"Ich habe mit 22 zum ersten Mal Insulin gespritzt"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Martina Trommer über die Diagnose Diabetes - mit 22.

Martina lebt zur Zeit in Berlin und Hamburg, wo sie Fotografie studiert und für ihren Blog icaneateverything.com schreibt. Im März 2013, da war sie 22 Jahre alt, bekam sie die zunächst schockierende Diagnose Diabetes Mellitus Typ 1, die ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt hat.

Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich bald an einem Lauf über mehrere Kilometer teilnehmen würde, ich hätte die Person ausgelacht. Laufen war nie mein Ding. Schon von klein auf hatte ich Knieprobleme, Konditionsprobleme und die fehlende Motivation. Heute trainiere ich freiwillig regelmäßig und mit viel Spaß für meinen ersten Staffellauf. Das ist ein kleines Wunder. Um zu erklären, wie es dazu kam, muss ich etwas ausholen.

Im Dezember 2012, ich war 22 Jahre alt und mitten im Studium, begann alles damit, dass ich sehr großen Durst hatte. Tagein, tagaus schüttete ich Flüssigkeiten aller Art in mich hinein: Wasser, Eistee, Säfte, sechs bis zehn Liter Flüssigkeit täglich. Und weil die Flüssigkeit meinen Körper auch wieder verlassen musste, schlief ich keine Nacht mehr durch, musste ständig auf die Toilette, hatte täglich viele heftige, mir unerklärliche Wadenkrämpfe und wurde mit der Zeit körperlich immer schwächer. Ein neues Jahr begann und immer öfter bekam ich von Freunden oder Verwandten zu hören, dass ich wahnsinnig viel abgenommen hätte. Absichtlich? Nein. Ich redete mir ein, dass es bestimmt vom vielen Trinken käme und mein Körper sicher gerade richtig toll entwässern würde, während ich meine Tage energielos im Bett verbrachte. Verrückt, wie man sich selbst mit den eigenen Ausreden beruhigen kann, obwohl ganz offensichtlich etwas mit dem Körper nicht zu stimmen scheint, oder?

Ende Februar 2013, mitten in meinen Semesterferien, holte mich eine Erkältung ein, die aber ausnahmsweise nicht, wie sonst, nach einer Woche wieder verschwand. Letztendlich musste ich zu meiner Hausärztin. Diese schien besorgt, als sie mich in der Sprechstunde sah und wollte mir sofort Blut abnehmen. Wer weiß, wo ich gelandet wäre, hätte sie das nicht gemacht. Am nächsten Morgen rief meine Ärztin an und teilte mir mit, dass sie mich sofort in ein Diabetes-Zentrum überweisen würde, da mein Blutzucker verdächtig hoch war. Verwirrt und wütend machte ich mich noch am gleichen Tag mit meinem Freund zum Termin ins besagte Zentrum auf. Dort wurden noch einmal mehrere Blut- und Urintests durchgeführt und wir mussten sehr lange warten.

Es fühlte sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben. Um mich herum im Wartezimmer saßen viele ältere Herrschaften, die sich nur langsam bewegten, einige mit Verletzungen an den Füßen; ich kam mir vor, wie in einem einzigen großen Diabetes-Klischee. Irgendwann wurden mein Freund und ich dann von einer Frau abgeholt und in ein Behandlungszimmer gebeten. Diese besondere Frau sollte von nun an meine Diabetesberaterin sein; ich bekam von ihr die sichere Diagnose Diabetes Mellitus Typ 1 und eine Einweisung in mein neues Leben obendrauf.

Schon zwei Stunden später setzte ich mir selbst meine erste Insulinspritze. Ja, ich hätte auch gerne darauf verzichtet, aber was muss, das muss. Denn Diabetes Mellitus Typ 1 ist, im Gegensatz zum weiter verbreiteten und besser bekannten Diabetes Mellitus Typ 2 (auch Altersdiabetes genannt), eine nicht reversible, chronische Autoimmun-Krankheit. Diese entsteht, weil der Körper aus irgendwelchen (von der Wissenschaft noch relativ ungeklärten) Gründen gegen die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse ankämpft. Und wenn die Beta-Zellen tot sind, können sie kein Insulin mehr produzieren. Dann muss es von außen zugeführt werden, damit die Energie aus der Nahrung in den Zellen aufgenommen werden kann.

Mit diesem Wissen machte mein großer Durst, die Energielosigkeit und das Abnehmen plötzlich Sinn. Von nun an hatte ich also einen neuen 24/7-Fulltimejob. Rund um die Uhr mitdenken war angesagt: Kohlenhydrate in jedem Essen berechnen, das man jahrelang unbeschwert und ohne Nachdenken gegessen hatte, Insulineinheiten bestimmen, mehrmals am Tag Blutzucker messen und mir selbst Spritzen setzen, alles notieren, jede körperliche Aktivität mit in das Ganze einbeziehen und nach Möglichkeit alles selbst analysieren, Messgerät, Spritzen und Insulin immer mit sich herumschleppen, nichts mehr vergessen. Es klingt genau so kompliziert, wie es ist.

Nach der Diagnose habe ich mich an meinen Laptop gesetzt und das WWW durchforstet. Relativ schnell fand ich dort eine Diabetes-Community, die mein ganzes Leben noch weiter umkrempeln sollte. Es gibt Diabetes-Blogs, Chats und sogar Stammtische im echten Leben. Erfahrungsaustausch mit anderen Diabetikern in meinem Alter: genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte, um weitermachen zu können, denn sie alle führen mit Diabetes ein großartiges Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Das motivierte mich. Ich begann selbst zu schreiben, habe meiner Wut und meinen Problemen Luft gemacht und als Plattform meinen eigenen Diabetes-Blog aufgebaut, mit dem ich wiederum andere Diabetiker motivieren kann.

Mittlerweile - es ist, wie gesagt, über ein Jahr vergangen - komme ich relativ gut mit der Krankheit zurecht. Sie gehört zu meinem Leben dazu, mit all ihren guten und schlechten Tagen. Nicht zuletzt auch dank meines Blogs aka virtuellen Tagebuches und den Menschen, die ich drum herum gefunden habe. Was zu Beginn nur online lebte, ist nun echt, ist mittlerweile zu Freundschaften geworden. Auch dank dieser Erfahrung werde ich dieses Frühjahr mit rund 20 tollen Diabetikern an meinem ersten Staffellauf teilnehmen – womit wir wieder beim Thema Laufen wären. Ohne den Diabetes und ohne meine Mitstreiter und Leser hätte ich vermutlich niemals die Motivation und den Spaß am Laufen gefunden, die ich heute habe. Wir trainieren gemeinsam, halten uns auf dem Laufenden und geben uns wichtige Tipps.

Das letzte Jahr war mein vielleicht bisher anstrengendstes, aufreibendes, und es hat mein ganzes Leben für immer verändert. Aber es hat mich zu einer stärkeren Person gemacht, die das Leben bewusster als je zuvor wahrnehmen kann.

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