"Ich habe den Moment verpasst, um Kinder zu kriegen"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Petra Große hat akzeptiert, dass ihre biologische Uhr abgelaufen ist. Dennoch hinterlässt der nicht erfüllte Kinderwunsch Spuren.

Petra Große, 45, Sekretärin, lebt seit 25 Jahren in Großbritannien und ist gerade mit ihrem Freund zusammengezogen. Wenn sie nicht gerade für einen Marathon trainiert, bastelt sie im Pendelzug nach London, an ihrem ersten Roman mit dem Arbeitstitel "Wer mit 46 noch heiratet, ist selbst schuld".

"Es gibt auch noch andere Dinge im Leben als Kinder," behauptete zumindest meine Hausärztin. Das war vor ein paar Jahren. Dabei schaute ich auf die Bilder auf ihrem Schreibtisch: Mutter, Vater und zwei Teenager. Eine glückliche Familie. Ich wollte sagen: Na, Sie haben gut reden, Sie haben Kinder! Sie wissen ja nicht, wie es ist, wenn man eines Tages aufwacht und feststellt, dass der Zug nicht nur so gut wie abgefahren, sondern nicht mal annähernd im Lummerländer Sackbahnhof einzutrudeln scheint. Diese Worte blieben mir glücklicherweise im Hals stecken. Schließlich ist es meine eigene Schuld, dass ich mich nicht schon früher mit dem leidigen Thema "biologische Uhr" befasst habe. Dabei hatte mich meine Ärztin schon zwei Jahre vorher gewarnt. Als sie mich bei einer Routineuntersuchung "da unten" eifrig inspizierte, stellte sie triumphierend fest, dass meine Gebärmutter zwar etwas schief im Unterleib läge, aber das sollte dem erfolgreichen Schwangerwerden nicht im Weg stehen. Allerdings müssten die Schwimmer etwas hüpfen. Aber Bewegung beim Akt käme ja immer gut. Kicher, kicher. Na, wenigstens hatte Frau Doktor Humor.

Mir verging das Lachen leider sofort. Sie erkundigte sich nämlich, ob ich eigentlich schwanger werden WOLLTE. Ich war 36. Mein Freund gerade mal 29. Wir wohnten seit einem Jahr zusammen. Kinder standen noch nicht auf unserem Zeitplan. Unsere ganze Zukunft war noch ungewiss. Noch stritten wir darüber, wer wann endlich den Abwasch macht, statt das Schwangerwerden zu üben.

"Aber NATÜRLICH will ich Kinder haben," antwortete ich trotzdem wie aus der Pistole geschossen, aus meiner Bitte-Beine-breitmachen-Situation. "Und natürlich weiß ich, dass ich mich damit etwas sputen muss. Ich werde es in meinem Terminkalender einbauen: Jeden Freitagabend schwimmen gehen!" Siehste, Frau Doktor, ich kann auch witzig sein. "Na, solange Sie das wissen," sagte die Göttin in Weiß, zog die Gummihandschuhe aus und setzte noch einen drauf. "Haben Sie denn auch mit ihrem Partner darüber geredet?" Darüber? Über Familienplanung? Wir reden über nichts anderes. Kicher, kicher. Dabei ist die Angelegenheit wirklich ernst. Mit der biologischen Uhr ist nicht zu spaßen.

"Ich habe in meiner Praxis nämlich oft Paare, die sich noch nie darüber unterhalten haben. Die sitzen dann da und sind ratlos. Während sie unbedingt Kinder haben will, hat er längst beschlossen, dass er keine möchte. Jetzt nicht und auch später nicht. Es geht mich ja nichts an, aber heutzutage muss eine Frau wissen, wo sie steht, wenn sie Kinder haben möchte. Je eher sie weiß, dass sie mit einem Mann zusammen ist, der keine will, desto besser. Dann kann sie sich noch umzuorientieren." Meine Hausärztin, die Hobbypsychoanalytikerin. Ganz ohne Witz. Das Lachen war mir eh vergangen. Dennoch log ich: "Kein Thema bei uns. Wir wollen beide Kinder."

Am gleichen Abend stellte ich meinen Freund zur Rede. Humorvoll, versteht sich. Man kann einem jüngeren Mann nicht die Pistole auf die Brust setzen, wenn man das leidige Thema Jetzt-ist-aber-langsam-Zeit-mit-der-Fortpflanzung plötzlich erörtern muss. Mein Freund fand es auch echt witzig, als ich die Geschichte bei der Ärztin in allen Farben beschrieb. Er schlug mir vor, eine Karriere als Stand-Up-Comedian zu starten. Obwohl die Alarmglocken in meinem Kopf schrillten, blieben wir noch ein Jahr zusammen und stritten über die Hausarbeit. Dann trennten wir uns. Das war nicht mehr witzig. Denn plötzlich war ich 37, Single, um eine Nie-mehr-einen-jüngeren-Freund-Erfahrung reicher und zwei Jahre entfernt von meinem persönlichen Kinderkriegen-Cut-Off-Date. Bald saß ich wieder bei der Hausärztin. Diesmal ging es nicht um Routine, sondern um ein Tabu-Thema. Was muss eine unabhängige Frau machen, wenn sie sich die Eier einfrieren lassen will? Ich hatte schließlich "Sex and the City" gesehen und war halbwegs informiert: Die fiktive Charlotte musste sich mit Hormonen voll pumpen lassen, um einen vollen Eierstock zu produzieren, der dann abgezapft werden sollte, in der Hoffnung, ein Ei würde sich mit einem starken Schwimmer anfreunden.

Es musste doch Risiken geben, dachte ich mir, die in einer Kult-Serie für Frauen, die davon träumen, eines Tages nicht nur Mr. Big zu treffen, sondern auch noch eine witzige Kolumne zu schreiben und von den Erlösen viel zu teure, unbequeme Schuhe zu kaufen, nicht angeschnitten wurden. Wobei, ein großer Unterschied zwischen der total-auf-Baby-fixierten Charlotte und mir lag auf der Hand: Sie wohnte mit einem erfolgreichen Ehemann in einer Traumwohnung in der Upper-East-Side von New York. Ich wohnte allein in einer Kleinstadt in einer 2-Zimmer-Wohnung mit einem, sagen wir, "überschaubaren" Gehalt. Den lebenslangen Kinderwunsch künstlich ein Leben lang zu erhalten, war bestimmt nicht erschwinglich. Da war ich mit sicher. Oder irrte ich mich? Ich fand es nie heraus.

Denn kaum hatte ich Eier-Einfrier-Idee ausgesprochen, fischte meine Hausärztin eine Broschüre aus dem Papierkorb. Musste am Morgen in der Post und sofort in der Nicht-so-wichtig-Ablage gelandet sein. Sie hoffte wohl, ich hätte es nicht bemerkt. Und das war der Moment. Der Moment, der mein Leben veränderte. Während ich mich noch entfernt daran erinnere, dass sie über Privatkliniken und Risiken sprach, fasste ich einen Entschluss: Nur weil man heutzutage (fast alles) künstlich machen kann, heißt das nicht, dass ich mich in den Sog der unbegrenzten medizinischen Möglichkeiten ziehen lassen muss. Natürlich konnte ich meine Eier einfrieren lassen, in der Hoffnung, sie würden eines Tages von einem passenden Mann befruchtet. Aber es war nicht garantiert. Ich wusste, dass ich auf keinen Fall im Alleingang Mutter werden wollte. Die Familie, die ich mir von Herzen wünschte, bestand aus Mutter, Vater und als KRÖNUNG ein Kind.

Jahrelang in ein Eier-Kühlregal zu investieren, während mein Rentenfond brachlag, war ein großes Risiko mit zweifelhafter Rendite. Die Zukunft kam bestimmt. Der richtige Mann fürs Ei nicht unbedingt. Es war nicht einfach zu akzeptieren, dass sich mein Lebenstraum eventuell nicht erfüllen würde. Zwar hatte ich noch zwei Jahre Zeit, doch mit einem gebrochenen Herz an die nächste Hoffentlich-ist-DAS-der-Richtige-Beziehung zu glauben, ist noch schwerer. Dennoch, ich gab die Hoffnung auf ein kleines Wunder nie auf. Mittlerweile bin ich 45. Ich habe keine Kinder. Ich habe mich damit abgefunden. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um unter allen Umständen ein Baby zu bekommen. Die Medien sind voll von diesen bemerkenswerten Frauen, die sich nicht kleinkriegen lassen und ihren Lebenstraum verfolgen wie James Bond einst Dr. No. Ich wünsche ihnen Glück.

Leider sind die Medien leer von Frauen, die sich für den "normalen Lauf der Dinge" entschieden haben. Die Frauen, die weiterhin geduldig auf Mr. Right warteten, ihn aber nicht rechtzeitig trafen. Die Mutigen, die zugeben, dass ihnen das Risiko, ab einem "bestimmten Alter" ein krankes Kind zu bekommen, zu groß war. Die Altmodischen, die auf Vater, Mutter, Kind und "wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" hofften.

Diese Frauen sind auch bemerkenswert, weil sie, wenn sie ganz ehrlich sind, immer ein bisschen traurig und enttäuscht sind und es sich trotzdem nicht anmerken lassen. Und manchmal sind sie auch neidisch. Ganz akut dann, wenn die übereifrigen Kolleginnen ständig von Kindergartenplätzen und ihren natürlich sehr talentierten Kindern reden und vergessen, dass um sie herum Frauen sitzen, die sich zwar damit abgefunden haben, dass sie nicht mitreden können, aber dennoch nicht ganz immun gegen den ständig im Büronebel schwirrenden "Baby Talk" sind. Die Wunde mag verheilt sein, aber wenn man lange genug daran kratzt, blutet sie doch.

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