"Ich trage kein Kopftuch mehr"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Rascha El-Sheak fasst nach vielen Jahren endlich den Mut zu Veränderungen. Es war ihr Land, das sie dazu motiviert hat.

Rascha El Sheakh ist Ägypterin und lebt mit ihren beiden Töchtern in Kairo. Sie arbeitet an der Deutschen Evangelischen Oberschule (DEO) als Lehrerin. Seit Februar 2013 ist sie zertifizierte Geschichten-und Märchenerzählerin – eine ihrer großen Leidenschaften. Ihr Erzählmotto lautet: Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen zum Wachwerden.

"Ich sehne mich nach einem hundertjährigen Schlaf. Wie bei Dornröschen. Nur anders. Ich möchte aufwachen und feststellen, dass nicht alles so geblieben ist, wie vor dem Einschlafen... dass mein Leben einfach nur Zeit braucht, um sich zu regenerieren. Ich brauche keine Dornen, die mich beschützen, und keinen Prinzen, der mich wachküsst. Ich möchte nur noch einschlafen, und es soll sich dann alles von selbst regeln."

Das sind Zeilen aus meinem Tagebuch, die nun viereinhalb Jahre alt sind. Sie stammen aus einer Zeit, in der das Wünschen ein Wünschen blieb und waghalsige Entscheidungen nur in meinen kühnsten Tagträumen getroffen wurden. Der hundertjährige Schlaf blieb dabei aus. Heute kann ich dazu sagen: Zum Glück! Was hätte ich doch alles verpasst, wenn ich schlafend auf ein Wunder gewartet hätte.

Es war der 25. Januar 2010. Ich saß am Computer und las erneut die Email, die ich eben an eine Freundin geschrieben, jedoch noch nicht abgeschickt hatte. Bei ihrem Anruf am Tag zuvor hatte sie mir berichtet, dass sie endlich den Mut gefunden hatte, ihr Leben zu verändern, und dass die größte Veränderung darin lag, ihrer unglücklichen Ehe ein Ende zu bereiten. Sie hatte mit ihrem Mann darüber gesprochen und auch er teilte diesen Wunsch. Beide wollten es ihren drei Kinder so schonend wie möglich beibringen.

Und nun versuchte ich, ihr diese Scheidung auszureden. Doch was ich schrieb, las sich ekelhaft. Allwissend, altbacken und mit einer gehörigen Portion Besserwisserei erklärte ich ihr in meinen Zeilen die Welt. Dabei unterschlug ich aber die Beklommenheit, die sich seit unserem Telefonat in mir breit machte. Es war die Stimme meiner eigenen Unzufriedenheit, die sich plötzlich lauthals meldete. Ich bewunderte den Mut meiner Freundin und verwünschte meine Mutlosigkeit, denn auch ich war unglücklich. Wie oft hatte ich versucht, in mein starres Leben etwas Bewegung reinzubringen, nur um festzustellen, dass sich nichts besserte.

Meine Ehe litt an einer Routineschleife, die ich zu durchbrechen versuchte, daran aber kläglich scheiterte. Wann hatten mein Mann und ich das letzte Mal herzlich miteinander gelacht? Warum sprachen wir so lieblos miteinander? Weshalb gelang es mir nicht mehr, mich nach seiner Umarmung zu sehnen oder darauf zu freuen? Wir hatten das verflixte siebte Jahr glücklich hinter uns gebracht, um festzustellen, dass es danach erst richtig verflixt los ging und nichts mehr war, wie zuvor.

Außerdem haderte ich mich meinem Aussehen. Wenn es einem schlecht geht und man sich ganz klein machen möchte, kann man kein aufsehenerregendes Auftreten gebrauchen. Doch genau das war mein Problem. Ich arbeitete damals an einer deutschen Institution und flog oft nach Deutschland. Mein Kopftuch zog die Blicke auf sich. Wann immer ich irgendwo erschien, wurde es schlagartig still und musterte man mich mit fragenden oder verurteilenden Blicken. Fing ich an zu sprechen, schlugen die Blicke in bewundernde um - man hatte wohl keine besonders guten Deutschkenntnisse von mir erwartet, schließlich war ich eine arabische Frau mit Kopftuch.

Wie oft musste ich mich beweisen, Vorurteile aus dem Weg schieben und mich erklären. Ich hatte es satt, aufgrund meiner Erscheinung in eine Schublade gesteckt zu werden. Doch was sollte ich tun? Ich wurde zunehmend verschlossener und in mich gekehrt. Ein Fehler, denn ich wurde krank. Diagnose: Ich stand kurz vor einem Herzinfarkt. Trotzdem wusste ich weder ein, noch aus, ich war in einer Sackgasse angekommen, und während ich die Zeilen an meine Freundin las, merkte ich, dass der Film meiner eigenen Unzufriedenheit, der sich in meinem Kopf gerade abspielte, erschreckend war. Es konnte so nicht weitergehen.

Die Worte meiner Freundin trieben mich an. Jeder ist seines Glückes Schmied - eine Weisheit, die nach Taten schrie. Ich holte mein Tagebuch hervor, las die Dornröschen-Zeilen und entschied, die Email an meine Freundin zu löschen. Schluss mit dem Selbstmitleid. Ich schrieb zum ersten Mal all die Dinge auf, die mich unglücklich machten. Die Gewalt dessen, was da zu Papier kam, das Ausmaß der Veränderung und ihre vermeintlichen Konsequenzen ließen mich beeindruckt zurück.

Prozesse brauchen ihre Zeit. Seit der Email brodelte es in mir. Ich wurde stiller - eine Eigenschaft an mir, die nur die zu deuten wissen, die mich sehr gut kennen: Es war die Ruhe vor dem Sturm. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht genau sagen, wie ich was verändern wollte. Ich wusste nur, dass mir eine gewaltige Entscheidung bevorstand. Genau ein Jahr später sollte es soweit sein, am Dienstag, den 25. Januar 2011. An diesem Tag und in den darauffolgenden drei Wochen lebte mir mein Heimatland das vor, was schon lange in mir geschah und es gab dem Ganzen einen Namen: Revolution! Ägypten rebellierte, wehrte sich gegen das alte Regime und hatte den Willen, endlich etwas grundlegend zu ändern. Es gab keine Kompromisse mehr und kein Zurück.

Das Fass war übergelaufen, und die Bewegung ließ sich nicht mehr aufhalten. Ich war ergriffen und nahm mein Land und meine Landsleute in dieser Zeit viel intensiver wahr. Ägypten zeigte sich von seiner bestimmenden Seite und verlieh sich eine Stimme, die nicht zu überhören war. Und das machte einiges mit mir. Es ermutigte mich. Es gab mir die Kraft und den nötigen Mut, nun meinen Weg einzuschlagen. Die Zeit war reif.

Am 04. Februar 2011 legte ich mein Kopftuch ab. Und das, nachdem ich es 22 Jahre lang getragen hatte. Es kostete mich viel Überwindung, die ersten Schritte außerhalb meiner vier Wände ohne Kopfbedeckung zu machen. Ich fühlte mich zwar ertappt, sobald mich die nichtsahnenden Blicke der Anderen trafen, doch es ging mir gut. Ich fiel endlich nicht mehr auf. Anonymität fühlte sich wunderbar an. Ich musste mich weder beweisen, noch rechtfertigen. Es war nicht so, dass ich mit meiner Religion ein Problem hatte. Meine eigene Haut war mir durch meine Lebensumstände zu eng geworden und ich brauchte Luft.

Ähnlich wie bei der Matrjoschka-Puppe ist die Wahrheit schachtelbar, wenn es darum geht, der Familie, den Freunden, den Kollegen und dem Umfeld zu erklären, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Je enger die Menschen mit mir verbunden waren, desto mehr öffnete ich mich und erzählte ihnen, was mit mir los war. Macht das Ablegen des Kopftuches mich zu einer schlechteren oder besseren Person? Das ist eine Frage, die sich nicht stellen darf, denn in dieser Hinsicht ist das Tuch tatsächlich nichts weiter als ein Stück Stoff. Kleider machen Leute, das ist richtig, doch Kleider machen Leute nicht aus. Zum Glück!

Dieser Schritt ist nun drei Jahre her, und er war der erste von einigen lebensverändernden Schritten. Seit zweieinhalb Jahren bin ich glücklich geschieden. Das hätte ich mir am 25.01.2010 nicht träumen lassen. Mein Fazit: Ich bin mit und an diesen Entscheidungen gewachsen und bereue keine einzige davon. Interessant war und ist, wie mein Freundeskreis sich mit jeder neuen Entscheidung verändert. Dass mein eigener Weg andere so sehr aus dem Konzept bringen würde, hätte ich nicht erwartet. Und so trennt sich seit nunmehr drei Jahren immer wieder die Spreu vom Weizen. Doch auch dafür bin ich dankbar und darf weiterhin auf das gespannt sein, was kommt. Den hundertjährigen Schlaf überlasse ich aber weiterhin lieber Dornröschen.

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