"Nein, ich bin nicht schwanger!" Was am Heiraten richtig nervt

BRIGITTE.de-Leserin Kira* hat geheiratet und es gewagt, kein Kind in die Welt zu setzen. Ein mittelschwerer Fauxpas, wie sie feststellen muss ...

Ich habe es gewagt, die Frist bis zum Schwangerwerden nicht einzuhalten

Mein Mann und ich sind seit April 2017 verheiratet. Bis zu seinem Antrag, den er mir nach einem Fallschirmsprung (jaaa, so romantisch!) endlich gemacht hat (das ist eine andere Geschichte), waren wir drei Jahre zusammen. Ich habe sofort und voller Freude Ja gesagt und neun Monate später standen wir auch schon vor dem Standesbeamten. 

Die Zeremonie war schön, die darauffolgende „freie Trauung“ noch schöner, die Hochzeitsreise traumhaft und mit dem Umzug in unser Eigenheim schien alles perfekt zu sein. Ja, so schien es. Allerdings hatten wir es gewagt, nicht gleich nach der Hochzeit ein Kind zu zeugen. 

Ich muss vielleicht dazusagen, dass ich 33 Jahre alt bin und in einer Kleinstadt wohne, in der fast jeder jeden kennt. Und als ob das nicht reichen würde, bekommen tatsächlich alle um uns herum ein Kind nach dem anderen und halten brav die „Frist“ ein, die dir in Bayern nach der Hochzeit mit dem Storch vor die Haustür gesetzt wird.* *

Tja, ich nicht. Ich habe es gewagt, mich der in Stein gemeißelten Tradition – oder ist es sogar Gesetz? – zu widersetzen. Das Traurige an der Sache ist, dass die lieben Mitmenschen ja gar nicht den Grund wissen, warum das in einigen Fällen (ganz die einzige bin ich ja doch nicht), der Fall ist. Sie wissen nicht, ob dahinter traurige Schicksale liegen, vorübergehendes Pech oder einfach nur eine selbstbewusste Entscheidung! 

Indiskrete Sprüche, neugierige Blicke - muss ich mir das wirklich anhören?

Aber egal, welcher Fall vorliegt: Muss ich mir wirklich die indiskreten Sprüche und Fragen anhören, die neugierigen Blicke gefallen lassen und mich dem gesellschaftlichen Druck aussetzen? Hier ein paar Beispiele, die seit unserer Hochzeit vorgefallen sind: 

  • Ein Schuhladen in unserer schnuckeligen Kleinstadt. Die Verkäuferin ist der Meinung, dass sie mich bestens kennt, weil sie die Mutter eines Neffen von einem Nachbarn meiner Oma ist. Oder so ähnlich. Sie war daher so freundlich, mir darüber Auskunft zu erteilen, wer geheiratet hat, wer heiraten wird, wer schwanger ist (natürlich mit genauesten Infos über das Geschlecht und den errechneten Geburtstermin), und sie hat mich auch über die Zukunftspläne ihres Sohnes auf den neuesten Stand gebracht. Und weil sie sicher nicht unhöflich sein wollte, erkundigte sie sich auch bei mir: „Und, wie schaut's bei euch mit dem Nachwuchs aus? Ihr habt ja jetzt auch geheiratet, oder?“ Dezenter Blick auf meinen Bauch. In meiner überrumpelten Situation stammelte ich etwas von  „keine Eile, ...noch jung...“. Daraufhin fragte sie pikiert nach: „Wie alt bist du jetzt schon?“ 
  • Partylaune auf dem Volksfest. Alle grölen und singen den Sommerhit mit,  der von der Band zum Besten gegeben wird. Mein Mann, ein paar Freunde und ich waren ebenfalls gerade am Singen, als eine Bekannte zu uns stieß. Sie bemerkte, dass ich einer Apfelschorle trank und meinte verwundert: „Bist du heute Fahrer?“ „Ja. Ich war in den letzten Tagen etwas kränklich und will es mit einem Kater nicht noch verschlimmern.“ Pause, fragender Blick. „Sonst könntest du aber schon was trinken, oder?“ 
  • Meine Oma wurde von der ganzen Familie in ihre Lieblingsgaststätte eingeladen. Ich trank, wie immer zum Essen, ein Glas Wasser. Meine Oma blickte auf mein Glas und meinte: „Sehr verdächtig ...“ 
  • Traditionelles Treffen am Vorweihnachtsabend mit Freunden, die man sonst eher selten sieht. Ich trinke eine Weinschorle. Kommentar meines Sitznachbarns: „Bist also immer noch nicht schwanger, oder was?“  

Kann man eigentlich noch was richtig machen?

Wenn ich mir ein Gläschen Wein genehmige, ist es falsch, wenn ich keines trinke, noch falscher. Bin ich mal Fahrerin, bin ich praktisch sofort schwanger. Sogar in der heutigen Zeit, in der es selbstfahrende Busse gibt, ein drittes Geschlecht und Pakete, die von einer Drohne geliefert werden, wird von der Gesellschaft erwartet, dass du, kaum bist du verheiratet, auch ein Kind in die Welt setzt. Und zwar am besten genau neun Monate nach der Hochzeitsnacht. Die bei uns aufgrund des Alkoholpegels nicht mal stattgefunden hat. 

Mein Mann und ich haben vor Kurzem überlegt, was wir gemacht hätten, wenn wir diese Erwartungshaltung der Leute hätten kommen sehen. Hätten wir die Hochzeit noch hinausgezögert, geheim gehalten, im Ausland geheiratet, wären wir ausgewandert, hätten wir eine andere Identität angenommen? Ich glaube nicht. Trotzdem ist es schlimm genug, dass man überhaupt auf solche Gedanken kommt! 

* Über die Autorin: Kira (der Name ist der Redaktion bekannt) ist Lehrerin und wohnt mit Mann und Kater in einer Kleinstadt in Bayern. Sie ist sehr heimatverbunden, lebt gerne in Bayern und liebt viele der Traditionen, würde sich aber oft wünschen, dass die Bayern manchmal ein bisschen offener und toleranter wären und nicht so kleinkariert.

* *„Das Aufstellen eines Kindsbaums (auch Hochzeitsbaum genannt) ist ein schöner alter bayerischer Hochzeitsbrauch, (...) bei welchem das frisch vermählte Ehepaar an seine Pflicht erinnert wird, innerhalb eines Jahres Nachwuchs auf die Welt zu bringen.“

(www.ein-unvergesslicher-tag.de/kindsbaum/

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