"Ich bin dick und du bist doof"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Sara Hünert ist übergewichtig und weiß, dass sie damit aus dem Rahmen fällt. Trotzdem möchte sie nicht darauf reduziert werden.

Sara Hünert ist noch keine 40 Jahre alt, bewegt sich aber rasend schnell darauf zu. Sie ist Mutter zweier wunderbarer Kinder, verheiratet mit dem Einen und lebt mit ihrer Familie in der Vorstadt im Rhein-Main-Gebiet. Sie schreibt für ihr Leben gern, seit einiger Zeit auch in ihrem Blog Vorstadtpoesie. Sie liebt das Leben, und das Leben liebt sie.

Neulich war ich mit meinen Kindern einkaufen. Als wir aus dem Supermarkt kamen, hatte gerade eine sportliche Frau um die 50 mit ihrem dicken SUV nonchalant auf einem der Eltern-Kind-Parkplätze eingeparkt. Nicht weiter erwähnenswert, dass sie kein Kind dabei hatte.

Ich kann es nicht lassen. Ich muss solche Menschen einfach darauf aufmerksam machen, wie asozial sie sich verhalten, wenn sie aus reiner Bequemlichkeit Eltern mit quengeligem Baby in der Autoschale an einem Arm und einem nörgeligen, hüpfenden Kleinkind am anderen Arm den für sie vorgesehenen, nahe am Eingang gelegenen Eltern-Kind-Parkplatz vor der Nase wegschnappen.

Ich lächelte die Frau an und fragte sie, ob sie wisse, dass sie ihren PKW auf einem Eltern-Kind-Parkplatz abgestellt habe. Sie fragte in unfreundlichem Ton, was mich das anginge, und sagte dann, dass es mir ja wohl nicht schaden könne, auch mal ein Stück zu laufen, bei meinem Gewicht. Bei meinem Gewicht!

Ich schnappte nach Luft. Eigentlich schnappe ich jetzt noch nach Luft. Und das nicht, weil ich kurzatmig wäre wegen meines Übergewichts.

Ich habe Übergewicht. Wohl fühle ich mich damit häufig nicht, ich mag mich aber trotzdem. Ich trage gerne schöne Kleider, wenn ich welche finde. Manchmal fühle ich mich sogar sexy. Manchmal aber würde ich auch gerne in den nächsten, beliebigen Laden gehen können, um mir eine neue Hose zu kaufen. Das kann ich nicht, denn es gibt sie nicht in jedem Laden in meiner Größe. Ich möchte gerne abnehmen, vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Aber hey, ist das nicht ganz allein meine Sache?

Was ist in diese Menschen gefahren, die meinen, mich nach meinem Äußeren nicht nur beurteilen, sondern sogar verurteilen zu können? Ich könnte hier viele Beispiele aufzählen. Damals etwa, ich war zum ersten Mal seit der Geburt meines Sohnes alleine in der Stadt unterwegs, um mir etwas Neues zum Anziehen zu kaufen. Ich fühlte mich leicht und beschwingt, war fröhlich - da blieb eine ältere Frau vor mir stehen, musterte mich von oben bis unten und sagte: "Gott, bist du fett!" Wortwörtlich. Mir blieb ein launiger Kommentar im Halse stecken, das Leichte, Beschwingte, war weg. Sicher war diese Frau nicht weiter beachtenswert, aber ihr Kommentar saß trotzdem.

Ein anderes Mal, ich war zum zweiten Mal schwanger, etwa im siebten Monat, traf ich auf tuschelnde Teenagermädchen in einem Wartezimmer. "Ist die nur fett oder ist die etwa schwanger? Die platzt ja bald!" Teenager. Ja. Dennoch.

Oder die Blicke, die zahllosen Blicke. Leichtes Kopfschütteln, besonders neugierige Blicke in meinen Einkaufswagen, ich meine, die Gedanken sehen zu können - na, was kauft die Dicke ein? Chips, Schokolade, Bier? Als wäre es so einfach. Bei manchen Gelegenheiten und bei entsprechender Ausgangsstimmung gelingt es mir, einen pfeffrigen Gegenkommentar abzufeuern. Manchmal schaue ich auch einfach nur weg.

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal als "fette Kuh" beschimpft wurde und zurückgab, ich könne ja immerhin abnehmen, aber ob sie schlauer werden könne ... da hätte ich so meine Zweifel. Schön ist das auch nicht. Es ist reine Selbstverteidigung.

Ich gebe gerne zu, auch ich habe schon Menschen gesehen, die auffallen. Weil sie besonders dünn sind, über und über tätowiert, vielfach gepierct sind oder weil sie krank aussehen (was untereinander nicht gleichzusetzen ist, das eine ist mehr oder minder freiwillig, das andere sicher nicht). Ich verstehe, dass auffällt, was abweicht von der Norm, vom Durchschnitt. Ich bemühe mich immer, mir nichts anmerken zu lassen. Meine Mimik unter Kontrolle zu haben. Niemanden anzustarren. Schon gar nicht würde man jemals einen verletzenden, wertenden Kommentar von mir hören, vermutlich auch, weil ich weiß, wie es ist. Ich bemühe mich um Normalität.

Obwohl ich selbstbewusst bin und mich mag, wie ich bin, werde ich in manchen Situationen doch unsicher. Beispielsweise bevor ich neue Menschen aus dem Internet treffe, die ich über soziale Netzwerke kennengelernt habe. Ich habe keine Angst davor, dass sie mich ablehnen, weil ich Übergewicht habe, ich habe eher Angst davor, dass sie mich darauf reduzieren. Oft werde ich wie ein rohes Ei behandelt, man traut mir nichts zu (Dicke sind ja per se schwach, dass Sie es alle wissen!), hält mich von vorneherein für schüchtern. Bin ich alleine draußen unterwegs, vermeide ich es, etwas zu essen. Um mich zu schützen vor diesen Blicken, vor Kommentaren. Ich ertrage es nur begrenzt.

Ich weiß, woher mein Übergewicht kommt. Weder habe ich starke Knochen, noch ist es krankhaft bedingt, es ist reine Gewohnheitssache. Rutscht man einmal in eine falsche Ernährungsweise und in einen Bewegungsmangel hinein, ist es schwierig, wieder herauszukommen. Auch deshalb achtete ich bei meinen Kindern von Geburt an darauf, dass sie sich ausgewogen und gesund ernähren. Beide lieben Obst und Gemüse, essen Vollkornprodukte, trinken nur Mineralwasser und wissen, das Süßes auch mal lecker ist, dass man es aber nicht braucht und schon gar nicht täglich. Ich verbiete ihnen Süßigkeiten nicht, gelegentlich essen sie auch mal Gummibärchen oder einen Keks, aber meist sind sie mit frischem Obst eher zu begeistern. Sie bewegen sich gerne und lernen, dass man vieles zu Fuß erledigen kann.

Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, dass meine Eltern sich lieber ins Auto gesetzt haben, um zum nächstgrößeren Supermarkt zu fahren, wenn mal etwas fehlte, als schnell zum nahe gelegenen Dorflädchen zu gehen. Überhaupt sind wir nie zu Fuß irgendwohin gegangen, solange ich mich zurückerinnern kann. Meine Mutter versteckte ihre Süßigkeiten, und wenn beispielsweise mal jemand etwas aus dem Kühlschrank "ungefragt" aufgegessen hatte, gab es ein Drama. Beim Mittagessen wurde kommentiert, ob man sich nun wieder das schönste Schnitzel ausgesucht habe, oder es wurde einem sogar verwehrt, eben weil es das schönste war. Das werfe ich ihnen nicht vor, vermutlich sind auch sie irgendwie dort hineingeraten. Ich will es nur anders machen. Zurück zum Ausgangspunkt. Natürlich sind Sie nicht doof. Aber bitte, lassen sie mich - und alle anderen, die Ihnen irgendwie "anders" erscheinen - sein, wie wir sind. Ich lasse Sie es doch auch, obwohl sie vielleicht rauchen, zu viel trinken, großflächige Tätowierungen haben oder sich Ihre Haare gerne pink färben. Was fällt so schwer daran, andere sein zu lassen und anzunehmen, wie sie sind?

Ich habe Übergewicht. Ich weiß das. Ich traue mich trotzdem, Röcke und Kleider zu tragen, und ich denke, es ist ein großes Glück, dass ich mich meistens wohl fühle. Wie könnte mir jemand das neiden? Wenn Sie mich das nächste Mal sehen, schauen Sie mich gerne an. Wohlwollend. Ich bin viel mehr als nur mein Äußeres. Sprechen Sie mich an, Sie werden sehen: Die ist ja eigentlich ganz nett.

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