„So last season!" Warum ist Deutschland eigentlich so rückständig?

Deutschland ist rückstandig

BRIGITTE.de-Leserin Julia Rüll ärgert sich über die Kleingeistigkeit in Deutschland und sagt: Technischer Fortschritt ist nicht alles!

Wir leben in einem Entwicklungsland

In den letzten Wochen ist mir wieder schmerzhaft bewusst geworden, dass ich in einem Entwicklungsland lebe. Damit meine ich nicht, dass bei uns nichts funktioniert, so nach dem Motto „Bananenrepublik “.

Nein, das Problem ist vielmehr, dass wir viel zu strukturiert sind und die Mehrheit der Deutschen ein Schubladendenken pflegt. Nicht nur, aber besonders in der Arbeitswelt.

Ich war nach einigen Jahren bei einem skandinavischen Unternehmen auf der Suche nach einem neuen Job. Da ich Mutter bin, Teilzeit arbeiten möchte und etwas ländlicher wohne, stellte dies ein ernstes Problem dar.

Erkenntnis: Das Teilzeit-Modell ist in Deutschland noch nicht angekommen. Sicher, im Niedriglohnsektor lässt sich schon was finden. Man kann mit Universitätsabschluss im Supermarkt Regale einräumen oder Post austragen. Wer aber eine anspruchsvollere Aufgabe sucht, mit angemessener Bezahlung und eventuell sogar noch kombinierbar mit einer Homeoffice-Lösung, hat verloren. Was bei meinem skandinavischen Arbeitgeber kein Problem war, stellt plötzlich ein unüberwindbares Hindernis dar.

Besonders skurril ist die Argumentation in den Bewerbungsgesprächen. Da wird von „nicht so gut funktionierender Projektkommunikation“ gefaselt und davon, wie wichtig der tägliche persönliche Kontakt sei. Dabei leben wir im Zeitalter der mobilen Kommunikation. Selbst die lange Anfahrt über stauverstopfte Straßen wird sich noch schönfantasiert.

Das Problem? Kontrollwahn und mangelnde Flexibilität

Die Wahrheit dahinter? Kontrollwahn. Johnny Controlletti im Reinformat. 
Es ist doch so: Wenn ich von vorneherein beschlossen habe, zu einem Mitarbeiter kein Vertrauen zu haben, wenn er daheim am Rechner sitzt statt im Büro, dann ist was schief gelaufen.
 Hier fehlt es schlicht an Flexibilität! 



Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass man hierzulande gewissermaßen dazu verdammt wird, auf ewige Zeit das zu tun, was man beruflich immer getan hat. Dass man geistig flexibel ist, sich auf neue Aufgaben einlassen kann und möchte, scheint undenkbar. Oder das Unternehmen hat einfach keine Lust, sich darauf einzustellen, dass die Einarbeitung vielleicht zwei Monate dauert statt nur zwei Wochen.


Dabei braucht man sich nur einmal die abwechslungsreichen Werdegänge von Amerikanern anzuschauen: Eben noch Schauspieler, heute schon US-Präsident. Geht doch. Doch soweit muss man gar nicht schauen – ein Blick über die Grenze zu unseren holländischen Nachbarn ist schon ausreichend. Da kann man Lebensläufe sehen, die bunt sind und abwechslungsreich.

Technischer Fortschritt ist nicht alles!

Julia Rüll

Julia Rüll (40) ist verheiratet und wohnt samt Mann und fünfjährigem Sohn im Taunus. In ihrer Freizeit geht sie gern mit dem Hund spazieren, befasst sich mit Tierschutz oder liest.

Auch im privaten Leben geht es in anderen Ländern oft freigeistiger zu. Wenn man als Frau einen Partner hat, der 20 Jahre älter ist als man selbst, haben viele noch immer Diskussionsbedarf. Läuft man mal als Frau eine Zeitlang mit einer Glatze herum – aus welchem Grunde auch immer – kann ja nur ein Problem dahinter stecken. Und wenn man erwähnt, dass man absolut nichts gegen die Homo-Ehe hat, stellt man fest, dass man selbst damit noch immer ein riesiges Fass aufmachen kann.

Manchmal möchte ich die ganze Gesellschaft rütteln und schütteln und rufen: „Leute, wir leben im Jahr 2017!“

 Deutschland ist weit davon entfernt, so flexibel, liberal und offen zu sein, wie es sich gern präsentiert. Technischer Fortschritt ist  nicht alles. Die wahre Freiheit fängt im Kopf an!

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