Die Wahrheit hinter der Schmuckindustrie: "In den Goldminen von Peru habe ich das Grauen gesehen"

Guya Merkle wollte erst nichts mit dem Schmuckbetrieb ihrer Familie zu tun haben. Dann kam sie mit den schrecklichen Machenschaften der Goldminen-Besitzer in Berührung. Und wurde aktiv.

Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft

Ich habe Flugangst - schreckliche Flugangst. Ich starre konzentriert in die Gewitterwolken, die sich um uns herum auftürmen, während wir den Flughafen von Lima anfliegen.

Am Ausgang wartet schon Manuel mit Übersetzerin Maria auf mich. Die beiden verfrachten mich in den Bus, der uns in zwölf Stunden in das Fischerdorf Nasca bringen wird.

Manuel ist Minenarbeiter in dritter Generation, in den Schacht geht er aber schon lange nicht mehr. Er setzt sich jetzt für die Rechte der Menschen ein, die unter schwierigsten Bedingungen Gold abbauen. Ich bin durch einen Artikel auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn kontaktiert.

Giftiges Quecksilber und unmenschliche Zustände

Nachdem mein Vater, der das Schmucklabel "Vieri" führte, 2007 verstarb, gab ich mein altes Leben auf und entschied ich mich zu einer Ausbildung beim "Gemological Institute of America" (GIA) in London. Ich wollte verstehen, was das alles auf sich hat mit dem Schmuck und seiner Herstellung.

Dabei sah ich Bilder von Goldminen und in mir kam das Gefühl auf, dass da etwas gehörig schief läuft. Also fragte ich nach - mit wenig Erfolg. Ich erfuhr, dass Gold vor allem in Lateinamerika und in Afrika abgebaut wird, aber auch in der Mongolei und in China.

Nach Recherchen im Internet kamen dann Schlagwörter wie Quecksilber, unmenschliche Zustände und unfaire Bezahlung dazu. Mehr war jedoch nicht zu finden. Bis ich über einen Artikel der "Alliance for Responsible Mining" stolperte, über Manuel und sein Engagement für seinen Berufsstand. Ich kontaktierte die Zentrale in Bogota, buchte einen Flug, machte eine Crash-Therapie gegen Flugangst (die ich mir hätte sparen können) und flog nach Peru.

Nach zwölf Stunden kamen wir in dem Dorf an und ich fiel erschöpft in das Bett meines kleinen Hotelzimmers. Doch nach fünf Stunden ging es schon weiter. Stundenlang auf staubigen Geröllstraßen, 3000 Meter hoch ins Gebirge. Noch wusste ich nicht, dass es dort kein Wasser gibt. Zumindest keines, das man trinken sollte.

Schlimmer als erwartet

Das Bild, das sich uns bot, war unbeschreiblich - überall Wellblechhütten und Dreck. In der Minenstadt leben rund 3000 Menschen. Sie arbeiten und leben ausschließlich für das Goldschürfen: Kinder, Frauen, Männer.

Wir werden herzlich willkommen geheißen und herumgeführt. Ich stocke, als wir an einer Lehmmulde ankamen: Ein junger Mann gießt Quecksilber in die Kuhle, schüttet Wasser und zerkleinertes Gestein hinein und fängt an, mit seiner Hand darin herumzurühren. Es liegt ein stechender Geruch in der Luft. Ich drehe mich zu meiner Übersetzerin um, ich habe eine Frage an den Mann. Ich will fragen, ob sie denn keine Handschuhe benutzen und sehe nur, wie Maria ohnmächtig neben mir zusammensackt, sie schäumt aus dem Mund und zuckt.

Ich habe Angst, fühle mich verantwortlich, frage laut, ob es hier einen Arzt gibt? Fehlanzeige. Es finden sich aber schnell ein paar Frauen, die Kräuter bringen, die sie Maria unter die Nase reiben. Sie kommt langsam zu sich. Quecksilberschock. Gepaart mit Hitze und Flüssigkeitsmangel.

Ich bin auch geschockt. Wie kann es sein, dass in einer milliardenschweren Luxusindustrie, die Liebe, Emotionen und Träume verkauft, so etwas geschieht? Wer fühlt sich dafür verantwortlich? Mir wird klar, dass ich in so einer Industrie nicht arbeiten möchte. Ich möchte weg. Es ist zu viel.

Ich möchte nur noch weg - aber dann finde ich den Ausweg

Guya Merkle war 21, als ihr Vater starb und sie sich für einen neuen Lebensweg entscheiden musste. Seit sie das Familienunternehmen "Vieri" leitet, wird dort nur noch zertifiziertes Gold verarbeitet.

Auf dem Weg zum Auto komme ich mit ein paar Frauen ins Gespräch. Sie erzählen mir, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind. Aber auch, dass sie hart arbeiten müssen und am Existenzminimum leben. Es gibt keine Infrastruktur, keine Bildung, keine Gesundheitsversorgung und keine Wertschätzung. Sie fragen mich, ob ich das erzählen kann in meinem Land. Ob ich von ihnen erzählen kann.

Wir fahren weiter in eine Mine, in der Manuel und die "Alliance for Responsible Mining" schon lange aktiv ist. Dort sieht es anders aus. Lebendiger, fröhlicher. An einer Ecke neben einem Fußballplatz entdecke ich Mülleimer in drei Farben – Mülltrennung gehört zum Programm, erklärt Manuel.

Diese Mine ist eine zertifizierte Mine. Eine, die nach fairen Prinzipien arbeitet. Das Quecksilber wird nur in geschlossenen Kreisläufen benutzt, die Arbeiter bekommen Schutzkleidung, eine Ausbildung und sie arbeiten legal. Wer dieses Gold kauft, finanziert wichtige Projekte mit: für Bildung, Infrastruktur, Gesundheit.

Natürlich gibt es auch hier Herausforderungen - die Nachfrage des zertifizierten Goldes ist noch zu gering.

Die Entscheidung ist gefallen

Ich sitze wieder im Flugzeug. Mein Hirn läuft auf Hochtouren - für Flugangst gibt es gerade keinen Raum. Ich entscheide wie immer aus dem Bauch heraus - schnell. Manchmal zu schnell. Diesmal genau richtig.

Ich möchte mein Familienunternehmen in eine neue Zeit führen. Ich möchte verantwortlich arbeiten. Ich möchte ein Unternehmen aufbauen, das ganzheitlich arbeitet. Ich möchte Schmuck machen, der für jeden, der damit in Berührung kommt, nur das Beste bringt.

"Vieri" arbeitet seit meiner Rückkehr ausschließlich mit ethisch korrektem Gold aus der zertifizierten Mine in Peru. Zudem habe ich eine Stiftung gegründet: Die Earthbeat Foundation gibt den Minenarbeitern eine Stimme und ein Gesicht. Wir erzählen ihre Geschichten und wir arbeiten mit ihnen gemeinsam an Alternativen. An Strukturen, die ihnen erlauben, selbständig und selbstbestimmt einer Zukunft entgegenzublicken, die wir uns alle wünschen.

Es geht um Respekt, um Wertschätzung und um Menschlichkeit. Und auch wenn ich mein Familienunternehmen damit in ein Start-up verwandelt habe, das noch in den Kinderschuhen steckt, sehe ich jeden Tag, dass es der richtige Weg ist. Das in mein Antrieb. Jeden Tag.

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.