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"Fehlgeburten - wie die Welt sich weiterdreht"


In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Teresa Brockmann über ihren Verlust und warum sie vorher glaubte, dass Fehlgeburten eigentlich nicht vorkommen.

Teresa Brockmann, 32, hat Geschichte studiert und dabei ihre Begeisterung für medizinische Frauenthemen entdeckt. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die Pille in den sechziger Jahren. Sie ist mit einem Dänen verheiratet und pendelt zur Zeit zwischen Hamburg, wo sie als Projektmanagerin arbeitet, und Kopenhagen, wo sie lebt.
Teresa Brockmann, 32, hat Geschichte studiert und dabei ihre Begeisterung für medizinische Frauenthemen entdeckt. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die Pille in den sechziger Jahren. Sie ist mit einem Dänen verheiratet und pendelt zur Zeit zwischen Hamburg, wo sie als Projektmanagerin arbeitet, und Kopenhagen, wo sie lebt.
© privat

Ein Kind während der Schwangerschaft zu verlieren, kommt leider häufiger vor, als viele von uns denken. Auch ich wusste bis Mai 2013 nur von zwei Tanten, die vor vielen Jahren eine Fehlgeburt erlebt hatten. Das Thema war also weit weg und etwas, das nur in Daily Soaps passiert. Mit Freundinnen besprach ich alle anderen Frauenthemen wie Verhütung, Unterleibsoperationen, Menstruationsbeschwerden – unter uns schien es keine Tabus zu geben. Das unter uns 30-Jährigen meist diskutierte Thema Kinderwunsch erfüllte sich in meinem Umfeld meist ohne größere Probleme. Was nie vorkam, nie besprochen wurde, waren Fehlgeburten. Die gab es nicht. Glaubte ich.

Als ich im letzten Jahr zum ersten Mal schwanger wurde, zweifelte ich nie daran, bald mein Kind im Arm zu halten. Dann teilte eine nette Ärztin meinem Mann und mir in der elften Woche mit, dass sich unser Kind nicht entwickelt hatte. Es war nur Gewebe zu sehen, kein schlagendes Herz. Sie schlug vor, dass wir erst einmal abwarten sollten, denn ich könnte mich auch bezüglich meiner letzten Periode verrechnet haben. Und: Wir durften eine Woche später in den Urlaub fliegen und erst danach zur nächsten Untersuchung wiederkommen. Für den Fall, dass es zu einer Fehlgeburt käme, sollte ich Binden mitnehmen. Den Rest würde die Natur erledigen.

Der Schock saß tief und ich wusste nicht, wie ich diese Nachricht verarbeiten sollte. Eigentlich fühlte ich schon zu diesem Zeitpunkt, dass es vorbei war, aber meine Schwangerschaftssymptome ließen auf die Verrechnungs-Variante hoffen. Zwei Tage war ich wie gelähmt, und wenn ich nicht weinte, starrte ich Löcher in die Decke. Am dritten Tag traf ich zufällig eine gute Freundin. Sie sah mir an, dass es mir nicht gut ging. Da es mir hilft, über Sorgen zu sprechen, erzählte ich ihr von meiner Angst. Ihre Reaktion schockte mich, denn sie erzählte, dass sie schon zwei Fehlgeburten erlebt hätte. Die zweite war noch nicht lange her und traumatisch gewesen. Meine Angst könnte sie nur all zu gut verstehen.

Ich fiel aus allen Wolken, aber ich merkte auch, wie erleichtert sie war, "endlich" eine Leidensgenossin gefunden zu haben. Mit diesem Wissen flogen wir in den Urlaub, in dem wir das Kind verloren. Mein Mann war ein großartiger Geburtshelfer, einen Arzt brauchten wir nicht, und auf eine traurige Weise war es schön und irgendwie heilend, dass uns dieser Abschiedsmoment ganz allein gehörte. Als Paar wurden wir stärker, aber die Urlaubsstimmung war dahin.

Wieder zurück war es schwer zu erklären, warum wir nicht erholt aussahen. Also blieb ich bei der Wahrheit und erzählte meinen Freundinnen von der Fehlgeburt. Mir tat es gut, darüber zu reden, aber ich erschrak wieder. Viele in meinem Umfeld hatten eine oder sogar mehrere Fehlgeburten zu beklagen. Aber was mich so bestürzte, war, dass es erst eine Kettenreaktion geben musste, um dieses Thema in Gang zu setzen. Sterneneltern, also Eltern von Kindern, die zu früh gehen mussten, waren näher als ich dachte.

Ich begann im Internet zu recherchieren, fand aber nur medizinische Artikel über die Gründe von Fehlgeburten sowie Foren, in denen sich Sterneneltern austauschten. Ihre Geschichten berührten mich, manchmal weinte ich, dennoch blieb mir diese Welt fremd. Es half mir nicht, dass fremden Menschen dieser Schicksalsschlag auch passiert war, weil ich sie nicht wirklich kannte. Mir halfen vor allem Frauen über 50, die mir durch ihre Lebenserfahrung zeigten, dass Fehlgeburten leider zum Leben einer Frau dazugehören können, so schmerzhaft sie auch sind. Sie öffneten mir auch noch einmal die Augen für das große Wunder, wenn nach neun Monaten ein gesundes Kind die Welt erblickt. Denn auch der medizinische Fortschritt kann nach wie vor nicht garantieren, dass alles so verläuft, wie man es sich gewünscht hat.

Fehlgeburt ist im Jahr 2014 noch ein Tabuthema

Mir hätte es gut getan, wenn ich früher auf die Normalität von Fehlgeburten vorbereitet gewesen wäre. Die Gründe für Fehlgeburten sind vielfältig und können oft nicht geklärt werden. Dadurch enden Fehlgeburten auch so unterschiedlich, mal regelt die Natur das selbst, wie bei mir, mal ist eine Ausschabung medizinisch notwendig, mal kann die Frau selbst entscheiden, was mit ihr passiert. Mal geschieht es einmal, mal regelmäßig. Nichts davon ist leicht.

Mir scheint, dass dieses Thema im Jahr 2014 noch ein Tabu ist. Deswegen wünsche ich mir, dass mehr über Fehlgeburten berichtet wird, damit die Angst, darüber zu sprechen, geringer wird. Ich hatte Glück, meine Freundin musste länger auf eine Leidensgenossin warten, um getröstet zu werden. Warum fällt es unserer Generation so schwer, darüber zu reden? Ist es nur die Gefühlslähmung, die davon abhält? Ist es die Angst davor, dass sich das Gleiche wiederholen kann und man deswegen lieber darüber schweigen will? Beide Gefühle sind verständlich. Aber ist es nicht schade, dass man die Auseinandersetzung mit Menschen meidet, die Ähnliches erlebt haben? Vielleicht haben sie danach trotzdem Kinder bekommen? Vielleicht kennen sie gute Ärzte, Hebammen oder Selbsthilfegruppen, die ihnen geholfen haben und die sie empfehlen können? Sie könnten viel Mut machen, Rat erteilen und zeigen, dass die Trauer über eine Fehlgeburt unterschiedlich ist, aber die Welt sich trotzdem weiterdreht.

Oder ziehen wir Sterneneltern uns zurück, weil wir Freunde mit Kinderwunsch nicht erschrecken wollen? Vielleicht fühlen wir uns auch wie Versager, weil wir das gewünschte Kind nicht termingerecht und komplikationslos bekommen haben, wie scheinbar alle anderen? Ich musste schmerzhaft lernen, dass Planung und Kontrolle hinfällig sind, wenn die Natur ihre Gründe hat, warum die eine Schwangerschaft gelingt und die andere nicht. Heute denke ich, dass es nicht verwerflich ist, in unserer leistungsorientierten Welt zu seiner Geschichte zu stehen.

Oft konnte ich in Foren lesen, dass Menschen, die den Verlust eines Kindes noch nie erlebt haben, nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen, und Betroffene sich deswegen noch einsamer fühlen. Das mag sicher stimmen. Aber wenn niemand über Fehlgeburten spricht, kann auch niemand lernen, "richtig" mitzufühlen. Traut Euch, seid mutig, redet über das, was Euch passiert ist: beim ersten Mal genauso wie beim vierten und fünften Mal. Es wird helfen, und damit werdet Ihr auch anderen wieder helfen. Es ist schwer, ich weiß, und mit jeder Fehlgeburt wird es schwieriger, darüber zu reden. Leider hatte ich vor kurzem eine weitere Fehlgeburt, die nicht ganz so "glimpflich" verlaufen ist wie die erste. Darüber zu reden, fällt mir noch immer schwer. Aber Verdrängung hilft nicht: Die Welt dreht sich weiter und ich bin mittendrin. Erst letzte Woche war ich mit einer Freundin in einem Café und erzählte ihr von diesem Artikel. Mich hat es nicht mehr erstaunt, als sie erzählte: "Meine beste Freundin hatte vor zwei Jahren eine Fehlgeburt. Sie hat mir erst letzte Woche davon erzählt."


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