"Warum ich mich für einen Samenspender entschieden habe"

BRIGITTE.de-Leserin Hanna hat sich erfolgreich einen Samenspender gesucht. Ihr Kinderwunsch war zu groß gewesen, um unerfüllt zu bleiben.

Hanna hat sich nach einer Beziehung mit einem Mann ohne Kinderwunsch für eine offene Samenspende entschieden. Sie wollte sich nicht dem Druck aussetzen, dass es “irgendwann” klappt, eine Familie auf dem klassischen Weg zu gründen und wählte das Modell der "Single Mom by Choice", der freiwillig alleinerziehenden Singlemama. Im April 2017 kam ihr Sohn zur Welt. Wenn er möchte, kann er seinen biologischen Vater eines Tages kennenlernen. Hanna bloggt für Singles mit Kinderwunsch unter www.solomamapluseins.de und auf Instagram unter www.instagram.com/solomamapluseins/

"Kinder nicht inbegriffen"

Es hätte was werden können mit der Vorzeigefamilie. Anfang 30 bin ich schwer verliebt und sehe mich bereits meinen Plan A mit Vater, Mutter, Kind umsetzen. Hinderlich nur, dass ich beim neuen Mann das Kleingedruckte überlesen habe: Kinder nicht inbegriffen.

Als er mir sagt, dass Vaterwerden nicht in sein Lebenskonzept passt, stirbt etwas in mir.

Ich fühle mich ohnmächtig, will ihn wachschütteln und zur Vernunft bringen. Aber was hätte es für einen Sinn, jemanden zu einem Kind zu überreden?!

Einige gemeinsame Jahre glaube ich sogar, dass ich wohl nicht zum Mamasein gemacht bin und es Schicksal ist, genau dem Mann zu begegnen, der Kinder als einziges nicht auf seiner Wunschliste stehen hat.

Mein innerer Countdown zählt runter

Bis mich mein innerer Countdown laut tickend daran erinnert, dass meine Fruchtbarkeit ein Ablaufdatum hat. Plötzlich sehe ich nur noch schwangere Paare, werde schrecklich unzufrieden und fühle mich abgehängt vom Leben.

“Mach’ dir keine Sorgen, das wird schon“, trösten mich Freunde. Beim x-ten Mal höre ich nur noch “Sorgen“. Und die mache ich mir. Andere können mich schwer verstehen, haben ja ihre Familie oder wollen keine. Aber mir fehlt etwas. Jemand. Denn da ist diese Lücke im Herzen, die auch kein Mann füllen kann.

Mein Abschied vom klassischen Familienbild

Es wird schmerzhaft: Trennung, Therapie, Reisen durch Europa und zu mir. Doch alles hat seinen Sinn, denn ich will einem Kind keine Mama zumuten, die sich selbst nicht genug wäre. Möchte nicht, dass das kleine Wesen nur für einen Egotrip herhalten muss, weil seine Mama das Gefühl hat, ohne Kind etwas zu verpassen.

Mit jedem Schritt, den ich jetzt gehe, fühle ich mich freier, selbstbewusster und sicherer, dass ich ein Baby möchte. Und dass ich sogar stark genug wäre, es alleine zu schaffen.

Darauf vertrauen, dass der nächste Mann ein Volltreffer wird, kann und möchte ich nicht. Ich bin ein Slow-Motion-Verlieber. Brauche ewig fürs Herzflattern und erst recht zur Liebe. Außerdem würde ich ihn immer mit meinen Ich-will-ein-Kind-Augen anstarren, während ich ihn auf seine Vatertauglichkeit scanne. Und das wäre ziemlich unfair.

Deswegen verabschiede ich mich nach und nach von meinem Bild, eine klassische Familie haben zu müssen. Das entlastet ungemein und macht mich offen für Alternativen. Ich informiere mich über Co-Parenting, Adoption und schließlich über Samenspenden, ein immer noch heikles Thema in Deutschland, besonders für Singles mit Kinderwunsch.

Ich bereite mich darauf vor,  alleinerziehend zu sein

Je länger ich mich damit auseinandersetze, freiwillig alleinerziehende Mama zu werden - im amerikanischen Single Mom by Choice oder Choice Mom genannt -, desto fester wird mein Entschluss: Ich werde alleine ein Kind bekommen. Keine Spur mehr von Zweifel, von Angst oder Scham. Ich freue mich wahnsinnig auf diesen Schritt, der mein Leben gehörig durcheinanderwirbeln wird.

Ich spare noch mehr als sowieso schon, ziehe in eine Eigentumswohnung, räume emotionalen Ballast aus dem Weg und suche mir Unterstützer. Meinen Job kann ich, dank flexibler Kollegen und Chefs, an die Umstände anpassen, mal eher Schluss machen, im Homeoffice arbeiten oder einen Tag ganz aussetzen.

Die Eckpfeiler sind gesetzt. Fehlt nur noch die Umsetzung. Denn ganz ohne männliches Material funktioniert’s natürlich nicht.

Die Suche nach dem Aha-Mann

Stundenlang verbringe ich im Online-Katalog von Samenbanken, um Spenderprofile nach dem Aha-Mann zu durchforsten. Im Vergleich zu einem potenziellen Partner hat ein Samenspender viel leichteres Spiel mit mir, weil ich weniger Kriterien ansetze, als bei der Partnersuche.

Die wichtigsten Punkte für mich: Sieht er sympathisch aus? Ist er weitestgehend gesund?

Ob wir auch im echten Leben zusammenpassen würden, steht nicht im Raum und macht das Spender-Tinder deswegen auch herrlich unanstrengend, weil der ganze Vorlauf des Kennenlernens komplett wegfällt.

Dennoch dauert es einige Wochen, bis ich den perfekten Spender für mich gefunden habe.

Tue ich das Richtige?

Meinen ersten Versuch, schwanger zu werden, wage ich mit quietschendem Herzen in Dänemark, wo es für Singles kein Problem ist, sich behandeln zu lassen. Logistisch eine Herausforderung, denn mein Eisprung will sich nicht an sein übliches Zeitfenster halten und macht die Reise- und Hotelplanung zu einer kniffligen Angelegenheit.

Psychisch schwanke ich bis zum Ergebnis des Schwangerschaftstests zwischen Tiefenentspannung und Hysterie. So viel hängt an diesem ersten Versuch: Geld, Zeit und eine enorm große Hoffnung.

Das negative Ergebnis haut mich dann um, lässt mich zweifeln, ob meine Entscheidung die richtige ist. Wie viele Behandlungen kann ich mir überhaupt leisten, wenn ich am Ende nicht pleite in die Schwangerschaft starten will? Und wie kann ich das emotional alles verkraften, wenn die nächsten Versuche genauso schwierig werden?

Ich rede mit meiner Mama, die mir sagt “Geh’ davon aus, dass du mindestens zehn Behandlungen brauchst. Danach sehen wir weiter.“

Das hilft. Und ermutigt mich, meinen Wunsch vom eigenen Kind nicht zu den Akten zu legen. Wie könnte ich auch, bei einem so sehnlichen Wunsch?! Mein Leben ist dafür noch viel zu lang, als dass ich kinderlos bleiben möchte.

Drei Monate später bin ich schwanger

Schon drei Monate später, nach dem zweiten Versuch, bin ich schwanger. Fühle mich anfangs wie in einen Wattebausch gepackt und schwebe wie in Trance durch die Tage. Bei den ersten Untersuchungen bibbere ich innerlich vor Angst, mein kleines Fünkchen Fast-Mensch könnte es sich noch anders überlegen und sich wieder verabschieden. Aber er bleibt bei mir, über neun Monate, und beschert mir eine unkomplizierte Schwangerschaft und eine aufregende Geburt.

Die ersten Wochen hilft mir meine Familie, mich in meine Rolle als Mama einzufinden. Die weiteren Monate sind Freunde und neue Bekanntschaften für mich da.

Mit der Bezeichnung “alleinerziehend” kann ich mich deswegen auch nicht recht anfreunden. Denn ich habe ein ganz wunderbares Netzwerk aus Freunden, Bekannten und Kollegen, die mich die ganze Zeit unterstützt und mir immer das Gefühl gegeben haben: Wir sind immer für dich da!

Ich habe meine Entscheidung nie bereut

Mein Leben als Mama ist sicherlich ein anderes, als ich es mir als Teenager ausgemalt hatte, und nach wie vor fände ich es schön, wenn das traditionelle Familienmodell nicht komplett ausstirbt. Doch ich habe meine Entscheidung nicht bereut.

“Und willst du denn mal wieder einen Freund?”, wurde ich vor Kurzem gefragt. Meine Antwort lautete: “Klar!” Aber eben nicht auf Biegen und Brechen. Wenn es sich irgendwann ergibt und ein Mann mit meinem Kind gut klarkommt, dann freue ich mich auf diese Zeit.

Solange genieße ich es in vollen Zügen, so viel Zeit wie möglich mit meinem Sohn zu verbringen, der immer den ersten Platz an meiner Seite einnehmen wird.

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