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"Es ist so wichtig, Träume zu haben"


In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Britta Ibbeken über schwierige Zeiten und wie sie dank Yoga zu sich selbst fand.

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Winter 2010. Das Ergebnis der künstlichen Befruchtung ist erneut negativ, seit vier Monaten bin ich von meinem Arbeitgeber freigestellt. Die französische Zentrale der internationalen Sportrechteagentur hat beschlossen, nach Genf zu ziehen und mir ein Angebot gemacht, mitzugehen. Doch mein Mann und ich fühlen uns in Hamburg sehr wohl, wir sind norddeutsch durch und durch, lieben die Stadt, das Meer und unsere Familien und Freunde. Also unterschreibe ich einen Auflösungsvertrag, erhalte Zeit und ein bisschen Geld, verliere aber Sicherheit und auch ein wenig Lebenssinn.

Nicht, dass mich mein früherer Job als Assistentin glücklich gemacht hätte. Im Rückblick hat mir sogar sehr viel gefehlt. Dennoch war es eine Säule in meinem Leben, die nun wegbrach. Die freie Zeit, das "Nichtstun", das Ausschlafen, in den Tag leben, alles was man sich sonst im "nine to five"-Hamsterrad ersehnt hatte, machte nun gar nicht so richtig Spaß. Kreisende Gedanken, Traurigkeit, Sorgen überschatteten diese Lebensphase.

Wer bin ich, was kann ich, wohin will ich, was ist meine Aufgabe im Leben? Das waren nur einige der vielen Fragen, die das Leben schwerer, bewegungsloser, dunkler färbten. Ich suche einen von einem Freund empfohlenen Coach auf. Wir erarbeiten eine Art Collage. Mir wird auf einmal bewusst, wie viel Wunderbares ich im Leben auch schon erreicht habe. Es fühlt sich aber so an, als könne ich mich nicht frei entfalten, säße wie eine Raupe noch gefangen in einem Kokon. Mein Ziel, und so formuliere ich es auch im Coaching, ist die Befreiung aus diesem Kokon, wieder wie ein Schmetterling zu fliegen.

Ich kenne mich schon ganz gut, und weiß, dass mir auch in der Vergangenheit in Krisenzeiten Meditation und Yoga, der Abstand vom Alltag geholfen haben. Olli, mein Mann, und ich setzen uns zusammen. Wir pflegen eine sehr ehrliche, liebevolle Beziehung und teilen einander unser Gefühlsleben offen mit. Meine Idee eine Yogalehrerausbildung zu machen wird von ihm sehr unterstützt. Es geht mir gar nicht darum, in Zukunft Yoga zu unterrichten, sondern lediglich darum, wieder ein bisschen näher zu mir vorzudringen, die Nähe zu meinem Selbst zu suchen und dem Schmetterling etwas näher zu kommen.

In dieser Krise steht mein Mann stets hinter mir, gibt mir das Gefühl, mich in allem, was ich von Herzen fühle und glaube tun zu müssen, zu unterstützen. Es fällt mir nicht leicht, ihn für sechs Wochen zu verlassen, aber eine innere Stimme sagt mir deutlich, es ist der richtige Weg.

Der Abschied im Februar 2011 ist schwer, im Flieger nach Saigon kommen dann doch Zweifel, da sind Traurigkeit und Sorgen. Doch in einem lächelnden Land, von Wärme, Farben und Freundlichkeit umgeben, fällt das Ankommen leicht. Der Ashram ist eingebettet in Palmen, Lotusblumen und Reisfelder. Ungefähr 55 Gleichgesinnte aus aller Herren Länder werden herzlich von den Yogalehrern und Swamis begrüßt. Vier Wochen Disziplin, frühes Aufstehen, Meditieren, Yogieren, Lernen, befremdliche Reinigungsrituale, Ehrungsrituale, Karmaarbeit, neue Freundschaften, Muskelkater, köstlichste vegetarische Verpflegung und vieles mehr begleiten mich auf meiner Reise zu mir selbst.

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Im Anschluss an diese lehrreiche Zeit gönne ich mir noch eine Woche sanftes Ankommen im Leben, außerhalb des beschützten Ashrams. Ich fliege auf eine kleine Insel an der Grenze zu Kambodscha. Anfängliche Überlegungen, noch den Mekong zu bereisen, sind schnell vergessen, es war mir nach so einer Erfahrung der geistigen Ruhe noch nicht nach viel Lautstärke, Geschwindigkeit und Tätigkeit zumute. Ich schreibe viel Tagebuch, meditiere täglich und mache zusammen mit einer Schülerin aus Kanada, die in derselben Anlage wohnt, morgendlich Yoga am Strand. Ab und an unterrichten wir auch mal Hotelgäste.

Zuhause angekommen, möchte ich dieses für mich empfundene Geschenk des Yoga weiterreichen. Die Idee des Karmayoga gefällt mir. Ganz selbstlos ohne Bezahlung bedürftigen Menschen Yoga zu schenken, ist mein Anliegen. Ich google so was wie "Ehrenamtliches Yoga gesucht in Hamburg" und stoße auf die Hamburger Diakonie. Nach der Kontaktaufnahme starte ich in einem Mutter-Kind Café der Diakonie und unterrichte bedürftige, alleinerziehende Mütter. Ich lerne wie wohltuend es ist, von Herzen diese Yogalehre weiterzureichen, erlange Selbstbewusstsein für das, was ich tue und lerne, wie gut es tut, Menschlichkeit, Dankbarkeit, Aufmerksamkeit im Fluss des Geben und Nehmen zu erfahren. War es anfänglich nur der Gedanke, mir etwas Gutes zu tun, entwickelte sich mein Weg dahin, dass ich mir jetzt durchaus vorstellen konnte, zunächst nur nebenberuflich, Yogalehrerin zu werden.

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Es wurde mehr. Mittlerweile hatte sich genügend Selbstbewusstsein aufgebaut und ich beschloss, meine Yogadienste weitläufiger anzubieten. Zunächst in einem kleinen Badeort an der Ostsee namens Schönberger Strand, wo ich einen großen Teil meiner Jugend verbracht hatte. Dort vermisste ich die Jahre zuvor ein Yogaangebot und nun bot ich es der Kurverwaltung an. Die hatten mittlerweile auch den Trend Yoga mitbekommen und waren sehr offen für meine Idee, Yoga auf dem Deich, in den Dünen oder auf der Seebrücke anzubieten. Ich taufte das Kind "Yoga am Meer" und startete noch in der Sommersaison 2011.

Auf einmal fiel es nicht mehr sonderlich schwer, auch in Hamburg Yoga zu unterrichten. Ähnlich wie an der Ostsee, hatte ich den Wunsch, auch in meiner Heimatstadt einen schönen Ort zu finden, an dem man Yoga und Natur verbinden kann. Im Spätsommer sitze ich mit einer Freundin in einem neuen Café an der Alster mit eigenem Segelsteg und es fühlt sich hier alles genau richtig an. Der Besitzer ist begeistert von der Idee, gibt mir einen Schlüssel und ich starte mit "Yoga an der Alster".

Ein Antrag auf Existenzgründerzuschuss wird genehmigt und stellt eine große Hilfe für den Start in die Selbstständigkeit da. Viele liebe Schüler finden mich und wir haben auch im Winter Spaß, in dem kleinen Café mit Kamin und Blick auf die teilweise zugefrorene Alster unsere Asanapraxis in kleinen Gruppen abzuhalten. Im Frühjahr 2012 muss ein neuer Raum her, die Abendkurse können dann nicht mehr im Café stattfinden.

Und dann schenkt mir das Leben wieder einmal die richtige Begegnung. Ein früherer Bekannter, der einen Pilatesraum in der Straße, in der ich wohne, betreibt, sucht einen Untermieter für sein Studio. Bingo. Somit kann ich ab April 2012 dort mein Kursangebot noch erweitern. Zusätzlich habe ich noch über eine Bekannte eine Firma gefunden, in der ich mittlerweile drei Kurse unterrichten darf. Eine wichtige, feste Einnahmequelle, die schon mal die Miete für das Studio sichert.

Blicke ich nun zurück auf die letzten drei Jahre, kann ich wirklich behaupten, jetzt der Schmetterling zu sein, der ich werden wollte. Ich bin zwar keine Mutter geworden, schließe aber auch das immer noch nicht aus. Es ist mir aber gelungen, loszulassen, das, was ist, anzunehmen, Vertrauen in mein Leben und mich zu setzen und dankbar für das zu sein, was ich habe. Aus tiefster Überzeugung glaube ich, dass nur so dieser Wandel möglich war.

Im Juni dieses Jahres beende ich meine Ausbildung zur MBSR-Lehrerin (Achtsamkeitslehrerin) und bin auch von diesem Weg ganz erfüllt. Mein Mann und ich haben gemeinsame Träume, wir wollen an der Ostsee einen Seminarhof für Entspannungsreisen gründen. Für alles gibt es einen richtigen Zeitpunkt, den wir persönlich nicht immer bestimmen können oder in der Hand haben. Es ist so wichtig, Träume zu haben und sich auf den Weg zu begeben, loszulassen in Dankbarkeit für das, was wir schon alles haben.

Ich möchte alle, die in einer Sinnkrise stecken, ermutigen, an sich zu glauben, sich ein bisschen Raum im gehetzten Alltag zu schaffen, damit die innere Stimme, die doch soviel weiß, wieder zu hören ist, und sich auf den Weg zu machen.

Allen viel Glück dabei. Namasté


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