"Aus einem Urlaub wurde Liebe"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Julia Tries wollte eigentlich nur ein paar Wochen in Chile bleiben, doch dann hat sie sich verliebt.

Julia Tries, 29, hat Publizistik in Mainz und Krakau studiert. Aus einem ursprünglich als Urlaub angelegten Aufenthalt in Südamerika ergab sich, dass sie sich dort niederließ. Zurzeit lebt in Santiago de Chile und arbeitet als Englischlehrerin.

Ich bin ein chronisch von Fernweh geplagter Mensch. Aus diesem Gefühl heraus entstand auch die Idee, nach Beendigung meines Studiums nach Südamerika zu reisen. Sechs Wochen Chile. Sechs Wochen Spanisch lernen, das Land erkunden und Empanadas essen. So ungefähr sah mein Plan aus. Nun ja, mein ursprünglicher.

Meine ersten Wochen in Santiago waren vorwiegend von Museumsbesuchen, interkulturellen Treffen und, zugegebenermaßen, auch der ein oder anderen chilenischen Weinprobe geprägt. Obwohl ich nach und nach immer mehr von der Stadt sah, blieb Santiago in der ersten Zeit vor allem eins: chaotisch und unübersichtlich. Insbesondere daher war ich dankbar, dass ich durch eine Freundin mit ein paar vor Ort lebenden Leuten in Kontakt kam.

So passierte, was ich zu diesem Zeitpunkt wohl als letztes erwartet hätte: Ich lernte einen Chilenen kennen und verliebte mich. Zunächst entschied ich mich, meinen Rückflug um zwei Monate nach hinten zu verschieben. Im April ließ ich dann auch diesen Flug verfallen und beschloss, erst mal in Südamerika zu bleiben, auf unbestimmte Zeit. Ich wohne mittlerweile seit sechs Monaten in Santiago und arbeite hier als Englischlehrerin an einer Sprachschule. Mein Beruf, die chilenische Sprache, die mitunter nur wenig mit Spanisch gemein zu haben scheint, bürokratische Hürden und die Hektik in der Stadt fordern mich immer wieder heraus. Zudem bin ich mir permanent bewusst, dass ich Ausländerin bin. Mein europäisches Aussehen bewirkt, dass ich immer und überall auffalle und daher auch sehr oft angeschaut oder angesprochen werde. Das Gefühl, dass die anderen wahrnehmen, dass ich anders bin, verstärkt mitunter mein persönliches Empfinden, fremd zu sein.

Ich habe zwar schon bevor ich nach Chile gereist bin mit dem Gedanken gespielt, in den nächsten Jahren möglicherweise im Ausland zu arbeiten. Allerdings in Europa, denn Südamerika ist nun mal wahnsinnig weit weg von Deutschland, meiner Familie und meinen Freunden. Und ich verpasse sehr viel. Die schönen Dinge, Feste und Feiern oder wie mein kleiner Neffe anfängt zu sprechen. Aber auch in schwierigen Momenten kann ich nicht da sein. Das ist manchmal nicht einfach zu akzeptieren und lässt mich an meiner Entscheidung zweifeln.

Meine Schüler fragen mich oft, warum ich es vorziehe, in Südamerika zu bleiben und nicht nach Deutschland zurückgehe. Zur Zeit bin glücklich in Chile, auch wenn ich meine Familie sehr vermisse. Es ist keine leichte Entscheidung, wenn die Menschen, die man liebt, auf unterschiedlichen Kontinenten leben. Die Aufgaben und Anforderungen, die das Leben hier mit sich bringt, lassen mich wachsen. Ich habe das Gefühl, dass die Umstände im Land bewirken, dass ich noch viel mehr als vorher schätze, was ich habe und vieles gelassener sehe. Und auch wenn es Chile ökonomisch in Südamerika vergleichsweise gut geht, bestehen innerhalb der Bevölkerung große Unterschiede, was den Verdienst, die Möglichkeit einer guten Bildung oder beispielsweise die medizinische Versorgung betrifft. Der Optimismus und die Freundlichkeit der Chilenen beeindrucken und motivieren mich jeden Tag aufs Neue.

Zudem habe ich mich unendlich in die vielfältige Natur und Landschaft Chiles verliebt. Die Weite der Atacamawüste, die mystische Atmosphäre des Valle D'Elqui und die Schönheit der Anden, die ich jeden Tag sehe, wenn ich aus dem Fenster in meiner Wohnung schaue. Der vermeintlich schwierigere Weg fühlt sich für mich momentan richtig an. Auch wenn er einige Opfer mit sich bringt. Und über Chile geht. Aber geradlinig war sowie noch nie etwas für mich.

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