"Urlaub? Wird total überschätzt!"

BRIGITTE.de-Leserin Eva Scheuba hat nicht die geringste Lust, Urlaub zu machen. Sie hat einen ganz anderen Weg gefunden, um ich zu erholen.

Urlaub wird überschätzt, sagt Eva Scheuba

Eva Scheuba arbeitet als Coach und Supervisorin mit Führungskräften und Teams, die Lust auf professionelle und konfliktfreie Arbeitsbeziehungen haben. Sie lebt in Rheinhessen, ist verheiratet und Mutter einer zweijährigen Tochter. Weitere Infos unter www.systemaktiv.de

Das Familienauto, ein geräumiger Volvo, steht gepackt im Hof. Nichts passt mehr in den Kofferraum. Mein Mann hat vom Packen Schweißperlen auf der Stirn, das Kind quängelt und meine Mutter will zur Sicherheit schnell noch ein paar Handtücher  einpacken. Genervt steige ich ins Auto, schließe die Augen und hoffe, dass wir bald in Frankreich sind. Während der Fahrt schießt mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: „Hätte ich mal lieber die Weiterbildung besucht!“

Urlaub ist Stress pur!

Was für meine Freundinnen das Highlight des Jahres ist, ist für mich Stress pur. Bereits Wochen vor dem ersten Urlaubstag bestimmt dieses Thema unsere gesamten Planungen und Abläufe. Auch die Tage direkt danach sind stressiger als der ganz normale Familienalltag.

Schon seit knapp 20 Jahren verzichte ich daher regelmäßig auf . Es gab Jahre, da habe ich weniger als eine Woche Urlaub gemacht.

Wie konnte es so weit kommen? Anfang 20, Vollzeitjob, dreimal die Woche Unterricht fürs Fachabitur, auch samstags, eine Lebenspartnerschaft mit gemeinsamer Wohnung - da blieb nicht viel Raum zum Lernen. Um meinen Abschluss zu schaffen, fing ich an, einen Teil meines Urlaubs zu investieren.

Während des daran anschließenden berufsbegleitenden Studiums hatte ich noch weniger Zeit. Mit nur sechs Wochen ohne Vorlesung, die ausgerechnet in die Schulferien fielen, und Urlaubswünschen von Mitarbeiterinnen mit Kindern, die bevorzugt wurden, hatte ich nun gar keine Möglichkeit mehr, Urlaub am Stück zu nehmen. Und vereinzelte Urlaubstage fühlten sich an wie verschwendete Zeit. So suchte ich nach einer Möglichkeit, meinen Urlaub sinnvoll zu nutzen. Was war da naheliegender, als mich weiter zu qualifizieren?

Keinen Urlaub zu haben, bedeutet für mich keinen Verzicht

Ich spürte schnell: Es ist toll, Zeit in meine Weiterentwicklung zu investieren. Das Lernen erfüllte mich und machte mich zufrieden. Zeitgleich merkte ich, dass es noch viel mehr gibt, was ich lernen will – und machte mich immer wieder auf die Suche nach einer neuen Weiterbildung.

Klar habe ich es auch schon mal bedauert, dass ich meinen kompletten Urlaub für Weiterbildungen verplant habe, beispielsweise als wir unserer Mutter spontan eine Kurzreise nach Mallorca schenkten. Dafür hätte ich gerne noch ein paar mehr Tage mehr zur Verfügung gehabt. Aber es sind nur wenige Momente, die mich zweifeln lassen.

Eigentlich tut es mir mehr für meine Familie und Freunde leid, dass ich so wenig Spaß an Urlaub habe. Sie müssen mich regelrecht nötigen, mal ein paar Tage frei zu machen.

Das Leben ist zu kurz für Urlaub!

Wer mich näher kennt, weiß, ich immer wieder etwas Neues lerne oder studiere. Nach dem zweiten Studienabschluss fragte mich eine Freundin: „Jetzt reicht es aber, oder?“

Was soll ich auf eine solche Frage antworten? Reicht es (mir) irgendwann? Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben ist viel zu kurz für die Möglichkeiten, die es bietet. Von meinem dritten Studium habe ich ihr dann gar nichts mehr erzählt. Ganz zu schweigen von den weiteren Qualifizierungen, die ich in den letzten Jahren abgeschlossen habe.

Meine Freunde verstehen oft nicht, warum ich immer weiter nach persönlicher Entwicklung strebe. Viele arbeiten in lukrativen Jobs und hangeln sich von Urlaub zu Urlaub. Immer mit dem Gefühl, dringend Erholung zu brauchen. Dieses Gefühl kenne ich nicht. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Erholung finde ich in meinem Job oder einer Weiterbildung.

Mittlerweile habe ich es mir abgewöhnt, mich zu rechtfertigen. Ich überhöre ketzerische Kommentare oder schmunzle einfach nur.

Ich finde, dass Urlaub maßlos überschätzt wird

Nur weil es gesellschaftlich anerkannt ist, sich regelmäßig Auszeiten zu gönnen, bedeutet das nicht, dass für mich keine andere Form der Entspannung möglich ist.

Selbst meine Familie weiß nicht immer so genau, welche Weiterbildung ich gerade mache. Hier reicht es aus, dass ich Mama, Frau, Tochter oder Schwester bin. Und das ist gut so.

Es ist der erste Freitag nach dem Frankreich-Urlaub. Meine rote Lieblingstasche steht schon gepackt in meinem Büro. Heute geht es zu einem Seminar nach Koblenz. Ich freue mich auf ein Wochenende mit wertvollen Impulsen, interessanten Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen - und natürlich Entspannung.

"Urlaub? Wird total überschätzt!"

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