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"Brasilien, (m)ein Sommermärchen"


In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel erzählt Rebecca Langner, die gerade aus Brasilien zurückgekehrt ist, von ihrem WM-Sommer vor Ort.

Rebecca Langner, 29, ist Diplom-Verwaltungswirtin und arbeitet in der Organisationsberatung in der öffentlichen Verwaltung. Gemeinsam mit ihrem Freund nutzt sie jede Möglichkeit, dem Kölner Alltag zu entfliehen, egal ob Kurztrip oder Fernreise. Sie ist immer neugierig darauf, wie Menschen woanders leben, wie sie ihre Kultur und Traditionen pflegen und auch, was sie essen. Diese Gerichte kocht sie dann mit großer Begeisterung zuhause nach.
Rebecca Langner, 29, ist Diplom-Verwaltungswirtin und arbeitet in der Organisationsberatung in der öffentlichen Verwaltung. Gemeinsam mit ihrem Freund nutzt sie jede Möglichkeit, dem Kölner Alltag zu entfliehen, egal ob Kurztrip oder Fernreise. Sie ist immer neugierig darauf, wie Menschen woanders leben, wie sie ihre Kultur und Traditionen pflegen und auch, was sie essen. Diese Gerichte kocht sie dann mit großer Begeisterung zuhause nach.
© privat

Die Reise zur Fußballweltmeisterschaft 2014 war der große Traum meines Freundes, seit ich ihn kenne. Da Brasilien jetzt nicht gerade das schlechteste Reiseziel ist, hat es ihn keine Mühe gekostet, mich mit seiner Begeisterung anzustecken. Doch als im Sommer 2013 in Brasilien der Confed Cup stattfand, gab es dort immer mehr Proteste gegen die horrenden Ausgaben der Regierung für neue Stadien. Auch ich habe mir vor unserer Reise viele Gedanken gemacht: "Ist es politisch korrekt, zur WM zu fahren?"; "Ist es überhaupt sicher oder gehen wir im absoluten Chaos unter?" Je näher der Termin des Eröffnungsspiels am 12. Juni 2014 rückte, desto nervöser wurde ich. Doch es gab kein zurück: Alle Flüge waren gebucht, über Mitgliedschaften im Deutschen Fußball Bund (DFB) hatten wir Tickets für das erste Spiel unserer Nationalelf gegen Portugal und Optionstickets für das Halbfinale und das Finale zugelost bekommen.

In diesem Moment sitze ich am Flughafen in Rio de Janeiro, warte mit großem Bedauern auf unsere Maschine zurück nach Hause und schaue auf eine unfassbar tolle Zeit zurück. Natürlich: Der Titel für unsere Elf war die Schaumkrone auf meinem Stadionbier. Auch der Umstand, die drei besten Deutschlandspiele dieses Turniers live miterlebt haben zu dürfen, spielt bei meinem Glücksrausch eine große Rolle. Bezaubert jedoch haben mich dieses wunderschöne Land und die freundlichen Menschen, die uns hier begegnet sind. Allen Zweifeln zum Trotz haben die Brasilianer es geschafft, uns das auf Werbebannern und Reklameschildern allgegenwärtige "bem-vindo" fühlen zu lassen. Den von mir befürchteten Groll gegen uns WM-Touristen oder sogar handgreifliche Proteste haben wir nicht erlebt.

Ich möchte das grundsätzliche Problem nicht klein oder sogar "weg" reden. Ich möchte jedoch davon erzählen, wie ich als Gast im WM-Land Brasilien aufgenommen wurde, und von den Menschen, die ich getroffen und kennengelernt habe. Zum Beispiel die brasilianischen Fans, die beim ersten Spiel der Deutschen im Stadion Fonte Nova in Salvador wie immer in der Überzahl waren, und vom 1:0 an für Deutschland mitgejubelt haben. Uns wurde zum Sieg gratuliert und man traf sich in der Altstadt von Bahia auf ein paar Bier, noch mehr Caipirinha und jede Menge Streetfood. Wildfremde Menschen grüßten uns stets mit ihrer Allzweckwaffe, dem erhobenen Daumen, der hierzulande einfach jeden Gemütszustand ausdrücken kann, und riefen begeistert: "Alemanha, Alemanha". Schüchtern wurden wir auf der Straße um gemeinsame Fotos gebeten, ich möchte gar nicht wissen, aus wie vielen Urlaubs-Familien-Alben unsere Gesichter nun herauslächeln.

Unvergesslich auch unsere Erlebnisse beim legendären Halbfinale in Belo Horizonte. Spätestens nach dem 5:0 rührte mich der fassungslose Blick meines Vordermannes, der sich verzweifelt nach uns umsah, mit einem großen "Why?" auf den Lippen. Kurz vor Ende des Spiels, der Tatsache bewusst, dass 10.000 deutsche Fans den etwa 50.000 Anhängern der gescheiterten und gedemütigten Selecao würden gegenübertreten müssen, war mir mulmig zumute. Auch wenn der Transport zum Stadion mit Bussen gut organisiert war, eine Begegnung war unvermeidlich. Würde es krachen? Auf Bitten des Veranstalters haben wir daher länger auf unseren Plätzen verharrt, den berauschenden Sieg gefeiert mit Humbatätärrrää und viel Olé.

In Bela Horizonte
In Belo Horizonte
© privat
"Brasilien, (m)ein Sommermärchen"
© privat

Entlang des Weges vom Stadion zu den Bussen wurden wir immer wieder angesprochen. Uns wurde gratuliert zum Sieg, mit viel Anerkennung für die gute Leistung unserer Mannschaft. Im Gegenzug haben wir bedauert und uns bedankt. Ich habe noch nie an einem Tag so viele fremde Menschen auf einmal umarmt. Wir wurden mehrfach mit der Bitte um Trikot-Tausch bestürmt, was wir dankend ablehnten, und am Ende der Busfahrt von drei Brasilianern eingeladen, noch ein Abschlussbier trinken zu gehen, was wir wiederum gerne annahmen. Wir landeten im Getümmel auf den gesperrten Hauptverkehrsstraßen des Stadtteil Savassi, mit hunderten jungen, brasilianischen Fußballfans. Es wurde gefeiert, gefrotzelt, gratuliert und getrunken. Eine Siegesfeier mit den gegnerischen Fans, in Deutschland undenkbar. Zum Abschluss schenkte man uns eine Fahne des lokalen Vereins Cruzeiro und wir versprachen, die Fahne mit nach Maracana zum Finale zu nehmen.

Nach dem Einzug Deutschlands ins Finale brach in Brasilien eine regelrechte "Ale-Manie" aus. Es wäre simpel, diese allein in unserem Sieg über die Gastgeber zu begründen. Dass Argentinien und Brasilien sich im Fußball-Leben spinnefeind sind, hat wohl doch die größere Rolle gespielt. Fakt ist: Als wir donnerstags in Rio eintrafen, bekamen wir kaum noch offizielle Fanartikel. Vor allem das Auswärts-Trikot war in ganz Rio nicht mehr aufzutreiben. Man liebt es dort, schließlich sieht es aus wie das des örtlichen Vereins Flamengo. Überall auf den Straßen waren Menschen in Deutschland-Trikots zu sehen, und wieder waren wir Gegenstand diverser Souvenir-Fotografien à la "Schau mal hier: das sind ECHTE Deutsche".

In Salvador de Bahia
In Salvador de Bahia
© privat
"Brasilien, (m)ein Sommermärchen"
© privat
"Brasilien, (m)ein Sommermärchen"
© privat

Trotz des Hypes: Die argentinischen Fans waren in den Tagen vor dem Finale, vor allem auf der Copacabana, omnipräsent. Sie schliefen am Strand unter Palmen, in ihren Autos auf den Parkplätzen und in den letzten verbleibenden Fremdenzimmern, die sie noch ergattert hatten. Dann endlich: final Matchday! Die Stimmung im Stadion war gespannt und am Ende einfach nur berauschend. Beim 1:0 hatte ich tatsächlich sowas wie Tränen in den Augen. Die Fangesänge werden mich als Echo im Kopf noch eine ganze Weile begleiten. Zum Abschluss schauten wir noch einmal bei der Fanparty am Strand von Leme vorbei. Unter all den Menschen in Deutschland-Trikots waren mehr Brasilianer als Deutsche. Ständig wurde uns gratuliert, Kinder warteten an Straßenecken, um mit uns einzuschlagen. Fast bekam man das Gefühl, sich persönlich um den Titel verdient gemacht zu haben, anstatt nur dazustehen und Bier zu trinken. Auch die Argentinier waren gute Verlierer.

Das letzte, was mein Freund an diesem Tag zu mir sagte, war: "Eigentlich wollte ich ja nur ein, zwei WM-Spiele endlich einmal live sehen. Aber das..." - "Ja klar, hab ich doch immer gesagt." Er: "Du hast aber keine Ahnung von Fußball". Ja, das stimmt.

"Brasilien, (m)ein Sommermärchen"
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