"Hast du Probleme mit Erotik?"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Songül Bulut über ihre Arbeit an einem Erotikmagazin.

Songül Bulut, 39, Journalistin, hat in ihrem Leben viele Jobs gemacht, bevor sie seriös und sesshaft wurde: unter anderem FSK-16-Erotiktexte verfasst, Radiobeiträge gebaut, TV-Nachrichten gebastelt, Filmbesprechungen geschrieben, im Marketing gedealt... Sie lebt und arbeitet mit Mann und Sohn in Hamburg.

"Hast du Probleme mit Erotik?", fragt mich die Chefredakteurin des Sex-Magazins, eine Frau Mitte 40 mit blondiertem Haar und einem Teint, der jedes Grillhähnchen vor Neid erblassen ließe. Da sitze ich nun, inmitten meines ersten Vorstellungsgesprächs. Mit meinem Lebenslauf in schicker Mappe und der Hoffnung im Herzen, meinem Traum von der Schreiberkarriere einen Schritt näher gerückt zu sein. Konzentriert bis zum Anschlag, gilt mein einziger Gedanke daran, so seriös wie möglich rüber zu kommen - bloß keine peinliche Übersprungshandlung, albern lachen oder anfangen, dummes Zeug zu reden. "Nö", sag ich mit dem lässigsten Ausdruck, den mein Gesicht hervorbringen kann und denke gleichzeitig an meine Eltern. Die werden mich verstoßen. Konnten sie es ja schon kaum verkraften, als ich nach Hamburg zog und dann auch noch ins verruchte St. Pauli, mitten auf den Kiez. Meine Eltern, die selbst einst aus der Megametropole Istanbul in die Beschaulichkeit einer pfälzischen Kleinstadt zogen und aufatmeten, weil sie den Unberechenbarkeiten einer Großstadt geradeso entkommen waren, traf fast der Schlag, als sie mich zum ersten Mal besuchten. Verständlicherweise, muss man dazu sagen. Denn das war - wie soll es auch anders sein - an einem Samstagabend. Als ich sie von der S-Bahn Reeperbahn abholte, kotzte uns ein besoffener Typ fast vor die Füße, die Sexshops, Clubs und das Partyvolk auf dem kurzen Weg nach Hause taten ihr Übriges, um meine Eltern in stille Panik zu versetzen. Sie gaben zwar ihr Bestes, sich das nicht anmerken zu lassen, aber ich spürte ihr Unbehagen dennoch.

An all dem sind einzig und allein die türkischen Filme der 80er und 90er Schuld. Die Zeit der VHS-Kassetten ist die Zeit, die meine Kindheit und Jugend prägten. Denn das Highlight einer Woche war eine VHS-Kassette aus dem türkischen Obst-und-Gemüse-Film-Verleih. Damals verdienten sich türkische Lebensmittelläden ein Zubrot, indem sie Filme aus der Heimat verliehen. Ein lukratives Geschäft in Zeiten, in denen es weder Internet noch SAT-Schüssel gab. Mit den Filmen wurde gedealt wie mit Drogen. Man musste, wenn man Pech hatte, Monate darauf warten, bis man endlich an der Reihe war, den Film seiner Wahl ausleihen zu dürfen. Und zu seinem "Dealer" musste man das beste Verhältnis pflegen, um bei der Benachrichtigung über den Eingang neuer Filme berücksichtigt zu werden.

Diese Filme brachten in jeden türkischen Haushalt Tragik, Komik und viele Ängste über das Leben in der Großstadt. Denn die Handlung folgte meist einem Schema: Gutes, naives und jungfräuliches Mädchen lernt bösen, hinterhältigen und durchtriebenen Mann kennen. Der mixt ihr bei der ersten Gelegenheit K.O.-Pillen in den Drink - die sind meistens so groß, dass sie sich kaum auflösen. Sie, die noch nie in ihrem Leben zuvor Alkohol getrunken hat, kippt sich das Zeug auf ex hinter die Binde. Schnitt und Szenenwechsel: Sie wacht nackt und benommen in der Kiste neben dem fiesen Kerl auf. Sie: "Aman tanr?m neler oldu?" (zu deutsch: "Oh mein Gott, was ist geschehen?") Er: "Hiç de fena de?ildin bebek!" ("Du warst gar nicht so übel, Puppe!"), lacht dreckig und zündet sich einen Joint an, der so groß ist wie eine Schultüte. Die Jungfräulichkeit dahin, also warum nicht gleich Nutte werden? So landet sie in einem üblen Puff. Oder: Armes Mädchen aus ehrbarem Hause, will mehr vom Leben (Achtung: ab hier verblüffende Ähnlichkeit mit allen anderen Filmen), lernt einen reichen aber hinterhältigen Mann kennen. Der will nur das Eine. Sie verliert ihre Jungfräulichkeit und wird, klar, Nutte.

"Unser Magazin ist FSK 16. Das heißt, wir schreiben nix mit Ficken oder so", sagt die Frau weiter und reißt mich aus meiner Retro-Türkisch-Film-Gedankenspirale heraus. Ich konzentriere mich auf ihr T-Shirt: USA-Flagge mit Glitzer-Pailletten auf schwarzem Hintergrund. Darunter steht "American Girl". Warum will sie ein amerikanisches Mädchen sein, frage ich mich. Vielleicht weil die Amis bessere Filme drehen, denke ich und bin wieder im Hier und Jetzt, schaue an mir herunter. Da habe ich mir die Mühe gemacht und ein Hemd gebügelt, mir ein natürliches Make-Up aufgetragen, meine schicken Schuhe angezogen, um den bestmöglichen Eindruck im Vorstellungsgespräch zu hinterlassen und diese Frau spricht von "Ficken". Ok, sei nicht so verklemmt! Ist doch alles gar nicht so schlimm, rede ich mir ein. Verdammt, ich bin total verklemmt. Hat der ehemalige Spiegel- Chefredakteur Stefan Aust nicht auch mal für ein Schmuddelblatt geschrieben? Der Gedanke baut mich wieder auf. Ich bin also nicht alleine mit diesem Schicksal. "Wir dürfen in unseren Texten nie ganz zur Sache gehen und müssen einige Dinge umschreiben." - "Und wie zum Beispiel?", frage ich. Immer schön Fragen stellen. Das weiß ich - hab ich aus meinem Bewerbungsratgeber. "Ja, also, wir schreiben Zepter oder Zauberstab statt Schwanz." So, jetzt ist es vorbei mit der Contenance. Ich fang an laut an zu lachen, krieg mich nicht mehr ein. "Zepter? Das hab ich ja noch nie gehört. Das ist ja lustig!" Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen. Da ist sie also die Übersprungshandlung. Immer noch kichernd verlasse ich das Gebäude. Als ich zur S-Bahn laufe, gehen mir wieder meine liebenswerten Eltern, die vielen tragischen türkischen Filme und der königliche Zepter durch den Kopf. Und dann denke ich: "Ich bin jung und brauche das Geld."

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