"Es gibt Momente, in denen ich mir mein Leben ohne Kinder zurückwünsche"

Keine Frage, Rona Duwe liebt ihre Kinder. Aber sie weiß auch noch, was sie am Leben ohne Kind geliebt hat. Und versteht die Frauen, die unter #regrettingmotherhood ihr Muttersein bereuen.

Rona Duwe, 45, ist seit 15 Jahren als Designerin selbstständig, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und "schon lange auf einer Forschungsreise nach meinem tiefsten Inneren und einer authentischen Art zu leben und mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen". Auf ihrem Blog www.phoenix-frauen.de schreibt sie als Frau für Frauen und fasst dabei gern "heiße Eisen" an.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung geht mir nicht aus dem Kopf. Ich möchte gern zu diesem Thema aus meiner eigenen Erfahrung schreiben, weil ich es so wichtig finde. Es geht darum, dass es Frauen gibt, die es bereuen, Mutter geworden zu sein. Für mich rührt das an einem Tabu und die Reaktionen auf der Facebook-Timeline von beispielsweise Mama-arbeitet waren dementsprechend: Viele schreiben, dass sie es nicht bereuen würden, Kinder zu haben, dass sie nicht zurückwollen würden, dass es doch so viele Möglichkeiten gäbe, das Leben mit Kindern selbstbestimmt zu gestalten, so dass eigentlich gar kein Grund bestehe, Reue zu fühlen. Auf meinen Hinweis, dass ich die Ambivalenz sehr gut kenne, erhielt ich aber erstaunlich viele "Gefällt mir"-Klicks ohne weiteren Kommentar.

Eins vorweg: Ich liebe meine Kinder

Aber es gibt Momente, in denen ich mir mein Leben ohne Kinder zurückwünsche und zwar aus vollem Herzen. Ich bin eine späte Mutter, konnte also ein Leben ohne Kinder 34 Jahre lang erleben. Ich habe mir auch nie wirklich intensiv Kinder gewünscht oder mir sie als wichtigen Lebensinhalt vorgestellt und erträumt und ich habe das auch nicht wirklich geplant. Sie sind so in mein Leben hineingeschlittert.

Ich bin glücklich, dass sie da sind. Ich habe viel gelernt über das Leben und über mich selbst. Aber ich kann mir durchaus nach wie vor ein Leben ohne Kinder vorstellen und es gibt Momente, in denen ich wutentbrannt "Im nächsten Leben keine Kinder" in mich hineinschnaube. Ich habe vollstes Verständnis für meine Freundinnen, die keine Kinder haben. Ich würde nie zu ihnen sagen, dass ich es schade finde, dass sie keine Kinder haben oder dass sie etwas verpasst haben. Ich genieße es, mit ihnen Frauen zu kennen, die mit mir nicht nur über Kinder reden.

Manchmal beneide ich sie um ihre Wochenenden und ihre Freizeit. Ich beneide sie darum, dass sie nur für sich selbst verantwortlich sind und dass es dadurch auch nicht ganz so bedrohlich ist, wenn mal weniger Geld in der Kasse ist. Ich beneide sie darum, dass sie keine wichtigen Zukunftsentscheidungen für einen anderen Menschen treffen müssen, die sich dann vielleicht als Fehler herausstellen. Ich beneide sie darum, dass sie sich von ihrem Partner trennen können, ohne damit zusätzlich einem unschuldigen Kind das Leben zu verkorksen. Ich beneide sie darum, dass sie sich mit weniger Sorgen und Ängsten herumschlagen müssen. Ich beneide sie darum, dass sie sich nie so sehr am Rande ihrer nervlichen Belastbarkeit erleben müssen.

Mir war nicht klar, wie verletzbar ich als Mutter werde

Die Macht meiner Liebe und die damit verbundenen Ängste und Sorgen haben mich regelrecht umgehauen. Ich habe nicht mit so starken Gefühlen der Stärke und Schwäche gerechnet. Ich habe nicht geahnt, wie sehr mir Schmerzen eines anderen Menschen weh tun können und wie unerträglich es ist, wenn ich diesen Schmerzen nicht abhelfen kann.

Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass mich nichts im Leben bisher so sehr in Frage gestellt hat wie meine Kinder.

Das Leben mit meinen Kindern ist für mich eine konstante Herausforderung und ich erlebe mich häufig als sehr schwach und auch unfähig und hilflos. Es gibt so viele Momente, in denen ich einfach nicht weiter weiß. Inzwischen habe ich gelernt, das auszuhalten. Aber es war schwer. Ich dachte, dass Ratgeber mir helfen würden. Aber ich habe irgendwann festgestellt, dass ich lernen muss, mit einem hohen Maß an Hilflosigkeit beziehungsweise Unwissenheit zu leben und es zu ertragen, dass ich mich durchwurschtele und improvisiere - mal besser, mal schlechter.

Immer wenn ich dachte, "Jetzt habe ich es", kam eine neue Herausforderung und ich stand wieder da mit einem großen Fragezeichen. Dieses "Sie machen das intuitiv richtig" hat mir auch nicht weitergeholfen. Scheinbar habe ich keinen so guten Draht zu meiner Intuition.

Für mich heißt "Leben mit Kindern" inzwischen, meine Fehlbarkeit zu akzeptieren, die Unsicherheit zu ertragen und sie als Vorteil zu sehen, weil ich dadurch offen und lernfähig bleibe UND genügsam, gleichmütig und gelassen mit mir selbst bin.

Genauso wie ich manchmal meine kinderlosen Freundinnen beneide, beneide ich diese anscheinend so perfekten Mütter, die ihre Kinder mühelos ins Gymnasium jonglieren, mit tadellosem Benehmen ausstatten und alles immer perfekt im Griff und organisiert haben. Ich schaffe das nicht. Meine Kinder "funktionieren" nicht so. Es nagt an meinem Selbstbewusstsein und an meinem Leistungsanspruch. Andererseits finde ich es recht wohltuend, dass der Leistungsanspruch hier völlig fehl am Platz ist, da man es mit lebendigen Menschen zu tun hat und nicht mit optimierbaren Robotern.

Inzwischen schaffe ich es auch immer besser, mich davon zu distanzieren, dass mir für jegliche "Auffälligkeit" meiner Kinder die Schuld und Verantwortung in die Schuhe geschoben werden oder dass ich mir selbst die Schuld dafür gebe. Ich fühle mich sehr verantwortlich, aber es gibt auch Charaktereigenschaften oder Schwierigkeiten, die ein Kind offensichtlich mitbringt oder entwickelt, ohne dass immer die Mutter Schuld ist.

Dennoch: Es wäre mir schon manchmal lieber, wenn ich mich nicht im Spiegel sehen müsste mit einer so tiefen Wutfalte zwischen den Augenbrauen, einem extrem genervten Gesichtsausdruck, zerrauften Haaren und zwei Kindern im Hintergrund, die trotz Mamas peinlichem Wutanfall immer noch beste Laune haben und NICHT machen, was ich gesagt habe.

Es wäre mir auch lieber, wenn ich einfach durchschlafen könnte, statt wach zu liegen wegen lauter Sorgen um meine Kinder, Gegrübel über ihre schulischen Leistungen oder Nichtleistungen und dem Nicht-mehr-wissen-was-ich-noch-tun-soll aber Denken-dass-ich-doch-was-tun-muss. Ich fände es auch wunderbar, wenn ich mal eine ganze Woche lang einfach nur meiner Arbeit widmen oder mich fortbilden könnte, ohne mich um meine Kinder zu kümmern.

Und noch etwas: Es zieht mir in manchen Momenten die Schuhe aus, dass ich für viele Jahre in der Verpflichtung und Verantwortung für meine Kinder "gefangen" bin, dass ich aus der Nummer nicht mehr rauskomme. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, der sich nicht so gern festnageln lässt.

Mit meinen Kindern habe ich aber die nächsten Jahre meines Lebens in gewisser Hinsicht klar verplant. Ich weiß, dass man das ja vorher wissen sollte. Aber richtig geahnt, was das heißt, habe ich erst, als ich die ersten Wochen mit einem Neugeborenen hinter mir hatte. Erst dann wurde mir klar, wie sehr dieser kleine Mensch von nun an mein Leben bestimmen würde, ob ich wollte oder nicht. Erst dann wurde mir klar, dass ein großer Teil meines bisher freien und ungebundenen Lebens endgültig vorbei war.

Ich habe immer wieder festgestellt, dass es für andere Frauen erleichternd ist, wenn ich diese zwiespältigen Gefühle meiner Mutterschaft gegenüber äußere. Ich glaube sogar, dass es sehr wichtig ist, mir diese Gefühle zuzugestehen. Ich komme generell nicht gut zurecht mit positivem Denken um jeden Preis, weil es sich für mich nicht ehrlich und wahrhaftig anfühlt.

Ich finde nicht alles schön, was ich als Mutter erlebe. Ich gehe nicht voll in meiner Mutterrolle auf. Ich finde nicht nichts schöner, besser und toller als meine Kinder. Ich finde für mich selbst andere Dinge interessanter als Ostereier verstecken, Kindergeburtstagskuchen backen oder auf dem Spielplatz stehen. Ich genieße die wenige Zeit, die ich für mich allein habe und ich bin abends heilfroh, wenn die Kinder endlich im Bett (in ihrem eigenen) sind.

Ich kann mir immer noch ein glückliches Leben ohne Kinder vorstellen

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen genieße ich mein Kind, das sich morgens neben mich ins Bett kuschelt, freue ich mich über das Miterleben der Entfaltung dieses kleinen Erdenbürgers und empfinde es immer wieder und immer noch als Wunder, dass da plötzlich so eine Persönlichkeit vor mir steht, die vorher nicht da war und die ganz eigene Gedanken, Begabungen und Eigenheiten mitbringt.

Ich freue mich über diese unbändige Lebensenergie und Lebensfreude, die sich morgens einfach anknipst und bis abends anhält in voller Intensität, Gegenwärtigkeit und Begeisterung, in tiefster Freude, tiefster Trauer und tiefster Wut.

Ich empfinde meine Kinder trotz aller Ambivalenz immer wieder als Geschenke des Lebens. Aber ich erlaube mir, diese Geschenke manchmal zum Mond zu wünschen.

Teaserfoto: Justin Paget/Corbis
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