"Ich bin kein gutes Ehefrauen-Material"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Natalie Sontopski darüber, was Töpfe, Deckel, Nullen und Einsen gemeinsam haben und warum sie das nicht zu gutem Ehefrau-Material macht.

Natalie Sontopski, 29, ist Content Managerin und hat in Leipzig die Code Girls gegründet, ein Programmierinnen-Zirkel für Anfängerinnen. Auf ihrem Blog Endemittezwanzig sammelt sie aber genauso gern Kochrezepte und schreibt über Feminismus und ihr Leben.

Ich koche wahnsinnig gerne.

Komme ich aus dem Büro, werfe ich zu Hause als erstes die Kochplatten an. Für ein "normales" Abendessen stehe ich schon mal eine Stunde in der Küche. Freunde sind beeindruckt von meiner Leidenschaft – verstehen sie aber nicht unbedingt: "Also mir wäre das viel zu viel Aufwand!", ist so ein Satz, den ich öfters höre. Ein anderer Satz, den ich ebenfalls in diesem Zusammenhang höre: "Natalie, der Mann, der dich einmal heiratet, kann sich glücklich schätzen!"

Ja, auch in der Generation Endemittezwanzig qualifizieren mich meine Fertigkeiten in der Küche wohl vor allem als brauchbare Ehefrau. So lange der Schweinebraten lustig im Ofen brutzelt, habe ich außerdem genügend Zeit, die Wohnung gründlich zu putzen, die Bügelwäsche zu erledigen und mich im neckischen Negligee mit meinem Ehemann durch die Laken zu rollen.

Die Sache ist nur: Ich bin wahnsinnig schludrig, was Putzen angeht, ich besitze noch nicht einmal ein Bügeleisen und eigentlich halte ich auch nicht soviel von neckischen Negligees. Ich trage lieber Schluffi-Leggins und alte XXL-T-Shirts.

Macht mich das zu einer Ehefrau, für die sich Mann schämen wird?

Verbringe ich meine Tage dann damit, darüber zu grübeln, ob ich ihm eine Enttäuschung besser mit einer geschmorten Lammschulter oder mit Coq au Vin schmackhaft mache? Oder frage ich mich stattdessen lieber jetzt: Definiert sich meine Rolle als Frau tatsächlich noch darüber, dass ich eine Ehefrau werde?

Ich beschäftige mich übrigens auch sehr gerne mit Web-Programmierung.

Für mich war es lange Zeit reine Magie, dass ein Haufen Einsen und Nullen, zusammengepresst zu komplizierten Algorithmen und Funktionen, dafür sorgt, dass ich mit meinen Freunden spät nachts bei ICQ chatten konnte. Das änderte sich, als das Internet erwachsen wurde und auf einmal Web 2.0 hieß. Ich entdeckte, dass es dort in den digitalen Weiten auf ziemlich alles eine Antwort gab. Irgendwann hatte sich dann wohl ein Start-up gedacht: Hey, warum bündeln wir nicht all diese Antworten in einem Tutorial, damit Leute ohne Vorkenntnisse Programmieren lernen können? Und damit konnte meine Karriere als Code-Novizin beginnen. Ich begann fleißig HTML, CSS und Javascript bei Codeacademy.com zu büffeln. Und musste erkennen: Internet schön und gut, aber das wird alleine nichts. Was Du brauchst, ist Verstärkung.

Aus diesem Grund habe ich vor über einem Jahr zusammen mit meiner guten Freundin Julia die Code Girls gegründet. Alle 14 Tage fallen wir ins örtliche Hackerspace ein, programmieren Zeitmaschinen, malen mit Pixeln und bauen Hackerblogs. Freunde sind von meinem Engagement im technologischen Bereich beeindruckt – auch wenn sie es nicht unbedingt verstehen.

Was aber noch niemand in diesem Zusammenhang zu mir gesagt hat: "Der Mann, der dich einmal heiratet, kann sich glücklich schätzen." Warum eigentlich nicht? Weil es unweiblich ist? Weil ich als gute Ehefrau nur Dinge beherrschen sollte, die meinem Ehemann das Leben leichter machen – nicht Dinge, die mir Spaß machen? Oder disqualifiziert mich das Beherrschen einer Programmiersprache gar ganz für die Ehe?

Schade, dass wir als Gesellschaft anscheinend immer noch zwischen "weiblichen" und "unweiblichen" Beschäftigungen unterscheiden. Ich kenne Frauen, die nicht gerne kochen. Genauso kenne ich Frauen, die keinerlei Interesse an Programmiersprachen oder digitalen Technologien haben. Und das ist vollkommen in Ordnung. Ich kenne allerdings keine einzige Frau, die gerne kochen lernen würde, aber nicht weiß wie. Oder sich womöglich sogar für den Wunsch schämt. Umgekehrt treffe ich immer wieder auf Mädchen und Frauen, die gerne programmieren würden. Aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Oder wen sie um Hilfe fragen können. Und ja, die sich schlichtweg nicht trauen.

Ich will mich für meine Hobbys und Interessen weder rechtfertigen noch schämen, weil sie nicht "feministisch genug" oder "zu weiblich" sind. Weder koche ich, noch programmiere ich, um damit a) einen Ehemann anzulocken oder b) ein Statement über meine Weiblichkeit abzugeben. In erster Linie will ich Neues lernen und dabei Spaß haben, egal ob das in der Küche oder im Hackerspace stattfindet.

... Kochen mit Tofu.

Zwar hantiere ich beim Kochen mit Pasta und Gemüse statt Nullen und Einsen, aber es ist die gleiche Eigenschaft, die mich sowohl zu einer guten Köchin als auch zu einer guten Programmiererin machen kann: Neugier. Neugier darauf, wie die Dinge funktionieren, warum sie so funktionieren, wie sie funktionieren, aus was sie bestehen und was passiert, wenn man eine Komponente entfernt oder hinzufügt.

Vermutlich werde ich nie als Front-End Developer arbeiten.

Andererseits werde ich auch nie als Köchin arbeiten.

Und vielleicht werde ich heiraten, vielleicht auch nicht.

Das mag mich vielleicht in den Augen einiger nicht zu gutem Ehefrau-Material machen. Aber es macht mich dafür zu einer Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt - und dabei Spaß hat.

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