehlgeburt, einmal, zwei Mal, drei Mal. Erste Risse machten sich breit. Auch sträubte er sich mit Händen und Füßen gegen das Heiraten, was mich zusätzlich verletzte. Wir holten uns einen Hund, der wieder etwas Leben ins Leben brachte.

Es bröckelte ...

2016 hatten wir eine ernste Krise. Beruflich war er mittlerweile in der ganzen Welt unterwegs. Die meisten Jobs bekam er von einer Producerin einer amerikanischen Event-Agentur. Wir führten immer öfter ermüdende Diskussionen über die Beziehung, Bedürfnisse und Veränderungen. Ich war fast 50 und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Mit mir, mit uns. Ich spürte, dass wir uns verlieren, dennoch schweißte uns eine tiefe Zuneigung immer wieder zusammen, selbst wenn unsere Träume immer weiter auseinanderklafften.

Beim Spazierengehen mit meinem Hund dachte ich immer häufiger, irgendetwas müsse jetzt passieren, etwas Großes, Wahnsinniges, damit wir wieder glücklich werden! Das „Wahnsinnige“ trat tatsächlich kurz darauf ein – anders, als ich es mir jedoch erhofft hatte. Eine vermeintliche Zyste entpuppte sich als Karzinom. Diagnose Eierstockkrebs, fortgeschrittenes Stadium. What! Universum, echt jetzt?! So war das doch nicht gemeint …!

Wieder verliebt!

Die Zeit blieb von einer auf die andere Sekunde stehen – und wir in ihr. Schwerelos, ohne Boden unter den Füßen, bewegten wir uns wieder aufeinander zu, umgeben von allumfassender Energie, die uns magnetisch anzog. Die Herausforderung „Krankheit“ verwandelte uns in zwei Ertrinkende, die einander festhielten, um den anderen zu retten. Alle Belastungen, Ego-Trips und „das mache ich nur dir zuliebe“- Geblubber lösten sich in Nichts auf. Wir waren plötzlich wieder ein Team. Unschlagbar, unzertrennlich, unerschütterlich mit nur einem Ziel vor Augen: Überleben!

Diese Liebe aktivierte Kräfte und ich ging in ihnen auf. Ich trug meine orientalischen Tücher mit Stolz auf meinem kahlen Kopf, eingebettet in der Fürsorge von Familie und Freunden machte ich anderen Mut. Und er scheute keine Kosten und Mühen, mir alles zu geben, was er im Internet oder sonstwo an alternativen Heilmitteln auftreiben konnte.

Ich war so glücklich wie noch nie…Tatsächlich schien ich den Krebs mit meinen Glückshormonen komplett zu verwirren! Keine der von den Ärzten prognostizierten Nebenwirkungen trat ein. Auch sie waren verwirrt! Fatigue, Erbrechen, Neuropathie – Zero! Dass ich gerade eine Chemo erhielt, die es in sich hatte, war offenbar nicht in meinem Bewusstsein, eher betrachtete ich sie als Freundin, die mir hilfreich zur Seite stand.

Auch die neunstündige OP, in der man mir alle Weiblichkeit aus dem Bauch schnitt, schaffte es, weder mein Selbstverständnis als Frau noch meine Libido zu erschüttern. Die bauchlange Narbe ähnelte einem Seepferdchen, das mich immer wieder zum Weitertanzen animierte. So trieb ich nach wie vor etwas Sport, machte Spaziergänge mit meinem Hund und ging meinen Jobs nach. Eine ungeahnte Schaffenskraft ergriff von mir Besitz und ich begann, endlich den Roman niederzuschreiben, der schon lange in meinem Kopf schwirrte und nun bei einem Verlag liegt.

Irgendwie stand für mich außer Frage, dass ich wieder gesund werde und ich fieberte auf alles hin, was danach kommen sollte. Das Wunder vollzog sich, indem der Tumor zurückging. Die anschließende Reha brachten die verlorengegangene Fitness und Kilos zurück. Alles schien wieder im Lot und ich dankte dem Universum! Nach der letzten Kontrolluntersuchung wünschten mir die Ärzte weiterhin viele positive Gedanken und eine gute Zeit mit meinem Mann! Ich war bis aufs Weitere entlassen …

Böses Erwachen

Zwei Tage später hat er mich verlassen! Er hatte sich in seine amerikanische Arbeitgeberin verliebt, ein Powerpaket, mit der er sich beruflich verwirklichen konnte. Ich fiel aus allen Wolken und es fühlte sich an, als ob man mir nun auch noch das Herz rausgeschnitten hätte. Wir hatten doch gerade eine zweite Chance bekommen!! Waren doch wieder eins!!! Oder doch nicht? War er vielleicht längst schon woanders und ich verwechselte Liebe mit Pflichtgefühl?! War alles nur ein Akt der Nächstenliebe? Handelte es sich wirklich um den gleichen Mann, der eben noch an meinem Krankenbett weinte und mir sagte, wie sehr er mich liebt?!

Alles, was ich während meiner Krebserkrankung nicht hatte, bekam ich jetzt. Durchfall, Erbrechen, Bauchweh, Depressionen, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Zukunftsängste. Im Vergleich dazu erschien mir die Chemo wie ein Spaziergang. Wut, Enttäuschung, Trauer, Schmerz, verletzte Gefühle umnebelten mich und mündeten stets in dem gleichen Gedanken: Verdammt, ich bin doch auch für ihn gesund geworden! Er wollte doch, dass ich lebe, aber ich doch nicht ohne ihn. Hallo, da muss eine Verwechslung stattgefunden haben, liebes Universum!

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1000 Fragen geisterten in meinem Hirn und ich fiel in ein Loch, tiefer als der Krebs es je hatte graben können. Ich tastete mich in der Dunkelheit wieder sachte an die Person heran, die ich gewesen war, bevor ich ihm begegnete. Selbstbewusst, unabhängig und in der kreativen Arbeit zu Hause. Ich versuchte, zu verstehen und stieß auf folgendes wissenschaftliches Studienergebnis: Bei einer schwerwiegenden Erkrankung ist das Risiko einer Trennung zehn Mal so hoch. Erschöpft von langer Rücksichtnahme stellt sich für den Partner häufig die Frage: „Wo bleibe ich?“

Aha! Volltreffer. Doch das Internet hatte auch andere Thesen parat: Gute Beziehungen werden besser, schlechte Beziehungen werden schlechter.

Sieh an. Ich zog Bilanz und begriff allmählich, welche Ursachen unter anderem zu meiner Erkrankung geführt haben könnten. Es war eigentlich ganz einfach: Ich hatte nicht mehr gelebt – nicht mehr für mich! Seine Lebensfreude, sein Charme, seine Jugend, seine Leichtigkeit waren mein Dopamin, das alles andere wegretuschierte: meinen Heiratswunsch, die nie verarbeiteten Fehlgeburten, mangelnde Träume und Ziele sowie eine permanente Unverbindlichkeit. Ich hatte mich verloren, nicht wir uns!

Reset

Nach einem Marathon im inneren Rückzug begann ich mich wie in einer RTL-Show zu fühlen, in der man den ersten Preis fürs Loslassen bekommt. Und ja, ich wollte unbedingt aufs Siegertreppchen!  Doch dafür musste ich die Perspektive ändern und mir selbst neu begegnen. Aber wo?

Ich fand den Ort, einen Ort, an dem ich in meiner Jugend schon einmal sehr glücklich war. Frankreich! Savoir vivre!  Hier werde ich wieder Kraft tanken und schreiben! Wenn alles klappt, bleibe ich vier Monate. Freunde, Mut und wiedergewonnenes Urvertrauen haben es möglich gemacht. Im warmen Licht der Provence sehe ich schon jetzt vieles klarer. Ich liebe ihn immer noch, aber mehr liebe ich nun mich – und das fühlt sich besser an! Auch um weiter gesund zu bleiben. Ne, Universum?!

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