"Wie ich mich aus einer schlimmen Kindheit ins Leben kämpfte"

Missbrauch, Gewalt, Krieg, Flucht: BRIGITTE.de-Leserin Zeljka wuchs unter schwierigen Bedingungen in Kroatien auf. Doch sie hat nie aufgegeben.

Zeljka

Zeljka wurde 1970 im kroatischen Slavonski Brod geboren. Seit Juni 1992 lebt sie in Deutschland. Sie ist seit 2004 verheiratet und wohnt in Bayern. Heute hat sie die Familie, die sie sich immer gewünscht hat.

Meine Mutter wollte sich umbringen, als sie mit mir schwanger war

Slavonski Brod ist eine wunderschöne Stadt. Das schönste ist, dass sie direkt am Fluss liegt. Im bunten, lebhaften Zentrum gibt es Geschäfte, Eisdielen, Cafés und Discos. Dort bin ich geboren.

Doch ich musste schon vor meiner Geburt kämpfen. Meine hochschwangere Mutter, unglücklich und einsam in ihrer Ehe, hatte versucht, sich das Leben zu nehmen. Wir überlebten beide.

Vom Beginn meiner Kindheit an habe ich körperliche Gewalt und seelische Grausamkeiten erfahren. Oft musste ich miterleben, wie mein alkoholkranker Vater meine Mutter demütigte und verprügelte. Ich wurde oft mit meinem Vater allein gelassen, manchmal bin ich zu meiner geliebten Großmutter geflohen. Ich bin oft weggelaufen und habe die Nächte draußen verbracht. Das Gefühl familiärer Geborgenheit erlebte ich nur selten, nur bei meinen Großeltern habe ich Liebe gespürt. Als ich sieben und acht Jahre alt war, wurden meine Geschwister geboren, für die ich häufig verantwortlich war.

Erst im Heim erlebte ich, wie sich ein Leben ohne Angst anfühlt

Als ich noch nicht einmal zehn Jahre alt war, wurde ich von meinem Vater missbraucht. Nach ungefähr einem Jahr des Schweigens ließen meine Eltern sich scheiden und ich kam ins Heim. Erst dort erlebte ich, wie sich ein Leben ohne Schläge und Grausamkeit anfühlt - ein Leben, in dem man abends ohne Angst einschlafen kann.

Doch auch diese Zeit war nicht immer leicht für mich. Ich vermisste meine Geschwister, die zunächst bei unserem Vater bleiben mussten. Als ich 14 Jahre alt war, wurde meine Mutter ermordet. Das konnte ich lange Zeit nicht verkraften. Mit 15 wurde ich schwanger, aber ich musste das Kind abtreiben.

In der Schule wurden Heimkinder diskriminiert. Ich habe mich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Ich habe meine Ausbildung fertig gemacht und aus meiner Jugend das Beste gemacht.

Mit dem Krieg kam die Diskriminierung

Mit 17 lernte ich Branko kennen. Kurze Zeit später wurde auch mein Vater umgebracht. Mein Mann ist Serbe, was damals keine Rolle spielte. Nachdem meine Geschwister und ich das Haus meiner Eltern geerbt hatten, zog Branko zu mir. Als ich 19 war, heirateten wir. Wir bekamen einen Sohn und waren sehr glücklich. Doch dieses Glück war nicht von langer Dauer.

Im Sommer 1991 begann der Krieg im damaligen Jugoslawien. Viele Menschen begannen, zwischen Serben und Kroaten zu unterscheiden. Schließlich hat sich mein Mann in nicht mehr wohlgefühlt. Er floh nach Bosnien zu seinen Eltern, und ich folgte ihm mit unserem Kind, weil ich dachte, dass mein Platz bei meinem Mann ist. Doch weil ich Kroatin bin, war seine Familie  äußerst feindselig zu mir.

Ich bin regelmäßig über die Grenze nach Slavonski Brod gefahren, um meine Großmutter zu besuchen und um Kleidung für meinen Sohn zu holen, die noch im Haus geblieben war. Auch Babynahrung war in Kroatien leichter zu bekommen als in Bosnien.

Branko traute sich nicht, nach Kroatien zu fahren, und auch seine Familie hatte Angst um ihn. Um mich machten sie sich keine Sorgen - im Gegenteil, sie wären wahrscheinlich froh gewesen, wenn mir etwas zugestoßen wäre.

Meine Ausflüge nach Kroatien waren lebensgefährlich

Die Brücken zwischen Slavonski Brod und Bosnien waren vermint, und in Slavonski Brod herrschte immer wieder Fliegeralarm. Aber meine Oma und meine Geschwister zu sehen, und alles Notwendige für mein Kind zu besorgen, war mir wichtiger. Ich hatte immer Angst, es nicht zu schaffen, weil das Militär ab einer bestimmten Uhrzeit die Grenze schloss. Ich konnte mir keine Nacht ohne mein Kind vorstellen, darum beeilte ich mich und betete, dass ich es noch rechtzeitig schaffen würde.

Einige Wochen später wurde ich wieder schwanger. Es war keine gute Zeit, um ein Baby zu bekommen. Darum beschloss ich, abzutreiben. Leider gab es im Krieg nicht genug Morphium. Außerdem war mein Arzt in einem sehr kritischen Zustand, weil sein Sohn einen Tag zuvor entführt worden war. Ich biss die Zähne zusammen und ließ den Eingriff geschehen.

Auf der Flucht ließ er mich im Stich

Am nächsten Tag begann die Evakuierung. Ich ging mit der Familie meines Mannes ein Stück gemeinsam, aber weil seine Eltern mich ablehnten, trennten sich unsere Wege. Mein Sohn und ich flohen nach Belgrad, wo wir in einer Kaserne Unterschlupf fanden. Nach eineinhalb Monaten waren wir dort nicht mehr sicher, darum verließen wir das Lager zusammen mit einer Frau und ihren zwei Kindern, die ich dort kennengelernt hatte. Sie schaffte es, über ihren Cousin ein Zugticket für uns alle nach Ungarn zu besorgen. Dann ging es weiter nach Wien. Von dort wurden wir von Verwandten meiner Bekannten abgeholt und nach Deutschland gebracht. Ich habe Branko nie wiedergesehen.

Ich habe mir mein Leben in Deutschland langsam aufgebaut. Es war steinig und schwer. Ich konnte kein Deutsch und habe die Sprache allein gelernt. Nach drei Monaten konnte ich mich verständigen. Ich war gerade mal 22 Jahre alt und hatte keine Familie. Mein Sohn hat das Glück, all die grausamen Erlebnisse vergessen zu können, weil er damals noch so klein war.

Ich war sehr enttäuscht von meinem Mann, weil er mich und seinen Sohn im Stich gelassen hat. Ich ließ mich scheiden und nahm wieder meinen Mädchennamen an. Ich wollte seinen Namen nicht länger tragen.

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